Aufenthalte geraten ins Stocken

Keine Familie auf Zeit: Au-Pairs in Corona-Zeiten

Schwierige Einreise-Bedingungen für Au-Pairs in Corona-Zeiten: Junge Menschen aus Nicht-EU-Staaten bekommen keine Visa. Auch deutsche Au-Pairs sind mit Reisewarnungen und geschlossenen Grenzen konfrontiert.
15.08.2020, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Helke Diers
Keine Familie auf Zeit: Au-Pairs in Corona-Zeiten

La’iqah Thomas ist Au-Pair bei Familie Brägelmann aus Kattenturm und spielt gerne mit Linus.

Christina Kuhaupt

„Nichts funktioniert außer Europa“, fasst Monika Supernok die Lage für aus Deutschland kommende Au-Pairs zusammen. Sie ist Leiterin der Au-Pair-Agentur MultiKultur und im Vorstand des Verbandes Gütegemeinschaft Au-Pair. Seitdem die Grenzen teilweise geschlossen sind, ist auch die Einreise für Au-Pairs schwierig geworden: Viele junge Menschen aus Nicht-EU-Staaten bekommen keine Visa. Auch wer als deutsches Au-Pair ausreisen möchte, sieht sich mit Reisewarnungen, unklaren Pandemieszenarien und geschlossenen Grenzen konfrontiert.

Mit und bei einer zunächst fremden Familie zu wohnen, die Kinderbetreuung zu unterstützen und ein neues Land kennenzulernen – so sieht der Alltag eines Au-Pairs idealerweise aus. „Man lernt auf eigenen Beinen zu stehen und Entscheidungen zu treffen, erwachsen zu werden und mit Problemen umzugehen“, beschreibt Monika Supernok die Au-Pair-Zeit. So hat es auch die Familie von Jessica Brägelmann aus Kattenturm im letzten Jahr mit ihrem Au-Pair erlebt. Seit Oktober wohnt die 20-jährige La´iqua aus Simbabwe im Haus der Familie mit drei Kindern. „Es ist total schön für die Kinder, wie eine große Schwester“, sagt Brägelmann. Ihre Kinder sind siebeneinhalb und ein Jahr alt. Ihr Au-Pair unterstütze die Eltern mit den Kindern, gehe mit ihnen auf den Spielplatz, bastele und fahre mit in den Urlaub. Eine wertvolle Erfahrung und Bereicherung für alle sei das, sagt Brägelmann.

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Seit dem Frühjahr wäre die Einreise für das Au-Pair aus Simbabwe nicht mehr möglich gewesen. Glück hatte, wer bereits in Deutschland war. „Aus den EU-Ländern dürfen die Au-Pairs seit dem 15.6. wieder einreisen“, beschreibt Supernok die momentane Lage. Aus Nicht-EU-Ländern sei die Einreise aus einzelnen Staaten inzwischen wieder erlaubt, aber nicht aus den Hauptherkunftsländern der jungen Erwachsenen. Welche das sind, erklärt Sandrine Link, Vorsitzende des zweiten großen Verbandes Aupair Society: Kolumbien, Georgien, Ukraine, Russland und Tansania liegen vorne.

Supernok erzählt von über die Welt verteilten jungen Erwachsenen, deren Weg nach Deutschland vorerst gestoppt wurde. „Viele haben ein Visum, aber können nicht einreisen.“ Diejenigen ohne Visum stünden bei den Botschaften vor verschlossenen Türen. „Die Termine sind abgesagt, die Botschaften zum Teil geschlossen oder Termine nur für ausgewählte Gruppen vorhanden“, sagt sie. Ähnliches beschreibt Dorothea Weber, Leiterin der Vermittlungsstelle des christlichen Vereins für Internationale Jugendarbeit in Bremen. „In Ländern wie die Ukraine oder Russland, aus denen unsere Au-Pairs häufig her kommen, passiert eben nichts.“ Die große Webplattform aupairworld.com führte im März einen Filter ein, mit dem sich gezielt nach Au-Pairs suchen lässt, die sich bereits im eigenen Land aufhalten.

Überwiegend junge Menschen aus visumspflichtigen Ländern

Wie viele Au-Pairs jährlich nach Deutschland kommen, ist unklar. Von rund 9100 erteilten Visa berichtet Sandrine Link von Aupair Society. Diese Zahl bezieht sich auf von der Agentur für Arbeit erteilte Zustimmungen zur Arbeitsaufnahme als Au-Pair für Nicht-EU-Bürger. Dazu kommen EU-Bürger, die kein Visum benötigen. Das Auswärtige Amt erfasst die Zahl der erteilten Visa für Au-Pairs nicht gesondert, in deren Statistik werden die Familienmitglieder auf Zeit als Erwerbstätige geführt. Monika Supernok von der Gütegemeinschaft schätzt, es kämen jährlich etwa 14.000 oder 15.000 junge Menschen nach Deutschland, rund die Hälfte davon mit einem Visum. Die Agenturen würden ganz überwiegend junge Menschen aus visumspflichtigen Ländern vermitteln, EU-Bürger oft selbstorganisiert kommen.

Glücklich ist, wer bereits vor Corona ein Au-Pair aufnehmen konnte. „Vor Corona war es nett. Mit Corona war es unsere Rettung“, erzählt Brägelmann über die ersten Monate der Pandemie, in der die Kinderbetreuung weitgehend ins Private verlegt wurde. Sie und ihr Mann hätten sich ihre Arbeitszeit recht gut einteilen können und waren trotzdem froh über die Unterstützung. Die älteste Tochter hatte erst ab Mitte Juni einen Schultag pro Woche. Auch Supernok sagt: „Als Agentur merken wir, wie sich die Lage der Familien ändert. Viele sind inzwischen resigniert und entkräftet.“ Schule und Kindergarten finden oft nur eingeschränkt statt, gleichzeitig werden Homeofficelösungen wieder zurückgefahren. Weber von der Bremer Vermittlungsstelle meint dazu: „Wir haben ganz viele Anfragen von Familien, die jemanden aufnehmen wollen.“ Familien mit einem Au-Pair hätten weniger Schwierigkeiten gehabt, die fehlende Betreuung zu auszugleichen.

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Nur wenige Au-Pairs haben ihren Aufenthalt in Deutschland wegen der Pandemie abgebrochen. „Bei ganz wenigen haben die Eltern gesagt, sie sollen nach Hause kommen“, sagt Weber aus Bremen. „Vielleicht fünf bis zehn Prozent“, schätzt Supernok.

Von den deutschen Au-Pairs in anderen Ländern seien dagegen rund ein Drittel wieder nach Deutschland zurückgekehrt. „Viele sind in Ländern mit guter medizinischer Versorgung“, sagt Supernok. Für die Au-Pairs, die seit Frühjahr ausreisen wollten, ist dagegen Warten angesagt. Die Agentur von Monika Supernok vermittelt nach ihren Angaben jährlich normalerweise rund 600 junge Menschen ins Ausland. „England, Australien, Neuseeland, USA waren immer die Hauptziele.“ Die Ausreise außerhalb Europas sei gerade unmöglich. Auch das Infektionsgeschehen spielt eine Rolle. „England ging überhaupt nicht“, sagt Weber.

Forderung die Einreise aus Nicht-EU-Staaten zu erlauben

Die Verbände wollen die Einreisehindernisse nicht länger hinnehmen. „Wir sind sehr empört, dass das Ministerium nichts unternimmt, damit die Mädchen Termine in der Botschaft bekommen“, sagt Link von Aupair Society über die Situation der ausländischen Au-Pairs. Man habe auf Onlinegespräche gehofft, um das Visumverfahren zu starten. „Es wäre Zeit, jetzt Termine zu vergeben, damit die Botschaften Zeit haben, die Anträge zu bearbeiten und die Mädchen sich vorbereiten können.“ Die Gütegemeinschaft hat eine Online-Petition gestartet. Sie fordern im wesentlichen, die Einreise aus Nicht-EU-Staaten zu erlauben, Visa unbürokratisch zu erteilen und zu verlängern.

Die Familie von Jessica Brägelmann sucht nach einem neuen Au-Pair ab September. Und das ist gar nicht so einfach. Studentin Brägelmann kommt zu Gute, dass weiterhin viele Veranstaltungen an der Universität digital stattfinden werden. „Wir sind nicht auf Teufel komm raus auf ein Au-Pair angewiesen“, sagt sie. Die Familie wünscht sich ein englischsprachiges Au-Pair. Trotzdem schränken die Infektionszahlen die Möglichkeiten ein: „Amerika käme für uns gerade nicht infrage“, sagt Brägelmann. Ihr jetziges Au-Pair wird bei ihnen wohnen bleiben und ein Freiwilliges Soziales Jahr absolvieren – so bleibt die Familie auf Zeit noch ein bisschen länger bestehen.

Info

Zur Sache

Die Geschichte der Au-Pairs

Als Au-Pair werden junge Erwachsene bezeichnet, die meist im Ausland bei Gastfamilien leben, um dort in erster Linie bei der Kinderbetreuung zu helfen und im Gegenzug Sprache und Kultur des Gastlandes kennenzulernen. Verpflegung, Unterkunft und Taschengeld werden in der Regel von der Gastfamilie übernommen. Die Ursprünge des Au-Pair (französisch „auf Gegenleistung“) reichen bis ins 18. Jahrhundert zurück und stammen aus der Schweiz.

Damals schickten wohlhabende Familien ihre Töchter zu Familien ins Ausland, damit sie dort eine andere Sprache lernten und etwas Bildung erhielten. Beim Au-Pair handelt es sich eigentlich nicht um ein Arbeitsverhältnis, obwohl in Deutschland arbeits- und sozialrechtliche Regelungen angewendet werden. Um illegalen Arbeitsverhältnissen vorzubeugen, wurde ein Gütezeichen Au-pair entwickelt.

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