Eine Reportage über das Leben eines Blumenthalers, der Geschichte schrieb / Entdeckungsreise in die Antarktis

Auf den Spuren von Kapitän Dallmann

Bremen-Nord. Jeder Nordbremer kennt sie, die Kapitän-Dallmann-Straße. Sie führt direkt am Blumenthaler Marktplatz vorbei. Eine Eisdiele, Bücherstube, Pension und eine Filiale der Post sind hier ansässig. Viele Menschen gehen ihren Geschäften nach. Aber wer war eigentlich der Namensgeber der Straße, die durch das Herz Blumenthals führt? Wer war Kapitän Eduard Dallmann? Dies ist eine Reise durch das Leben eines Blumenthalers, der Geschichte schrieb.
08.07.2011, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Christoph Dierking

Bremen-Nord. Jeder Nordbremer kennt sie, die Kapitän-Dallmann-Straße. Sie führt direkt am Blumenthaler Marktplatz vorbei. Eine Eisdiele, Bücherstube, Pension und eine Filiale der Post sind hier ansässig. Viele Menschen gehen ihren Geschäften nach. Aber wer war eigentlich der Namensgeber der Straße, die durch das Herz Blumenthals führt? Wer war Kapitän Eduard Dallmann? Dies ist eine Reise durch das Leben eines Blumenthalers, der Geschichte schrieb.

Vegesack im Jahre 1830: Jeden Morgen stechen zahlreiche Fischer in See. Am Abend legen sie wieder an im Hafen, die Netze mit Heringen, Lachsen und Meerforellen gefüllt. An manchen Tagen wird dieser Alltagstrott unterbrochen. Beispielsweise wenn Wal- und Robbenfänger in den Nordatlantik aufbrechen, um später mit dem begehrten Tran als Brennstoff für Öllampen wiederkehren. Oder wenn ein neugebautes Schiff in der Johann-Lange-Werft vom Stapel in die Weser gelassen wird. Dann treffen sich Geschäftsleute, Seemänner, Arbeiter und Menschen aus der Umgebung, um das Ereignis zu feiern.

Das Jahr 1830 ist nicht nur das Jahr, in dem in Vegesack eine Steuermannschule für angehende Seefahrer gegründet wird, sondern auch das Geburtsjahr von Eduard Dallmann. Er erblickt am 11. März in Flethe, heute ein Teilgebiet des Ortsteils Blumenthal, das Licht der Welt.

Dallmann kommt bereits im frühen Kindesalter mit der Schifffahrt in Berührung. Er steht oft am Hafenbecken und beobachtet das Treiben der Fischer und Hafenarbeiter. Er sieht wie Kapitäne und Matrosen auf ihren Segelschiffen in die große, weite Welt aufbrechen und erst Monate oder Jahre später wieder heimkehren.

Das alles sind wohl besondere Momente im Leben des kleinen Jungen, die sich auf seine Zukunft auswirken. Eduard Dallmann heuert bereits als 15-Jähriger als Schiffsjunge an und sticht mit Fracht- und Walfangschiffen in See.

Die Arbeit auf Deck ist hart, aber sie liegt dem jungen Matrosen. Er trotzt den einfachen Bedingungen an Bord, auch das Rollen und Stampfen des Schiffes im Sturm lässt ihn nicht zweifeln. Er erledigt seine Aufgaben konsequent und gewissenhaft, immer das Ziel vor Augen, eines Tages selbst als Kapitän hinter dem Steuer zu stehen. Schon bald kann Dallmann die Früchte seiner Mühen ernten. Im Jahre 1850 geht er als Untersteuermann an Bord des Großseglers "Otaheite". Rund vier Jahre ist das Schiff unterwegs, immer auf der Spur von Walen und Robben.

Bald besteht Dallmann auch das Obersteuermannsexamen, wenig später ist er Kapitän. Ein Kindheitstraum geht in Erfüllung. Seine Fahrten führen ihn nach Honolulu und ins Beringmeer im nördlichsten Teil des Pazifik.

Das alles sind keine Reisen von großer Bedeutung für die Weltgeschichte. Es sind keine Neuentdeckungen zu verzeichnen, die Landkarten bleiben unverändert. Doch am 25. Juli 1873 taucht ein kurze Notiz in der Hamburger Zeitung "Reform" auf:"Die Deutsche Polarschifffahrtsgesellschaft entsandte vorgestern ihr Dampfschiff 'Grönland' auf die Entdeckungsreise nach der Südsee. Die Dauer der Reise wird sich nach dem Resultate des Robben- und Walfischfanges richten, jedenfalls aber 10 Monate in Anspruch nehmen."

Es ist von einer Entdeckungsreise die Rede. Allerdings der Entdeckung neuer Fangplätze. Die "Grönland" steht unter Dallmanns Kommando. Die Reise beginnt in Hamburg und führt über die Azoren bis nach Brava, der kleinsten der Kapverdischen Inseln im Atlantik. Dort wird der restliche Teil der Mannschaft angeheuert. Von Kap Hoorn aus nimmt Dallmann endgültig Kurs auf die Antarktische Halbinsel.

Skorbut an Bord

Ab dem 18. November 1873 überschlagen sich die Ereignisse. "Morgens erblickten wir eine kleine Insel und bald darauf mehr Land, welches wir für die King George Insel erkannten", notiert Dallmann in seinem Tagebuch. Die "Grönland" befindet sich ganz in der Nähe der Südshetland-Inseln, westlich der Antarktischen Halbinsel.. Felsenriffe und Schären unter der Wasseroberfläche machen die Fahrt gefährlich. Das Schiff läuft verschiedene Male auf, doch der Rumpf bleibt unversehrt.

Aber es bestehen noch weitere Gefahren für die Männer an Bord. Skorbut breitet sich aus. Nebel, Sturm und Regen behindern die Weiterfahrt, nur selten ist die Luft klar. Auch mit der Jagd will es nicht so recht funktionieren - es werden nur wenige Robben gesichtet. Stattdessen erblickt die Besatzung Hunderttausende, brütende Pinguine auf dem Eis.

Um den Skorbut einzudämmen, lässt Dallmann zahlreiche Tiere schlachten. Die Erkrankten müssen das Fleisch roh essen. Bald notiert Dallmann: "Der Scorbut ist im Abnehmen begriffen."Kein Mitglied der Besatzung geht verloren, was auch während der gesamten Berufslaufbahn des Kapitäns so bleibt.

Die "Grönland" befindet sich nun wenige Seemeilen vor der Küste der Antarktischen Halbinsel. Nur wenige Kapitäne haben sich in der Vergangenheit bis hierhin vorgewagt. Auf ihre Angaben ist so gut wie kein Verlass, das Terrain ist unerforscht. Dallmann navigiert das Schiff in Richtung Südwesten, immer an der Küste entlang.

Mit seinen Männern entdeckt er eine Ansammlung kleiner Inseln, die sie zu Ehren ihres Kaisers, Wilhelm I., "Wilhelm-Archipel" nennen. Die sich nördlich davon befindliche Meerenge erhält den Namen Bismarck-Straße. Stürme, die das Schiff wie einen Ball hin und her werfen, kündigen den nahen Winter an. Dallmann beschließt, die Heimreise anzutreten.

Am 25. Juli 1874 legt die "Grönland" wieder in Hamburg an. Die geografischen Entdeckungen erhalten internationale Anerkennung, sämtliche Seekarten werden aktualisiert. Aber aus wirtschaftlicher Sicht ist die Expedition ein Misserfolg. Es sind keine neuen Fangplätze gefunden worden.

Nach diversen anderen Fahrten, beispielsweise nach Sibirien und Neu-Guinea, erkrankt Dallmann. Die gesundheitlichen Probleme zwingen ihn, sein Berufsleben zu beenden. Er stirbt am 23. Dezember 1896 im Alter von 66 Jahren und wird auf dem evangelisch-reformierten Friedhof in Blumenthal begraben.

Seine letzte Ruhestätte existiert heute nicht mehr, allerdings erinnert der Grabstein am alten Kirchturm an den einstigen Kapitän zur See.

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