Sänger Hartmut Engler im Interview Auch Werder Bremen steht auf Pur

Bremen. Pur-Konzerte füllen normalerweise die Bremen-Arena bis unters Dach - auch die Werder-Mannschaft war schon dabei. Doch am 26. März gibt sich die Band mit der Halle 7 zufrieden. Warum? Das erzählt Sänger Hartmut Engler im Interview mit WESER-KURIER Online.
30.01.2011, 17:40
Lesedauer: 6 Min
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Von Thomas Joppig

Bremen. Pur-Konzerte füllen normalerweise die Bremen-Arena bis unters Dach - auch die Werder-Mannschaft war schon dabei. Doch am 26. März gibt sich die Band mit der Halle 7 zufrieden. Warum? Das erzählt Sänger Hartmut Engler im Interview mit WESER-KURIER Online. Thomas Joppig hat mit ihm über das Konzept der Tour, den Erfolg der Band und die Schattenseiten des Ruhms gesprochen.

Herr Engler, von Pur ist man ja die großen Arena- und Open-Air-Auftritte gewohnt. Mit der Akustik-Tour machen Sie nun auch in kleineren Hallen Station. Wie ist es dazu gekommen?

Wir wollten mal etwas anders machen. Die große Hallentournee, die gibt’s dann wieder zum nächsten Studio-Album. Aber wir haben gedacht, wir gehen jetzt auch mal dahin, wohin wir die Leute schon länger nicht besucht haben. Bremen bildet da eine Ausnahme, hier waren wir ja so gut wie auf jeder Tournee. Die Hallengröße erklärt sich vielleicht auch durch das Konzept. So ein Akustik-Konzert ist eben ein bisschen intimer und kleiner gedacht. Das Leipziger Gewandhaus mit 1500 Plätzen dürfte unsere kleinste Spielstätte sein, die größten Hallen fassen maximal 6000 Leute.

Viele Ihrer alten Hits klingen auf dem Akustik-Album deutlich anders. War das für Sie eine willkommene Abwechslung, weil es auf Dauer auch langweilig sein kann, immer wieder dieselben Klassiker im gleichen Sound zu spielen?

Langweilig ist das nicht unbedingt. Aber es ist schön, zu zeigen, dass die Songs auch so funktionieren. Wir haben ja vor ein paar Jahren in der Arena auf Schalke unser Konzert schon mal mit einem 40-köpfigen klassischem Orchester aufgezeichnet. Damals wurden die Songs auch schon komplett anders arrangiert und umorganisiert. Diesmal war es spannend, den umgekehrten Weg zu gehen, und die musikalischen Möglichkeiten etwas zu begrenzen. Auf unserer Tour lassen wir die E-Gitarren und die Synthesizer weg und bringen die Songs auf andere Weise zum Klingen. Zum Beispiel haben wir Congas dabei, und das Akkordeon rückt stärker in den Vordergrund. Das hat sehr viel Spaß gemacht. Wir haben das Konzertalbum in einem kleinen Club vor 500 Leuten aufgezeichnet und waren überrascht, wie gut es da abging, und wie sich die Pur-Party auch mit den leiseren Tönen einstellte. Durch die Bestuhlung ist die Möglichkeit da, dass die Leute bei dieser emotionalen Achterbahnfahrt mitklatschen und mitsingen, aber sich dann auch mal ruhig zurücklehnen und zuhören.

Was war für Sie die größte Umstellung im Vergleich zu den großen Arena-Konzerten?

Dass die Leute sitzen, ist im ersten Augenblick ungewohnt. Normalerweise kommen wir auf die Bühne, und die Arme recken sich uns schon entgegen. Und nun konnten wir auf einmal ganz ruhig „Hallo, guten Abend“ sagen. Man kommt in so einen Erzähl-Ton rein und kann zwischendurch auch mal die eine oder andere Anekdote aus der Bandgeschichte erzählen. Man hat sehr spontane Einfälle, weil es zwischen den Songs im Publikum still wird. Und man kann auch auf Zwischenrufe reagieren. Das ist alles sehr aufregend.

Waren Ihre Fans anfangs skeptisch?

Wir haben das Album an zwei Abenden aufgenommen, und am ersten Abend wussten die Leute nicht so ganz, wie sie sich verhalten sollen. Wir haben am Anfang angesagt, dass es aufgezeichnet wird. Da waren alle natürlich ein bisschen angespannt, das hat sich aber schnell gelöst, als ich gesagt habe: „Ihr dürft auch aufstehen, und ihr dürft auch mitsingen, und ihr müsst auch klatschen, und wir wollen Rambo-Zambo auf der Platte draufhaben.“ Wir wollten ja keine Flüster-Theater-Veranstaltung. Auf keinen Fall.

Sie waren schon häufig in Bremen zu Gast. Welche Erinnerungen verbinden Sie mit der Stadt?

Wir sind so gut wie auf jeder Tournee in Bremen, das Publikum ist großartig, gar nicht norddeutsch-kühl, wie man das als Schwabe ja manchmal gesagt bekommt, wenn man hochfährt. Ich hatte hier auch schon gute Gespräche mit Leuten von Werder, zum Beispiel mit Dieter Eilts oder Thomas Schaaf, die mit der Mannschaft zum Konzert gekommen waren.

Welcher Ihrer Songs hat Ihrer Meinung nach in der akustischen Version am meisten gewonnen?

Da gibt es einige. „Hör gut zu“, fällt mir da als erstes ein. Den Titel kennt man als 4/4-Beater, der da aus dem Radio dringt. In der ruhigen Version atmet das Ganze und lebt, und der Text bekommt plötzlich eine Eigendynamik. Und es gibt einige Songs, die einen ganz anderen Groove haben. Zum Beispiel „Lena“ oder „Freunde“, die völlig anders daher kommen als man es ursprünglich kennt. Der Text wirkt aus einer anderen Perspektive.

Sie sind in diesem Jahr 30 Jahre bei Pur. Manche ihrer Fans sind deutlich jünger. Woran liegt es, das Pur-Konzerte so viele unterschiedliche Generationen anziehen?

Das ist etwas, was wir für uns nie wirklich untersucht haben. Wir nehmen das immer begeistert und dankend an. Aber wir denken beim Texten nicht: „Ach, das könnte auch ein Zehnjähriger lustig finden“ oder „Das könnte meiner Mama auch noch gefallen“. Wir machen einfach das, was uns einfällt. Sicher: Wenn man sieben oder acht Songs beisammen hat, dann weiß man, welche Themen einem noch unter den Nägeln brennen, ob man zu lustig unterwegs ist, oder zu traurig. Also wird man Themen suchen, die das Ganze ausgleichen. Es soll eine runde Stunde Musik werden, wenn wir ein neues Album machen. Wer es gut findet – das haben wir letztendlich nicht im Griff.

Wenn Leute Ihnen sagen, dass sich Ihre Musik im Laufe der Jahre kaum verändert hat, empfinden Sie das eher als kränkend oder eher als Kompliment?

Das empfinde ich sehr stark als Kompliment, weil wir für unsere Musik eine eigene Schublade aufgemacht haben. Wir können und wollen uns nicht verbiegen oder von außen beeinflussen lassen. Ich finde, wir haben uns weiterentwickelt. Ich merke das auch an mir selbst, wenn ich mir ältere Platten anhöre. Ich habe als 30-Jähriger andere Texte geschrieben und Themen anders betrachtet, als jetzt mit knapp 50. Das macht mir Spaß, anhand der Lieder zu beobachten, wie ich mich verändert habe, und wie ich dazu gelernt habe. Und ich glaube, das geht dem Publikum auch so.

Für viele Musiker wird das Tourneegeschäft immer wichtiger, weil sich mit den Alben im Internetzeitalter nicht mehr so viel verdienen lässt. Erleben Sie das auch so?

Wir verdienen unser Geld nach wie vor mit beidem. Wir sind mit unserem Plattenvertrag sehr langfristig aufgestellt, und haben auch viele Fans, die immer noch CDs kaufen.

Liegt diese Treue zur CD auch daran, dass sie so ein gemischtes Publikum haben, zu dem auch viele ältere Fans gehören?

Definitiv. Wir haben ganz viele im Publikum, die sich schon fünf, acht oder sogar zehn Pur-Alben zuhause haben. Die wollen sich die Lieder jetzt nicht auf einmal irgendwo runterladen, sondern sie wollen das Album in den Händen halten – und beim Hören das Booklet mit den Texten, Bildern und Kommentaren durchblättern.

Ihre Konzerte leben stark vom Familiengefühl, das zwischen Ihnen und dem Publikum entsteht. Gibt es auch Fans, die diese Nähe überstrapazieren?

Als der Hype um die Band am größten war, nach unserem Album Abenteuerland Mitte der 90er Jahre, wurde mir der Rummel generell schon ein bisschen viel. Aber man lernt mit der Zeit auch, sich zurückzuziehen, oder sich Rückzugsgebiete zu erschaffen. Das ist eben die Kehrseite des Erfolges. Man ist ein öffentlicher Mensch. Aber ich hab mich damit arrangiert. Und wenn mich heute Leute unterwegs ansprechen, dann freut mich das auch. Zum Beispiel wenn ein Fremder plötzlich „Hallo, Herr Engler“ zu mir sagt, oder mir jemand auf die Schulter klopft und unsere neue CD lobt. Solche Gesten haben ja auch viel mit Anerkennung zu tun, und die nehme ich gern an, so lange es nicht zu viel wird.

Wie lange haben Sie gebraucht, bis sich diese Gelassenheit bei Ihnen eingestellt hatte?

Das hat zugegebenermaßen sehr lange gedauert. 2008 war für mich ein heftiges Jahr, und habe mit mir selbst ganz viel geklärt. Seit anderthalb, zwei Jahren sehe ich den ganzen Rummel entspannter.

Was stand Ihnen vorher im Wege?

Man muss sich darauf einstellen, dass man zum Beispiel in den Boulevardmedien nicht als Musiker, sondern als Privatmensch wahrgenommen wird. Das muss man erst mal begreifen. Für jeden normalen Menschen ist eine Trennung oder Scheidung ohnehin schon etwas sehr Schweres. Wenn eine solche Lebensphase dann aber auch noch in einer großen Zeitung thematisiert wird, in riesigen Buchstaben auf der Titelseite, dann verändert das schon die Sicht auf die Dinge. Damit muss man dann erst mal klar kommen.

Wie sehen Ihre weiteren Pläne nach der Akustik-Tour aus?

Zunächst ist ein längerer Urlaub geplant, und dann werden wir uns Studio treffen, um am nächsten Album zu arbeiten. Ich glaube, der Abstand zum Wünsche-Album, das uns sehr stark wieder in die Erfolgsspur zurückgebracht hat, ist dann groß genug. Wir haben Lust, wieder etwas ganz Neues zu machen.

Pur gastieren am 26. März ab 20 Uhr in der Halle 7 auf der Bürgerweide, Karten gibt es hier.

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