Teilhabe von Menschen mit Behinderung

Auch im Internet oft außen vor

Forscher haben in Bremen die Mediennutzung von Menschen mit geistiger Behinderung untersucht und zwei große Barrieren entdeckt. Auf einem Fachtag im Martinsclub gaben sie Pädagogen Anleitungen für die Praxis.
15.11.2018, 21:12
Lesedauer: 3 Min
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Von Eva Przybyla
Auch im Internet oft außen vor

Raul Krauthausen (r.), hier bei der diesjährigen Verleihung der Grimme Online Awards, war am Donnerstag in Bremen zu Gast.

Henning Kaiser/dpa

Menschen, die eine geistige Behinderung haben, sind in Bremen häufig von der Internetnutzung ausgeschlossen. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Studie, die Wissenschaftler der Technischen Universität Dortmund mit dem Hamburger Hans-Bredow-Institut durchführten. In Auftrag gegeben hatte sie die Bremische Landesmedienanstalt. Unter dem Titel „Medienkompetenz in der Behindertenhilfe in Bremen“ haben die Forscher Ingo Bosse und Nadja Zaynel knapp ein Jahr lang 14 Mitarbeiter von zehn Einrichtungen im Land Bremen befragt, die mit geistig behinderten Menschen arbeiten. In den Gesprächsprotokollen fanden die Wissenschaftler große Barrieren. Am ­Donnerstag stellten sie ihre Ergebnisse im Martinsclub vor.

Fehlende Geräte wie etwa Smartphones, ­Tablets und Computer in den Behinderteneinrichtungen im Land Bremen machen Bosse und Zaynel in ihrer Arbeit als eine der Ursachen für die fehlende Möglichkeit zur Teilhabe aus. „Es gibt nur drei Tablets in allen 14 Einrichtungen“, sagt Bosse. Und gut die Hälfte der Einrichtungen hätte überhaupt einen WLAN-Zugang. Sind Menschen mit geistiger Behinderung deshalb ausgeschlossen?

Diese Aussage trifft aus Sicht des Forschers zu. Bosse hofft nun, dass das neu beschlossene Bundesteilhabegesetz eine Änderung für behinderte Menschen in Deutschland bringt. Falle nämlich die Mediennutzung unter die Teilhabe, müsste die Politik die Behinderteneinrichtungen finanziell besser unterstützen. Derzeit könnten sich die meisten Einrichtungen keine Mediengeräte leisten. Ein weiteres Hindernis stellen laut Studie außerdem oft die pädagogischen Fachkräfte in den Einrichtungen dar, weil diese ihren Klienten oft keinen Zugang zum Internet ermöglichen.

Zum Umdenken bewegen

Damit Menschen mit geistiger Behinderung auch bei der Mediennutzung gleichberechtigt sind, haben die Forscher Praktiken für den Alltag in den Einrichtungen entwickelt. Bosse will aber auch die Fachkräfte von Fortbildungen von der Mediennutzung überzeugen und zum Umdenken bewegen. Statt Menschen mit geistiger Behinderung ständig „beschützen“ zu wollen, sollten sie die Unabhängigkeit ihrer Klienten in den Behinderteneinrichtungen stärken.

„Je selbstständiger man ist, desto selbstständiger kann man auch ein Handy benutzen“, sagt Bosse. Aber häufig hätten die Sozialpädagogen selbst Berührungsängste mit Handys oder Tablets und würden diese deshalb in der Einrichtung nicht benutzen. Deshalb sollten sie zunächst ihre eigene Mediennutzung reflektieren. „Fragen Sie sich: Wie bin ich überhaupt mit Medien aufgewachsen?“, rät Bosse.

Der Praktiker Bernhard Spelten von dem Düsseldorfer Selbsthilfenetzwerk Piksl macht bei seinen Tablet-Stunden in Einrichtungen nach eigenen Angaben gute Erfahrungen. Viele Menschen mit geistiger Behinderung wären sehr interessiert an den Geräten und ihren Möglichkeiten. Man müsse nur den ersten Auslöser schaffen. „Dafür sollte man die eigenen Bedürfnisse der Menschen in den Mittelpunkt stellen“, erläuterte er an diesem Donnerstag beim Fachtag.

„Das Internet hat viele Potenziale“

Wenn etwa jemand gerne koche, könne er auf Youtube nach Videoanleitungen für Gerichte schauen oder auf Google Bilder nach einem Gericht suchen. „Das Internet hat viele Potenziale“, sagt auch Raúl Krauthausen, der Berliner Mitgründer der Sozialhelden, auf dem Fachtag. Optional sei die Mediennutzung für den Inklusionsaktivisten keineswegs. Er betont: „Geistig behinderte Menschen haben – wie jeder – das Recht darauf, an den Neuen Medien teilzunehmen.“

50 Medienpädagogen und Mitarbeiter der Behindertenhilfe aus Bremen, Niedersachsen und Bayern kamen zu dem Vortrag der Wissenschaftler und zu den Workshops innerhalb des Fachtags „Teilhabe 2.0 – Mediale Selbstbestimmung in der Praxis“ am Donnerstag in die Hansestadt. Vor Ort war außerdem Bremens Bürgermeister Carsten Sieling (SPD).

Veranstaltet hatte den praxisorientierten Fachtag die Bremische Landesmedienanstalt zusammen mit dem Martinsclub sowie dem Bremer Landesbehindertenbeauftragten Joachim Steinbrück.

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