"Neue Vahr Süd": Zeitzeugen erinnern sich / Film wird am Mittwoch im Fernsehen und im Bürgerzentrum gezeigt Auf den Spuren von Sven Regener

Vahr·Ostertor. Im Eventstudio von Radio Bremen und im Cinema Ostertor ist er schon gelaufen. Am Mittwoch bekommt ihn das Fensehpublikum zu sehen: Der Film "Neue Vahr Süd" nach dem Roman von Sven Regener wird um 20.15 Uhr im Ersten gezeigt. Das Bürgerzentrum Neue Vahr an der Berliner Freiheit überträgt ihn auf Großbildleinwand - schließlich kommt der Ortsteil bundesweit groß raus.
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Von Melanie Öhlenbach

Vahr·Ostertor. Im Eventstudio von Radio Bremen und im Cinema Ostertor ist er schon gelaufen. Am Mittwoch bekommt ihn das Fensehpublikum zu sehen: Der Film "Neue Vahr Süd" nach dem Roman von Sven Regener wird um 20.15 Uhr im Ersten gezeigt. Das Bürgerzentrum Neue Vahr an der Berliner Freiheit überträgt ihn auf Großbildleinwand - schließlich kommt der Ortsteil bundesweit groß raus.

Das Evangelische Bildungswerk hat sich in seiner Reihe "Literatur an Ort und Stelle" mit Frauen und Männern in der Vahr und im Viertel auf eine Spurensuche begeben. "Wir wollten vorab die Gelegenheit bieten, sich mit dem Original zu beschäftigen", sagt Seminarleiter Otmar Hinz.

Vielleicht hätte sich Renate Kropp den Roman nie gekauft. Ziemlich sicher sogar - wären da nicht der Titel und ihr Kollege Peter zu Klampen gewesen, der ihr glühend Sven Regeners Roman empfohlen habe. "Eigentlich kaufe ich mir keine gebundenen Bücher", sagt die 71-Jährige, die seit fast einem halben Jahrhundert in der gleichen Wohnung in der Neuen Vahr Nord wohnt. Eingezogen ist sie dort mit ihrem Mann im Jahr 1961- dem Geburtsjahr ihrer ältesten Tochter Andrea und von Sven Regener, dem Autor des Buches und Sänger der Band "Element of Crime".

Dass die beiden fast gleich alt und sogar zur gleichen Schule gegangen sind, hatte Renate Kropp bis dato nicht gewusst. Erst beim Lesen des Klappentextes und dem Anblick des Fotos auf dem Einband habe es klick gemacht: "Das muss der Junge sein, der viele Jahre Schulsprecher am Schulzentrum Kurt-Schumacher-Allee gewesen ist", hat sie damals gedacht.

"Andrea hat ihn damals als hektisch, wuselig und zauselig beschrieben", erzählt sie heute. Viel miteinander zu tun hätten die beiden allerdings nicht gehabt. "Meine Tochter wurde erst im August geboren und daher ein Jahr später als Sven Regener eingeschult. Er war also ein Jahrgang über ihr."

Dennoch haben die beiden - allerdings unabhängig voneinander - die gleichen Schritte gemacht: Nach der Schule sei Andrea erst ins Viertel und dann nach Berlin gezogen - wie viele andere junge Leute in dieser Zeit. "Es gab ja damals hier nichts. Die Vahr war ja eine reine Schlafstadt", sagt Renate Kropp. Ab und zu hätten die Jugendlichen die Keller in den Wohnblocks umfunktioniert und sich dort getroffen, weil Diskotheken oder andere Treffpunkte rar gewesen seien. "Die Zeit, in der der Roman spielt, die Themen, die Wohngemeinschaft - das ist daher auch ihre Zeit. Und viele Orte darin sind auch ihre Orte", sagt Renate Kropp. "Uns beide hat das Buch begeistert, weil es so genau und ehrlich davon erzählt." Auch die Schlacht am Weserstadion, die Sven Regener in seinem Roman beschreibt, habe ihre Tochter mitgemacht, erzählt die 71-Jährige. Gemeinsam mit ihrem damaligen Freund sei sie dorthin gezogen, um gegen das öffentlich zelebrierte Gelöbnis der Wehrdienstler zu demonstrieren. "Mein Mann

und ich, wir haben ziemlich gebangt", erinnert sich die Mutter, die zu jener Zeit in einer Gruppe in der Christus-Gemeinde aktiv war, die gegen Atomkraft und die Nachrüstung mobil gemacht und sich für den Frieden engagiert hat.

Helmut Weigelt hat sich ebenfalls früh in seinem Leben im Stadtteil engagiert. 1959 zogen die Eltern des Kommunalpolitikers und derzeitigen Beiratssprechers, der den Stadtteil wie seine Westentasche kennt, in die Adam-Stegerwald-Straße 17 - nur wenige Häuserblocks von Sven Regener entfernt. Kennengelernt hat der 62-Jährige den Autor allerdings nie. Und auch seinen Roman hat er noch nicht gelesen. "Er war mir einfach zu dick", gibt er zu, "aber ich freue mich riesig auf den Film."

Auch wenn er das Buch (noch) nicht gelesen hat - einen Kritikpunkt hat der Vahrer dennoch schon ausgemacht: "Mich irritiert, dass auf dem Klappentext und in der Vorberichterstattung immer wieder vom Spießbürgertum in der Vahr die Rede ist", sagt er. In der Vahr lebten "keine Bürger", sondern Angestellte und Arbeiter. "Das ist doch aberwitzig. Ich wüsste dann nicht, wie man Schwachhauser und Oberneulander bezeichnen sollte."

An einige Orte, die im Roman erwähnt werden, denkt er allerdings gerne zurück: zum Beispiel an die Gaststätte "Kiepenkerl" an der Berliner Freiheit. Vor über 40 Jahren, kurz bevor er zum Wehrdienst eingezogen wurde, hat er dort seiner Frau einen Heiratsantrag gemacht. "Wir haben uns in der Gemeinde kennengelernt und dort Theater gespielt. Nach den Proben sind wir oft in den Kiepenkerl gegangen", erzählt Weigelt.

Er hofft, dass der Stadtteil durch die Verfilmung des bekannten Romans auch ein wenig ins Rampenlicht gerückt wird. "Vielleicht wird die Neue Vahr Süd nun eine Marke, die man positiv nutzen kann", hofft der Sozialdemokrat. Ein erster Test sei allerdings negativ verlaufen: "Ich habe bei einer Firma in Hamburg etwas bestellt und gesagt, es sei für die Evangelische Kirchengemeinde in der Neuen Vahr Süd. Doch mein Gegenüber hat darauf gar nicht reagiert. Das hat mich schon ein wenig enttäuscht", erzählt er mit einem Augenzwinkern.

Ganz anders sieht es mit dem Viertel aus, dem zweiten Schauplatz des Romans: Das Quartier hat sich einen gewissen Bekanntheitsgrad bereits erarbeitet - auch wenn es sich in den vergangenen Jahren ziemlich gewandelt hat. "Früher hat die bürgerliche Bevölkerung das Viertel gemieden", erzählt Kathrin Klug, die seit zwei Jahren Führungen zu den Schauplätzen von Sven Regeners Roman anbietet. "Die Häuser waren damals größtenteils besetzt und man hatte richtig Angst, hierher zu kommen."

Eine Einschätzung, die Hiltrud Kopte unterschreiben kann: Sie ist vor 25 Jahren über das Cinema am Ostertorsteinweg gezogen - genau neben jene Wohnung, in der Frank Lehmann im Roman seine Wochenenden verbringt und in der auch Sven Regener einige Jahre zuvor ein und aus gegangen sein soll. Hiltrud Koptes Ehemann hatte nach dem Studium eine Stelle in Bremen bekommen und das Paar brauchte daher dringend eine neue Bleibe.

Sie fanden eine große Dreieinhalb-Zimmer-Wohnung mit hohen Decken, die jedoch in den Hintergrund rückte, als die heute 55-Jährige zum ersten Mal im Viertel ankam: "Hier steige ich nicht aus." Und: "Wo bist du hier gelandet?" sei ihr in jener Februarnacht 1986 durch den Kopf geschossen, als der Wagen an der Sielwall-Kreuzung gehalten habe. "Wir kamen ja aus dem bürgerlichen Aachen - das waren zwei völlig verschiedene Welten."

Nach dem ersten Schreck hat sie sich aber dennoch gut im Viertel eingelebt. Vor allem die freie Lebensstruktur, die Vielfalt und Kreativität habe sie schnell lieben gelernt. Auch an die Schnorrer, Junkies und abgerissenen Gestalten, die morgens noch im Hausflur gelegen hätten, habe sie sich schnell gewöhnt. "Man kannte sich irgendwann. Und wenn man einmal in der Woche seine Mark gezahlt hat, hatte man auch seine Ruhe."

Gleiches konnte man allerdings nicht immer von den benachbarten Wohngemeinschaften sagen, die gerne die Nächte hindurch mit lauter Musik gefeiert haben - genauso wie in Sven Regeners Roman. "Die Männer-WGs hatten damals einen großen Chaos-Faktor. Aber man konnte sich dort auch herrlich entspannen", kann auch Kathrin Klug aus eigener Erfahrung berichten. Sie war oft zu Gast in der Wohnung ihres Bruders. Das Duschen oder Auf-Toilette-Gehen hat sie sich dort allerdings lieber verkniffen. "Man hat sich an bestimmte Sauberkeits- und Ordnungsprinzipien nicht so gehalten", meint sie vielsagend.

Die beiden Frauen sind sich einig, dass Sven Regener das Viertel der frühen 80er in seinem Roman "sorgsam und liebevoll gezeichnet" hat. "Es war wie eine Zeitreise", meint Hiltrud Kopte, die später nach Peterswerder gezogen ist. "Ich bin nicht gerne ausgezogen. Aber es gab hier keinen Garten für die Kinder."

Das Bürgerzentrum Neue Vahr, Berliner Freiheit, überträgt den Film "Neue Vahr Süd", der am Mittwoch, 1. Dezember, um 20.15 Uhr in der ARD läuft, auf Großbildleinwand. Beim "Molli-Cocktail? können die Zuschauer anschließend die 80er-Jahre Revue passieren lassen. Der Eintritt ist frei.

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