Unterschiede innerhalb Bremens Graffiti-Szene

Großstadtkunst mit hohem Stellenwert

Die SPD-Fraktion will mehr Flächen für erlaubtes Sprayen bereitstellen, um Sachbeschädigung vorzubeugen. Der Senat ist skeptisch und geht davon aus, dass viele aus „politisch-ideologischen Gründen“ sprühen.
11.01.2021, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Großstadtkunst mit hohem Stellenwert
Von Justus Randt

„Graffiti – große Kunst oder lästige Schmierereien?“ Diese Frage hat die SPD-Fraktion sich und dem Senat gestellt. Bei der Einschätzung der Szene machen die Behörden große Unterschiede. Zum einen gebe es jene, die „früher illegal gesprüht haben, die aber ihren künstlerischen Anspruch soweit professionalisiert haben, dass sie nicht mehr illegal und unbekannt sprühen (wollen)“, heißt es in der Antwort auf die Kleine Anfrage. Zum anderen seien in Bremen und Bremerhaven Sprayer am Werk, „die aus politisch-ideologischen Gründen“ illegal sprühen und „sich einem von außen kommenden Auftrag“ verweigern.

„Die künstlerische Qualität ist sehr unterschiedlich“, urteilt die Verwaltung. Das betreffe vor allem Tags, also Signaturkürzel. Dennoch: Der Senat misst Graffiti als Urban Art (Großstadtkunst) eine „hohe künstlerische Bedeutung“ bei: Wandbilder seien „selbstverständlicher Bestandteil der Strategien von Kunst im öffentlichen Raum“. In vielen Städten habe die Bereitstellung legaler Freiflächen für Sprayer „zu mehr Sichtbarkeit einer jungen kreativen Szene“ geführt. Und zu besseren Graffiti. Bei der Aufzählung konkreter Flächen liegt der Akzent aktuell auf Bremerhaven: Im Stadtteil Lehe, im Goethequartier, wird ein Street-Art-Rundgang entwickelt, im Fischereihafen eine 400 Meter lange Wand alle zwei Jahre nach einem neuen Motto von Graffiti-Künstlern umgestaltet.

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Ob es ausreichend Flächen zum Sprayen gebe, sei „nur schwer zu bewerten“, weil illegale Sprayer „illegale Flächen eben gerade nicht aus Mangel an legalen Flächen“ besprühten, betont der Senat. Für den SPD-Abgeordneten Martin Günthner aus Bremerhaven, einen der Urheber der Kleinen Anfrage, steht trotzdem fest: „Wollen wir Sprayer aus der Illegalität holen und Sachbeschädigungen vermeiden, hilft es, entsprechende Flächen zur Verfügung zu stellen.“ In Bremerhaven unterstützen der Magistrat und die städtischen Gesellschaften bereits die Suche auf Anfrage beim Kulturamt, in Bremen vermittelt die Zwischenzeitzentrale legale Flächen. Wenn es welche gibt.

„Legale Flächen existieren häufig temporär und wechseln entsprechend. Viele legale Flächen werden privat bereitgestellt, ohne dass dies der Verwaltung mitgeteilt wird“, heißt es in der Senatsantwort. Einige dieser zeitweilig nutzbaren Flächen befinden sich an der Stephanibrücke und auf dem ehemaligen Coca-Cola-Gelände in Hemelingen. In der Brausefabrik haben erst vor wenigen Wochen rund 100 Künstlerinnen und Künstler Graffiti, Illustrationen und Installationen auf 10.000 Quadratmetern präsentiert, unter anderem mit Unterstützung der Kulturbehörde. Wie berichtet, soll es im März noch einmal eine Ausstellung geben – in einer 2000 Quadratmeter großen Halle.

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„Zwei Drittel der Bilder sind schon wieder weg, die Gebäude wurden abgerissen. Die Leerguthalle bleibt noch bis Ende März stehen“, sagt der Graffiti-Künstler und Kunsttherapeut Sven Dankleff, der sich auch als professioneller Auftragsmaler bezeichnet. Es fehlten Flächen, auf denen Anfänger üben könnten, bedauert der Profi. „Ganz klar: Wenn Leute länger dabei sind, sieht das gut aus, bei Leuten, die ganz neu sind, sieht’s katastrophal aus.“ Geschäftlich habe er oft im Viertel und der Neustadt damit zu tun, mit Tags verschmierte Wandbilder auszubessern. „Traurig, dass der Respekt vor Privateigentum weg ist.“

Das beklagen auch Silke und Michael Berthold aus der Neustadt. Ihre Petition „Maßnahmen gegen Fassadenschmierereien“ hat 660 Unterstützer gefunden und wird alsbald den Ausschuss der Bürgerschaft beschäftigen. Unter anderem wird vorgeschlagen, Wandflächen freizugeben und die Hochschule für Künste, Kunstkurse sowie Künstlerinnen und Künstler ins Boot zu holen.

Der Senat kann sich das vorstellen, zum Beispiel im Zusammenhang mit „touristischen Effekten“, weil so die Chance bestünde, „gerade junge Menschen auf eine andere Art anzusprechen als mit den bisher klassischen Marketinginstrumenten“. Ein Wettbewerb „im Feld Urban-Street-Art“ könne hier „ein vielversprechender Ansatz“ sein. Mit ihrer zentralen Forderung sind die Unterzeichner der Petition bereits durchgedrungen: Das Thema Graffiti „muss auf der Agenda der politischen Mitte stehen“.

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