Klimaschutz, Hochwasser und Deichbau hängen für Deichhauptmann Michael Schirmer zusammen

Auch den Borgfeldern drohen nasse Füsse

Borgfeld. Michael Schirmer könnte sich nach einem langen und erfolgreichen Berufsleben zufrieden zurücklehnen. Davon ist der 68-Jährige allerdings weit entfernt. Der Borgfelder kümmert sich als Deichhauptmann vorrangig um den Hochwasserschutz der rechten Weserseite in einem Streifen von Rekum, dem Werderland und dem Blockland bis hin zum Weserwehr. Doch Hochwasserschutz ist für den Borgfelder viel mehr. "Es geht um internationale Klimapolitik, Wirtschaftsinteressen, Naturschutz und auch um die geplante Vertiefung der Unterweser. "Alle Faktoren spielen eine Rolle und wirken sich auf die Deichsicherheit an der Wümme bis nach Borgfeld aus."
21.04.2013, 05:00
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Von Klaus Göckeritz
Auch den Borgfeldern drohen nasse Füsse

Michael Schirmer beobachtet den Wasserstand der Wümme.

Hasselberg

Borgfeld. Michael Schirmer könnte sich nach einem langen und erfolgreichen Berufsleben zufrieden zurücklehnen. Davon ist der 68-Jährige allerdings weit entfernt. Der Borgfelder kümmert sich als Deichhauptmann vorrangig um den Hochwasserschutz der rechten Weserseite in einem Streifen von Rekum, dem Werderland und dem Blockland bis hin zum Weserwehr. Doch Hochwasserschutz ist für den Borgfelder viel mehr. "Es geht um internationale Klimapolitik, Wirtschaftsinteressen, Naturschutz und auch um die geplante Vertiefung der Unterweser. "Alle Faktoren spielen eine Rolle und wirken sich auf die Deichsicherheit an der Wümme bis nach Borgfeld aus."

Michael Schirmer ist nicht nur gewählter Deichhauptmann eines Verbands mit rund 88000 Mitgliedern, der sich notgedrungen auf eine ungemütliche Zukunft einstellen muss – eine Zukunft, die mit einem Anstieg des Meeresspiegels und heftigeren und häufigeren Hochwassern nichts Gutes verspricht. "Die Klimaveränderung und die Folgen sind eine Tatsache, das ist leider so." Der aktuelle Ausbau der Deichsicherheit an der Weser von Bremerhaven bis Bremen kostet rund 250 Millionen Euro. Die nächste Erhöhung ist aus Sicht Schirmers absehbar. In 20 bis 25 Jahren müssen die Deiche auf Grund des steigenden Meeresspiegels ein weiteres Mal erhöht werden.

Schirmer ist aber auch ein Mann, der seine Nähe zur Grünenpartei nicht leugnet. Und deshalb macht es ihn wütend, wenn er merkt, dass die beteiligten Staaten auf Klimakonferenzen das Problem Klimawandel zerreden.

Dabei haben aus Sicht Schirmers auch die großen Industrienationen Grund genug für einen Politikwechsel. Er hält den jüngsten Hurrikan in New York mit einem Schaden in Höhe von 80 Milliarden Dollar für ebenso hausgemacht wie die gerade erst abgeebbte Kältewelle in Russland, die mit einem Wechsel der Eisverhältnisse zu tun gehabt habe. Der Deichhauptmann fordert deshalb ein generelles Umdenken. Die Politiker seien aufgefordert, die gesamte Umweltbilanz in den Blick zu nehmen. "Eine kurzfristige Betrachtung ist nicht ausreichend. Wer über Klimaschutz und Klimaveränderung redet, muss die gesamten volkswirtschaftlichen Schäden und Folgeschäden in die Betrachtung einbeziehen."

Deshalb ist es für ihn nicht nachvollziehbar, dass Wirtschaftsverbände und Hafenwirtschaft auf der Vertiefung der Unterweser bestehen. Und zwar um 1,5 Meter in Bremerhaven, 80 Zentimeter bis Brake und einen halben Meter in Richtung Bremen. In der Folge würden Ebbe und Flut nicht nur schneller, sondern auch heftiger auf die Deiche drücken. "Ganz zu schweigen von Hochwassern oder Sturmfluten", wie Schirmer betont. Er kann nicht nachvollziehen, dass offenbar nur wirtschaftliche Interessen den Ausschlag geben sollen.

Wesentlich sinnvoller sei es, wenn der Staat das Ruder in die Hand nähme. Vernünftiger wäre aus seiner Sicht, wenn große Schiffe am eigens dafür gebauten neuen Jade-Weser-Port in Wilhelmshaven festmachen würden. "Aber Reeder und Hafenwirtschaft wollen, dass große Schiffe auch bei Ebbe das Containerterminal in Bremerhaven anlaufen können." Genauso verhält es sich aus Sicht des Borgfelders mit dem Braker Hafen, der als Umschlagplatz für Tierfutter der Mastbetriebe in der Region Cloppenburg gilt. Auch die Vertiefung bis Bremen sei nicht sinnvoll, wenn dafür im Gegenzug nur ein großer Erzfrachter einmal pro Woche im Industriehafen festmache. Die Konkurrenz der norddeutschen Häfen untereinander erinnert den ehemaligen Hochschullehrer "an mittelalterliches Gehabe, um sich gegenseitig die Beute abzujagen". Die Weservertiefung werfe die Region umweltpolitisch zurück.

Die Folgen seien zunehmend auch in Borgfeld zu spüren. Wie Schirmer beobachtet, ist der Tidenhub auf einen Meter angewachsen, schädigt das ein- und ausströmende Wasser die Uferbereiche und zerstört zunehmend das europäisch geschützte Gebiet der Wümmeniederung. Deshalb hofft er, dass die beim Bundesverwaltungsgericht anhängige und im nächsten Mai zu verhandelnde Klage des Umweltverbands BUND gegen die Vertiefung erfolgreich ist. Noch sei der Ortsteil Borgfeld vor schweren Überschwemmungen und Folgeschäden verschont geblieben. Aber ein "weiter so" könne es nicht geben, warnt der Deichhauptmann.

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