Uni Bremen Audio-Rundgang folgt den Spuren von Nazi-Opfern in Bremen

Gedenkstätten, Wissenschaftsprojekte und Privatinitiativen suchen nach neuen Wegen, die immer älter werdende neueste deutsche Geschichte zu vermitteln. Dabei können immer weniger Zeitzeugen helfen.
14.03.2020, 23:46
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Audio-Rundgang folgt den Spuren von Nazi-Opfern in Bremen
Von Justus Randt

Erst haben sie die Dokumente zum Sprechen gebracht, jetzt die Stolpersteine: „Keine Zuflucht. Nirgends. Auf den Spuren der Familie Rosenberg“ heißt ein Hörrundgang, mit dem Studierende der Universität Bremen und die Shakespeare Company kürzlich an den Start gegangen sind. Der Audiowalk ist im preisgekrönten Projekt „Aus den Akten auf die Bühne“ des Instituts für Geschichtswissenschaft unter der Regie von Eva Schöck-Quinteros entstanden.

Die Tour hat elf Stationen und beginnt im Fesenfeld, an der Feldstraße 22. Das war die letzte gemeinsame Wohnadresse der aus Bassum stammenden Familie Rosenberg. Wie die Rosenbergs versucht haben, den Nazis zu entkommen, kann man sich nun anhören. App-gestützt oder über die Homepage.

Nicht nur Eva Schöck-Quinteros macht sich Gedanken über moderne Formen des Gedenkens und der Erinnerungsarbeit. 75 Jahre nach Kriegsende und Befreiung vom Nationalsozialismus leben nur noch wenige Zeitzeugen, die Auskunft geben können. Persönliche Erinnerungen werden aufbereitet und mit Hilfe von unterschiedlichen Medien vermittelt. Der von der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ ausgezeichnete Audiowalk verbindet elf Bremer Orte wie die Wohnung an der Feldstraße 22 und ein Haus am Ostertorsteinweg 77.

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Im Ostertor kam Frieda Rosenberg bei Verwandten unter, als ihre Kinder Gertrud und Helmut und ihr Mann Siegmund außer Landes waren. Überlebt hat am Ende allein Tochter „Gerdy“, der die Flucht in die USA gelungen war. Drei weitere Stationen sind die Adresse der in der Pogromnacht 1938 zerstörten Synagoge an der Kolpingstraße, die damalige Zentrale der Geheimen Staatspolizei, Am Wall 199, und das Finanzamt: „Im Haus des Reichs beteiligten sich die Beamten der Finanzverwaltung an der Ausbeutung jüdischer Menschen“, heißt es im Flyer zum Projekt.

Schauspieler lesen Originaltexte

Mit seinem Smartphone kann jeder die Geschichte der Rosenbergs für sich entdecken, dabei sein eigenes Tempo vorlegen und die von den Schauspielern eingelesenen Originaltexte an den originalen Schauplätzen auf sich wirken lassen. Aber es geht auch gemeinsam und ohne eigenes Gerät. Ausgestattet mit ­kleinen Funklautsprechern, begleiten Eva Schöck-Quinteros und Studierende auch Gruppen auf dem rund zweistündigen Rundgang, der an den Stolpersteinen für Helmut, Frieda und Siegmund Rosenberg beginnt. „Für junge Flüchtlinge sollte das ins Englische übertragen werden“, wünscht sich die Historikerin.

„Geschichte statt Erinnerung“ fordert Jens-Christian Wagner und plädiert „für eine historisch fundierte und politisch wache Gedenkstättenarbeit“. Auf Einladung der Wittheit zu Bremen und der Uni Bremen sollte Wagner am Dienstag, 17. März, darüber im Haus der Wissenschaft einen Vortrag halten – der wegen der Corona-Pandemie abgesagt worden ist. Der Geschäftsführer der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten leitet die Gedenkstätte Bergen-Belsen. In dem Lager starben 1945 auch Anne Frank und ihre Schwester Margot.

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Ein allein auf die Opfer fokussierter Blick lenke ab davon, nach Ursachen der „Mitmachbereitschaft im Nationalsozialismus und nach der radikal rassistisch organisierten NS-Gesellschaft zu fragen“, meint Jens-Christian Wagner. Genau darin aber lägen Aktualitätsbezüge, die jungen Menschen die Bedeutsamkeit der Gedenkstättenarbeit vermitteln könnten.

Schicksalsgemeinschaft in Amsterdam

In einer deutsch-niederländischen Geschichtswerkstatt bringt der Bremer Geschichtsverein Lastoria Profis und Laien zusammen. Und legt die Ergebnisse eigener Recherchen vor: Unter dem Titel „Deutschland auf der Flucht. Exil in Amsterdam Zuid 1933-1945“ läuft ein „offenes Gedenkprojekt“, das nach dem Hemelinger Werner Deutschland benannt ist. Wie so viele jüdischstämmige Deutsche fand er Zuflucht in Amsterdam Zuid, in der Nachbarschaft der Familie Frank. Dort, in der Rivierenbuurt, bildeten Verfolgte des Naziregimes aus mehreren Ländern eine Schicksalsgemeinschaft, die sich zunächst sicher fühlen konnte. Bis zum Einmarsch der Wehrmacht.

Wo kamen sie her, was wurde aus ihnen, wie wird ihrer gedacht? Die Geschichtswerkstatt am Sonntag, 22. März, 10 bis 18 Uhr, in der Villa Ichon, Goetheplatz 4, präsentiert niederländische und deutsche Forschungsergebnisse, umfasst Lesungen, Gesprächsrunden und ein Mitsingkonzert. Der Verein will auf diese Weise den internationalen Austausch und das gemeinsame Eintreten für Menschenrechte fördern. Ein Kurzkurs Niederländisch soll den Teilnehmern bewusst machen, dass auch das ein Problem für Flüchtlinge ist: in einem fremden Land mit einer anderen Sprache zurechtzukommen.

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In der Geschichtswerkstatt wird Eva Schöck-Quinteros unter anderem den neuen Audiowalk näher erläutern. Auch Barbara Johr, die lange Zeit Projektverantwortliche für die in Bremen verlegten Stolpersteine war, stellt eine weitere moderne Form der Erinnerungskultur vor: Die Historikerin betreut den Bremer Part einer „Bildungsrennradtour“, die für Anfang Mai geplant ist. Helferinnen und Helfer werden noch gesucht. Die Route führt von Bergen-Belsen über Bremen und die Gedenkstätte Esterwegen im Emsland zum früheren Lager Westerbork in den Niederlanden – im Auftrag der Stiftung „Terug naar Westerbork“ und des Internationalen Bildungs- und Begegnungswerks.

Weitere Informationen

Näheres über den Audiowalk im Internet unter der Adresse www.sprechende-akten.de. Weitere Infos zur „Bildungsrennradtour“ bei Barbara Johr, bjohr@nord-com.net. Anmeldungen für die Geschichtswerkstatt bis 18. März beim ­Verein Lastoria, mail@lastoria-bremen.de.

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