Gemeinschaftserlebnis Waldwanderung: In Brundorf kann heute jeder seine Fichte für das Fest selbst schlagen Auf Christbaum-Pirsch

Alle Jahre wieder am Sonnabend vor Heiligabend ist im Heidhof-Forst in Brundorf eine besondere Spezies von Jägern unterwegs. Mit Axt und Säge pirschen sie auf der Suche nach einem Weihnachtsbaum für die gute Stube mit dem Revierförster durch den Wald.
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Von Gabriela Keller

Alle Jahre wieder am Sonnabend vor Heiligabend ist im Heidhof-Forst in Brundorf eine besondere Spezies von Jägern unterwegs. Mit Axt und Säge pirschen sie auf der Suche nach einem Weihnachtsbaum für die gute Stube mit dem Revierförster durch den Wald.

Brundorf. Mit Säge und Axt rücken sie an. Stapfen durch das Unterholz und spähen im Tannendickicht nach der Beute. Im Visier: ein Weihnachtsbaum für die gute Stube. Alle Jahre wieder am Sonnabend vor Heiligabend streifen große und kleine Baumjäger in Scharen durch den Heidhof-Forst.

Den Weihnachtsbaum selbst schlagen–das Abenteuer lockt Jahr für Jahr mehr Menschen in den Brundorfer Wald. Das Jagdrevier liegt am Rande des Naturschutz-Gebietes Heidhofer Teiche. Hier, auf einer Fläche von rund 100 Hektar, lockt Beute in rauen Mengen: ein Wald voller Fichten. Die Tannenbaum-Jäger haben die Qual der Wahl. Welche Fichte ist die schönste, welche passt am besten ins heimische Wohnzimmer? Schön grün und dicht gewachsen soll sie auf jeden Fall sein. Das ist der kleinste gemeinsame Auswahl-Nenner, weiß Förster Bernd Wiedenroth.

Der Heidhof ist seit 1985 sein Revier, seit 1986 ruft er jedes Jahr zum Weihnachtsbaum-Schlagen. Die ideale Tanne? Die gibt’s nicht, sagt Wiedenroth mit der Erfahrung aus nunmehr 26 Jahren. "Die Geschmäcker sind so verschieden." Ob rank und schlank oder üppig-ausladend, gerade gewachsen oder krumm–bei der Form kennen die Jäger keine Norm. Wiedenroth hat schon die urigsten Bäume gesehen, die nach erfolgreicher Pirsch aus dem Wald getragen wurden. "Manche nehmen einen Baum mit fünf Spitzen. Andere stört auch eine etwas kahlere Seite nicht, weil die Tanne an der Wand stehen soll."

Nicht nur bei der Baumwahl hat jeder seine eigene Vorstellung. Auch darüber, wie sich der Baum am besten zur Strecke bringen lässt, gehen die Meinungen auseinander. Das ist eine Frage des Glaubens und der Erfahrung. Die einen schwören auf die Säge, der Holzfäller-Fraktion kommt nur die Axt in die Hand.

Auf die Idee zum Weihnachtsbaum-Schlagen kam Wiedenroth damals durch Nachbarn. "Die fragen mich, ob sie nicht mal einen Weihnachtsbaum aus dem Wald haben könnten." Es blieb nicht bei dem einen Wunsch. Weil sich immer mehr Menschen eine selbstgeschlagene Tanne ins Haus holen wollten, entschloss sich der Förster, daraus ein Gemeinschaftserlebnis zu machen. Seitdem öffnet er jeden Sonnabend vor Heiligabend seinen Forst für die Festbaum-Pirsch. Viele pilgern seit Jahren nach Brundorf, um eine Tanne zu schlagen. "Einige sind schon über 20 Jahre dabei." Eltern mit Kindern und Großeltern mit Enkeln streifen durch den Wald. Das Jagdfieber wird oft von Generation zu Generation weitergegeben. Wiedenroth hat so manchen Stammgast über die Jahre groß werden sehen. "Die wurden als kleine Kinder von ihren Eltern mitgenommen. Heute kommen sie mit dem Nachwuchs."

Der Forstmann stellt immer wieder fest: "Für die Menschen ist es ein Erlebnis, kreuz und quer durch den Wald laufen zu dürfen, Natur pur zu erleben und an der frischen Luft zu sein." Wenn dann noch Wildschweine in freier Wildbahn zu beobachten sind oder Damwild den Weg kreuzt, wird die Baumsuche zum Abenteuer. Das endet für die meisten erst nach Stunden mit Einbruch der Dunkelheit.

Hinter dem Vergnügen steht auch eine gute Absicht. Die Menschen sollen dem Wald nahekommen. Die Baumjäger haben dabei ihren Spaß, den Wald hat seinen Nutzen. Das Tannenschlagen ist Teil der naturnahen Waldwirtschaft im Heidhof-Forst. Auf der Fläche am Rande des Naturschutzgebietes Heidhofer Teiche soll der Laubwald gefördert werden. Deshalb müssen die Fichten, die im übrigen Wald sonst gern gesehen sind, hier weichen. "Sie würden die aufwachsenden Ebereschen, Birken, Buchen, Eichen und verschiedene Straucharten auf dieser Fläche verdrängen", erklärt der Förster.

Treffpunkt für alle, die ihre Weihnachtstanne selbst schlagen wollen, ist am Sonnabend um 13 Uhr auf dem Parkplatz der Minigolf-Anlage in Brundorf. Axt oder Säge sind mitzubringen. Nach einer kurzen Einführung von Wiedenroth geht es gemeinsam in den Wald. Ob groß oder klein–jede Fichte kostet 9,50 Euro. Für einen Obolus von 50 Cent wird der Baum ins Netz eingepackt, das Geld kommt der Deutschen Ameisenschutzwarte zugute.

Nach getaner Arbeit können sich die Teilnehmer im Übrigen mit Erbsensuppe und Heißgetränken stärken. Einen Tipp zum Lagern des frisch geschlagenen Baumes hat der Förster Bernd Wiedenroth ebenfalls parat: Damit der Waldbewohner beim Wechsel in die Stube keinen Wärmeschock bekommt und die Nadeln fallen lässt, sollte er im Keller oder in der Garage zwischengelagert werden.

Bei den Wiedenroths wird zum Fest ebenfalls ein selbstgeschlagener Christbaum leuchten. Eine "bunte Tanne" von der Weihnachtsbaum-Plantage, die der Förster auch betreibt.

Weihnachtsbaum-Schlagen in Brundorf am Sonnabend, 22. Dezember. Treffpunkt: 13 Uhr am Parkplatz der Minigolf-Anlage

Auf Christbaum-Pirsch

Gemeinschaftserlebnis Waldwanderung: In Brundorf kann heute jeder seine Fichte für das Fest selbst schlagen

Zitat:

"Für die Menschen ist es ein Erlebnis, quer durch den Wald laufen zu dürfen."

Revierförster Bernd Wiedenroth

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