Die Welt von Morgen Auf den Spuren des Klimawandels

Familie Steingässer hat sich auf die Spuren des Klimawandels begeben. Sie bereiste drei Kontinente und zeichnete ein faszinierendes Porträt des fragilen Planeten Erde.
19.03.2017, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Auf den Spuren des Klimawandels
Von Catrin Frerichs

Familie Steingässer hat sich auf die Spuren des Klimawandels begeben. Sie bereiste drei Kontinente und zeichnete ein faszinierendes Porträt des fragilen Planeten Erde.

Mio wohnt im Odenwald. Aber die Welt ist sein Zuhause. Gemeinsam mit seinen Eltern und seinen drei Geschwistern hat der Elfjährige in mehreren Etappen drei Kontinente bereist. Fragt man ihn, wohin er gern noch einmal fahren würde, ist die Antwort klar: nach Grönland.

Wie kommt eine Familie dazu, mit vier Kindern, davon das jüngste gerade mal zwei Jahre alt, in eine der rauesten und unwirtlichsten Gegenden der Welt zu reisen? Die Geschichte beginnt mit einem Zwerghuhn namens Emma. Mitten im Dezember legt Emma ein Ei und fängt an zu brüten. „Es war ein besonders milder Winter“, erinnert sich Jana Steingässer. Aber dennoch: Normal ist das nicht. Und so beginnt man im Hause Steingässer damit, sich intensiver mit dem Klimawandel zu beschäftigen.

Klimawandel ist ein abstraktes Thema. Da geht es um Zahlen und Prognosen, Daten und Hochrechnungen. Was steckt hinter den Zahlen? Was macht es mit dem Leben der Menschen, wenn es etwa in Grönland kein Packeis mehr gibt, was passiert in der Schweiz, wenn der Schnee schmilzt, oder in Afrika, wenn Wüsten sich immer weiter ausdehnen?

Die Familie beschließt, sich das genauer anzuschauen, und zwar vor Ort. Sie will Geschichten erzählen von Menschen in verschiedenen Klimazonen der Welt. Das Reportageprojekt nimmt Gestalt an. Ein Buch soll es werden, mit vielen Fotos und wahren Geschichten. Jens Steingässer, von Beruf Fotojournalist, und Jana Steingässer, Ethnologin und Autorin, finden im Outdoorausstatter Jack Wolfskin einen Sponsor. Erste Station: Ostgrönland. Die Familie nimmt Kontakt zu einer Person vor Ort auf. Robert Peroni, einst Extremsportler, lebt seit fast 30 Jahren dort. Klimatisch gilt Grönland als extremste Gegend der Welt, die ständig bewohnt ist. Ist das überhaupt ein geeigneter Platz für Kinder?, fragen ihn die Eltern. „Ich kann mir keinen besseren Ort für Kinder vorstellen“, erwidert Peroni.

„Mit vier Kindern auf Reisen zu gehen, ist etwas sehr Anspruchsvolles“, sagt Jana Steingässer rückblickend. Nach wochenlangen Vorbereitungen bricht die Familie 2011 schließlich in Richtung Nordpol auf, nur mit dem nötigsten Gepäck, mit Fotoausrüstung, Block und Stift, festen Schuhen, dicken Jacken, Fernglas und einem aufblasbaren Fußball. Mio ist fünf, Hannah vier, Frieda zwei Jahre alt. Die älteste Tochter, die damals zwölfjährige Paula, führt ein Tagebuch. Ein Deal mit der Schule, die Paula dafür etwas länger vom Unterricht befreit.

Es ist die Stille, die Paula fasziniert. Und dass die Haustür in Grönland von innen zufriert. Schnee knirscht. Schlittenhunde jaulen. Zwei Wochen lang wohnt die Familie bei einem Robbenjäger in einer Siedlung am Rande des Eisschilds. Mio spielt mit anderen Kindern auf dem Packeis Fußball, die Mädchen flechten einander die Haare. Beim Abschied fließen Tränen. Über Island geht es zurück nach Deutschland.

Weitere Reisen folgen

Weitere Reisen folgen: Zu Midsommer 2012 geht es mit einem alten Feuerwehrbus zu den Rentierhirten nach Lappland. Dort schläft die Familie in einer Hütte ohne Wasser und Strom. Im Kalahari-Nationalpark in Südafrika entdeckt sie die Vielfalt der Tier- und Pflanzenwelt. Im australischen Outback schmort sie mit den Farmern im 40 Grad Celsius warmem Sand und bestaunt Urban-Gardening-Projekte, Selbstversorgung mitten in der Großstadt. Der Vater erfüllt sich einen Traum, indem er mit Kind und Kegel schließlich noch die Alpen überquert. Zu Fuß, mit 100 Kilo Gepäck, verteilt auf zwei Kinderwagen. „Wir laufen zum Pizzaessen zum Italiener“, feixt Jens Steingässer.

An jedem Ort entdeckt die Familie Spuren des Klimawandels, der sich auf das Leben der Menschen überall auf der Welt auswirkt. Jens Steingässer hält in fantastischen Aufnahmen atemberaubende Landschaften und Leute fest. Jana Steingässer schreibt lesenswerte Geschichten auf: über die globale Erwärmung, über Lebensräume, die immer kleiner werden, über Schneeschmelze in den Alpen, Dürren und Wassermangel in Afrika oder die Folgen der Waldrodung in Australien.

Im Sommer kehren die Steingässers nach Grönland zurück, um zu schauen, wie die Gegend ohne Eis aussieht. Sie sind schockiert, wegen der Menge an Müll, die überall zutage kommt. Solche Reisen verändern. Sie machen sensibler.

Mio etwa richtet in seiner Heimatstadt gerade ein Tauschhäuschen ein. Für Spielzeug und Bücher. „Ich fänd‘s schön, wenn die Menschen sich um die Erde kümmern und sie nicht verschmutzen. Sodass die Erde schön bleibt“, sagt er. Seine Mutter hat sich ein Lastenfahrrad zugelegt und lässt das Auto stehen. Mit den Nachbarn hat sie eine Initiative zu solidarischer Landwirtschaft ins Leben gerufen.

Mios große Schwester Paula ernährt sich derzeit vegan. Die Familie versucht, Konsum und Müll zu reduzieren. Sie will Dinge verändern und nicht in Schockstarre verharren. Das Buch gehört dazu. Es soll Leute dazu bringen, sich mit dem Klimawandel zu befassen. Im Februar erst waren die Steingässers zu Besuch in Bremerhaven. Im Klimahaus 8° Ost haben sie ihre Multivisions-Show „Die Welt von morgen“ gezeigt. Mio, Frieda und Hannah waren auch dabei.

Mios kleine Schwester Frieda sagt, dass sie gern mit den anderen unterwegs war. „Wir haben so viele nette Menschen getroffen. Jetzt haben wir Freunde fast auf der ganzen Welt.“ Auch sie würde gern zurück nach Grönland. Die Landschaft sei schön. „Dort haben wir am meisten Freunde“, sagt sie.

Die Welt von morgen - Eine Familie auf den Spuren des Klimawandels, Jana und Jens Steingässer, gebundene Ausgabe, 220 Seiten, mit einem Interview mit Autor Jostein Gaarder, National Geographic, 2016. 29,95 Euro. www.reiselabor.de
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