Laut Studie der Bertelsmann-Stiftung Bremer „Corona-Helden“ drohen Einkommensverluste

Eine Studie im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung sagt unteren Einkommensgruppen Verluste voraus. Das betrifft nicht zuletzt die Pflege, den sozialen Bereich und den Einzelhandel.
12.12.2020, 05:00
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Bremer „Corona-Helden“ drohen Einkommensverluste
Von Justus Randt

Pflegekräften, Beschäftigten im medizinischen Bereich und im Einzelhandel drohen reale Einkommensverluste. Das prognostiziert eine im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung erstellte Studie über „Corona-Helden“. Beschäftigte mit hohen Gehältern hingegen könnten mit Gehaltszuwächsen rechnen.

Das Lohnwachstum der Branchen, so die Untersuchung, hänge mit dem jeweiligen Produktivitätswachstum zusammen. Und das werde bis 2025 „in diesen arbeitsintensiven Branchen des Gesundheitswesens oder des Einzelhandels nur etwa halb so hoch ausfallen wie im verarbeitenden Gewerbe und der Chemie- und der Elektroindustrie“.

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Im Frühjahr wurde Pflegerinnen und Pflegern, die in Krankenhäusern und Pflegeheimen arbeiten, für ihren Einsatz unter Corona-Bedingungen applaudiert. Auch Supermarktkassiererinnen sind als Heldinnen gefeiert worden, werden aber deshalb längst noch nicht besser bezahlt.

Corona-Prämien sind bislang die Ausnahme geblieben. „Und für uns ist davon bis heute nicht einmal die Rede gewesen“, sagt Hannelore König. Die Präsidentin des Verbandes medizinischer Fachberufe (VMF) hat die Studie wegen der laufenden Tarifverhandlungen für die bundesweit mehr als 400 000 Medizinischen Fachangestellten (MFA) erst oberflächlich zur Kenntnis genommen – stimmt der Voraussage aber im Prinzip zu. Die früher als Arzthelferinnen bekannten MFA, 4037 von ihnen in Bremer Praxen beschäftigt, „laufen der Gehaltsentwicklung weiter hinterher“.

Ein wertschätzendes Signal

Und das, obwohl soeben eine Gehaltssteigerung von insgesamt zwölf Prozent bis Ende 2023 ausgehandelt worden ist. Die Tinte unter dem just geschlossenen neuen Tarifvertrag ist noch nicht trocken, bis zum 15. Dezember besteht noch eine Widerspruchsmöglichkeit. „Wir sehen das als wertschätzendes Signal“, stellt die Verbandspräsidentin fest. Die Medizinischen Fachangestellten hatten lange um Aufmerksamkeit für ihren aufreibenden Einsatz gegen die Pandemie in vorderster Reihe gerungen. König: „Es wird enorm viel geleistet, 19 von 20 Covid-19-Patienten werden im ambulanten Bereich, in den Praxen, behandelt.“

Nachdem in den vergangenen Jahren je zwei bis drei Prozent Gehaltssteigerungen erzielt worden seien, bedeute das vorbehaltliche aktuelle Ergebnis im Mittelwert Gehaltssteigerungen von rund 350 Euro. Gegenwärtig liege das durchschnittliche Brutto-Monatseinkommen der MFA bei 2861 Euro, sagt Hannelore König. „Unter dem Durchschnittsgehalt für gelernte Kräfte von 3200 Euro in Deutschland. Auch im Vergleich zu den verwaltenden Tätigkeiten im Gesundheitswesen, beispielsweise bei Krankenkassen, sind wir vom Bundesdurchschnitt weit entfernt.“

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Kornelia Knieper, Vize-Bezirksgeschäftsführerin und Sprecherin des Verdi-Bezirks Bremen/Nordniedersachsen, wundert sich nicht über die Prognose: „Es war abzusehen, dass Frauen in den Bereichen überwiegend weiter abgehängt sind. Die Wertschätzung im Einzelhandel und im sozialen Bereich ist nicht so da.“ Auch in der Pflege sei, verglichen mit anderen Bereichen, „noch viel Luft nach oben“.

Das wirklich Schlimme sind die Arbeitsbedingungen

Verdi-Gewerkschaftssekretärin Kerstin Bringmann, in Bremen und Bremerhaven zuständig für Pflege- und soziale Berufsgruppen, greift das Stichwort vom Wachstum der Arbeitsproduktivität auf: „Im Moment steigern wir die Produktivität ins Unermessliche, die Pflege ist am Limit.“ Für die Pflegebeschäftigten in der Tarifgemeinschaft Pflege in Bremen (plus vier Prozent ab Januar) und im öffentlichen Dienst seien Verträge ausgehandelt worden. „Das Ergebnis kommt der Forderung, dass Pflege einen ordentlichen Lohn verdient, einen großen Schritt näher.“ Noch bis zum heutigen Sonnabend dauere die Erklärungsfrist der Tarifparteien. „Natürlich würde jeder gerne 1000 Euro mehr verdienen“, sagt Kerstin Bringmann. „Aber das wirklich Schlimme sind die Arbeitsbedingungen, weil zu wenig Personal da ist.“

Für den Regionalverband Nordwest des Deutschen Berufsverbandes für Pflegeberufe mit rund 7000 Mitgliedern ist der „rein ökonomische Ansatz der Studie realistisch“, sagt Pressereferentin Katharina von Croy. „Erschreckend ist aber die einseitige Betrachtung der Dinge.“ Gesellschaft und Wirtschaft stünden durch die Corona-Pandemie vor einem Riesenwandel. „Es wird nicht mehr darum gehen, möglichst viele tolle Autos zu verkaufen, sondern um die Frage: Wer wird uns pflegen?“

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++ Dieser Artikel wurde um 16.39 Uhr aktualisiert ++

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