Eichhörnchen-Notruf Asyl für Eichhörnchen

Bremen. Jürgen Conrad kümmert sich um verwaiste oder verletzte Eichhörnchen und gibt ihnen dann ihre Frieheit zurück.
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Von Elke Hoesmann

Jürgen Conrad päppelt Eichhörnchen auf, die ihm als Babys oder verletzt gebracht werden. Sind sie aus dem Gröbsten heraus, kommen die Hörnchen zunächst in eine Auswilderungsvoliere und dann in die Freiheit. Der Bremer ist über ein Notfall-Telefon erreichbar. In seinem Garten steht ein großes Gehege für behinderte Eichhörnchen, die in der Natur nicht überleben würden. Eine Zucht der Nager lehnt er strikt ab. Immer noch werden Hörnchen aus Nachzuchten verkauft und verschickt.

Finden Fußgänger verwaiste oder verletzte Eichhörnchen, wissen sie oft nicht weiter. In der Hand wärmen und zum Tierheim, zur Tierklinik oder zu ihm bringen, rät Jürgen Conrad vom Verein „Eichhörnchen-Notruf“. Die Tiere hätten keine Überlebenschance, wenn sie nicht schnell versorgt würden.

Seit sechs Jahren kümmert sich der Bremer um Findlinge, gibt den Babys das Fläschchen mit Aufzuchtmilch und betreut sie professionell in seinem Haus am Stadtrand, bis sie mit etwa zwei Monaten reif sind für die Auswilderungsvoliere. Dort gewöhnen sich die Hörnchen an Außentemperaturen und Geräusche, werden wieder scheu, bevor sie in die Freiheit springen. Jürgen Conrad wildert seine Tiere aber nicht zu Hause aus, weil dort viele Raubvögel kreisen, sondern bringt sie zu Auffangstationen in Heidenau und Garlstedt.

Katrinchen hat Glück gehabt. Das jetzt sieben Wochen alte Eichhörnchen war in Horn von einer Katze gebissen und von Tierfreunden zu Conrad gebracht worden. Jetzt saugt der kleine Nager gierig am Milchfläschchen, umklammert es mit den winzigen Füßchen. Behutsam streichelt ihm Conrad den weißen Bauch, um die Verdauung anzuregen. Das Hörnchen entspannt sich und kommt zurück in die Pflegebox zu Muckelchen, der schon auf seine Milch wartet. Er ist etwa eine Woche älter und lebhafter, sofort klettert er auf Conrads Rücken, will seine Umwelt erkunden.

Der Bremer hat im Garten ein großes Gehege um einen Haselnussbaum gebaut, wo er fünf behinderte Eichhörnchen pflegt. Eines hat eine gelähmte Pfote, ein anderes ist auf einem Auge blind. Sie erhalten hier ihr Gnadenbrot: Hasel- und Walnüsse, Äpfel, Beeren und Körner. „Würde ich sie herauslassen, wären sie Lebendfutter für die Raubvögel“, sagt Conrad. Aus ganz Deutschland erreichen ihn Anrufe von Tierschützern, die behinderte Hörnchen auf Dauer bei ihm unterbringen möchten.

Nur in solchen Fällen unterstützt er die Käfighaltung. Lieber sieht der 51-Jährige seine Zöglinge als „Gäste, die auch wieder gehen“. Wildtiere gehörten nicht in Volieren; die Zucht von Eichhörnchen lehne er ab. In Deutschland ist es zwar verboten, die besonders geschützten Tiere zu fangen, zu besitzen und zu vermarkten, aber ihre Haltung ist legal, wenn sie gezüchtet oder aus einem Nicht-EU-Staat importiert werden. Im Internet werden Eichhörnchen ab 20 Euro angeboten. Für die Zucht braucht man eine Genehmigung der Naturschutzbehörde. Die wird zumindest in Bremen seit Jahren nicht mehr ausgestellt, heißt es auf Nachfrage. Auch die Haltung muss gemeldet werden.

Viele kauften Eichhörnchen aus falsch verstandener Tierliebe, sagt Conrad. „Weil sie so niedlich und putzig sind, kommen sie ins Haus. Wenn sie später aber beißen, bleiben sie in ihren Käfigen, drehen durch und laufen ständig im Kreis.“ Häufig werde auch der Aufwand für die Pflege unterschätzt. Die Kleinsten brauchen alle drei Stunden die Flasche – rund um die Uhr. Jürgen Conrad ist froh, dass ihm seit einem Dreivierteljahr eine eingearbeitete Kraft hilft. Doris Rieck hat bereits einen Fünfer-Wurf aus Schwachhausen großgezogen; auch sie arbeitet ehrenamtlich.

Teure Aufzuchtmilch

70 bis 100 Eichhörnchen betreut Conrad im Jahr, und das geht ins Geld: Vor allem die Aufzuchtmilch sei teuer, erzählt er. Öfter müsse er auch zu Findern fahren und die Tiere abholen, und nur wenige gäben Geld für die Pflege. Zuschüsse erhält er nicht, allerdings unterstützt ihn der Tierarzt Hilmar Hagens aus Seehausen. Auch am Wochenende komme der Arzt unentgeltlich für Notoperationen ins Haus, sagt Conrad.

Gerade im Herbst springen die Hörnchen auf der Suche nach Winterfutter oft vor Autos. Denn immer mehr Nager weichen in bewohnte Gebiete aus, weil ihnen die aufgeräumten Wälder nicht genügend Nahrung bieten. In der Stadt erobern sie die Bäume und fressen die für Vögel hingestellten Körner. Dennoch sinke die Bestandszahl, sagt Conrad, auch weil Gartenbesitzer große Bäume fällten und der Verkehr viele Opfer fordere.

Eine weitere Gefahr für die Kletterkünstler ist das Grauhörnchen, das aus den USA stammt und sich in Europa ausbreitet. In Großbritannien habe es bereits den kleineren europäischen Nager verdrängt, berichtet Conrad. Gegen die robusteren, vermehrungsfreudigen Grauhörnchen hätten die Roten keine Chance. So freut sich der Bremer über jedes einheimische Eichhörnchen, das er wieder in die Freiheit schicken kann. „Wenn ich sehe, wie sie auf den nächsten Baum springen, weiß ich: Ich habe einen guten Job gemacht.“

Der Eichhörnchen-Notruf ist erreichbar unter Telefon 070020020012. Jürgen Conrad (Telefon 0179/7424479) bittet um Hasel- und Walnüsse aus der Natur sowie um Winteräpfel.

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