Bildungsserie in Bremen

Auf dem Weg ins Berufsleben

Das Schulzentrum Grenzstraße ist die größte kaufmännische Schule in Bremen. Vor allem Jugendliche an einer Oberschule wechseln hierher. Zu Besuch in einer höheren Handelsschule in Walle.
27.05.2018, 21:58
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Auf dem Weg ins Berufsleben
Von Sara Sundermann

Einigen Schülern in der 11. Klasse rauchen die Köpfe: Die ihnen gestellte Aufgabe orientiert sich daran, was es in der kaufmännischen Abteilung einer Firma zu tun gibt. Die mehr als 20 Jugendlichen sollen die verschiedenen Buchungsbelege einer Firma richtig einsortieren und die Beträge verbuchen. Es gibt Aktiv- und Passivkonten, Konten für Erträge, Reisekosten, Personalkosten und Aufwendungen. „Das Schwierige ist, die Buchungen richtig zuzuordnen, und erst einmal überhaupt die verschiedenen Arten von Konten zu verstehen“, sagt ein 17-Jähriger.

Für die Arbeit hat Lehrer Stefan Martens Zweier-Teams zusammengestellt. „Immer ein starker und ein schwacher Schüler arbeiten zusammen, damit die einen es den anderen zeigen können“, erklärt ein Schüler, der das Prinzip sofort durchschaut hat.

Die Jugendlichen sind meist 17 oder 18 Jahre alt, sie sind meist nach der 10. Klasse an einer Oberschule hierher an die Berufsschule gewechselt, zur Höheren Handelsschule, die ein Bildungsgang am Schulzentrum Grenzstraße in Walle ist. Das Schulzentrum Grenzstraße ist die größte kaufmännische Schule in Bremen. Hier unterrichten 80 Lehrer und lernen rund 1700 Schülerinnen und Schüler.

Die Höhere Handelsschule besucht man ein oder zwei Jahre. Am Ende erwirbt man den schulischen Teil der Fachhochschulreife. Das heißt, wer nach der Abschlussprüfung ein halbjähriges Praktikum oder eine dreijährige betriebliche Ausbildung macht, erwirbt die komplette Fachhochschulreife und kann dann an Fachhochschulen studieren. Was die Jugendlichen nach der Höheren Handelsschule machen wollen? So ganz genau wissen es viele noch nicht. „Ins Ausland gehen, Praktika machen“, sagt Jule. Hamid wollte ursprünglich Polizist werden, zieht jetzt aber auch in Betracht, Automobil- oder Immobilienkaufmann zu werden. Ein Jahr lang haben sie noch Zeit, bis für sie die Schulzeit fürs Erste vorbei ist.

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Wer will, kann aber auch weitermachen und hier am Schulzentrum Grenzstraße auf dem beruflichen Gymnasium sein Abitur machen. Das machen auch manche Schüler, aber sie stellen eine kleine Minderheit dar. Viele wollen nach der Handelsschule eine Ausbildung machen – mal bekommt die Hälfte der Jugendlichen einer Klasse einen Ausbildungsplatz, mal ist es auch nur ein Drittel, schildert der Lehrer. Die Schüler kommen aus dem ganzen Stadtgebiet und dem Umland. Merkt man einen Unterschied zwischen Schülern aus Niedersachsen und aus Bremen? Das bejaht Stefan Martens klar: „Die niedersächsischen Schüler bringen meistens bessere Vorkenntnisse in Mathematik mit und auch in Englisch.“ Das merke man oft vor allem beim Wortschatz. „Viele Schüler bei uns haben einen eingeschränkten Wortschatz“, sagt Martens.

Deshalb wünscht er sich im Englisch-Unterricht manchmal, er könnte auch Türkisch. „Für einige Schüler ist Englisch nicht die erste Fremdsprache, sondern die Zweite, aber darauf ist unser System gar nicht ausgerichtet.“ Transferfehler im Englischen, die darauf beruhen, dass Schüler etwas direkt aus dem Deutschen übersetzen, kann Martens erkennen. Transferfehler aus dem Türkischen nicht. Allerdings: „Ich habe mich mit einer Kollegin darüber unterhalten, die auch Türkisch kann. Meine These war, dass sie besser weiterhelfen kann. Aber sie sagt, dass Problem sei eher, dass viele Schüler weder Deutsch noch Türkisch richtig gut beherrschen.“ Das bereitet einigen Jugendlichen dann im Englisch-Unterricht Probleme, weil sprachliche Grundlagen fehlen.

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Auch im Fach Rechnungswesen erklärt Martens manches noch mal von Grund auf, obwohl es eigentlich schon vor der 11. Klasse in der Schule behandelt worden sein sollte. Wie man aus einem Brutto-Betrag den Netto-Betrag berechnet, das führt er meist für alle in einer Extra-Stunde noch einmal neu ein. „Das haben wir so bei uns in der Schule nie gemacht – obwohl das ja später relativ wichtig ist“, sagt Annika, die zusammen mit Yusuf ein Zweier-Team bildet. „Bei mir genauso, wir haben das im Unterricht vorher nicht gehabt“, sagt auch Yusuf.

Die Schülerschaft an der Berufsschule habe sich über die Jahre verändert, sagt Schulleiter Peter Hons. Traditionell wurden Schüler nach der Höheren Handelsschule gerne von Betrieben als Auszubildende genommen, das sagen Schulleiter und Lehrer Martens übereinstimmend.

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Doch viele leistungsstärkere Schüler, die früher nach der 10. Klasse zum Beispiel zur Höheren Handelsschule gegangen wären, blieben heute an den Oberschulen, sagt Hons. Obwohl dies nicht für alle Schüler der beste Weg sei, davon ist er überzeugt. Ein möglicher Vorteil und eine Besonderheit der Handelsschule: Auch dort kann – wer will und gut genug ist – sein Abitur machen. Aber der Praxisbezug ist stärker, und es gibt neben Deutsch, Mathe und Englisch auch Wirtschaft als eigenes Fach. „Da fangen alle bei Null an, das kann eine Chance sein“, sagt der Schulleiter. Allerdings: Auch die Herausforderungen der Höheren Handelsschule bewältigt nicht jeder: Nach Angaben des Schulzentrums bestehen 55 bis 65 Prozent der Jugendlichen die Abschlussprüfung. In einigen Klassen schafft also jeder Zweite den Abschluss nicht.

Derzeit sind die Berufsschulen selbst im Wandel: Im kommenden Jahr wird die Struktur der Fächer an Höheren Handelsschulen in Bremen reformiert, erzählt Hons: Statt vier Schulfächern soll es künftig acht sogenannte Lernfelder geben. Der Unterricht soll sich noch stärker an den realen Abläufen einer Firma orientieren. Statt BWL oder Rechnungswesen kann dann in Zukunft zum Beispiel das Lernfeld „Beschaffung“ auf dem Stundenplan stehen. Dabei könne es darum gehen, wie eine Firma Materialien für die Produktion beschafft, erklärt Hons.

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