Helmut Fröhlich wird 90 Auf den Tisch haut er heute noch

Der frühere Innensenator Helmut Fröhlich feiert an diesem Sonntag seinen 90. Geburtstag. Gratulieren wird auch Bürgermeister Carsten Sieling, der Fröhlichs Verdienste um die Polizei würdigt.
15.06.2019, 15:00
Lesedauer: 4 Min
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Auf den Tisch haut er heute noch
Von Frank Hethey

Auf den Tisch hauen kann Helmut Fröhlich wie in alten Zeiten. Mehr als einmal donnert seine Faust im Hemelinger Eigenheim auf das Holz, wenn er einer Äußerung besonderen Nachdruck verleihen will. Das erste Mal passiert es, als es um das nicht immer einfache Verhältnis zur Presse geht. Dass die Bremer Nachrichten im Juli 1981 berichteten, er habe sich für CS-Gas bei der Bremer Polizei ausgesprochen, wurmt ihn bis heute. „Eine glatte Falschmeldung“, ereifert er sich.

Von seinem Elan hat der frühere Senator nichts verloren. Am Sonntag feiert der Sozialdemokrat, der von 1971 bis 1983 das Innenressort leitete, seinen 90. Geburtstag. Mit seiner Frau Gisela erwartet Fröhlich 25 Gäste aus dem Verwandten- und Freundeskreis, darunter die Tochter, die beiden Enkel und die drei Urenkel. Gratulieren will auch Bürgermeister Carsten Sieling. In einer vorab verbreiteten Pressemitteilung würdigte er schon mal die Verdienste des Jubilars. Als Innensenator habe sich Fröhlich stets dafür stark gemacht, die Verantwortung für gesellschaftspolitische Konflikte nicht der Polizei aufzubürden.

Die Ordnungshüter sind ihrem ehemaligen Dienstherrn ans Herz gewachsen. Vor allem in den unruhigen Jahren des Linksterrorismus und der Massendemonstrationen hätten die Polizeibeamten „nicht rumgemäkelt, sondern ihre Arbeit gemacht ohne zu murren“, sagt Fröhlich. Das gilt auch für ihn selbst, der 1929 in Niederschlesien geboren wurde, wegen seiner Körpergröße von den Russen für älter gehalten wurde als er wirklich war und deshalb in ein Kriegsgefangenenlager bei Murmansk verschleppt wurde. Ein halbes Jahr blieb er dort bis Herbst 1945. Über die sowjetische Besatzungszone gelangte er erst im Oktober 1946 zu seiner Familie nach Ostfriesland, verdingte sich zwischendurch für drei Wochen auf einem Heringslogger und machte ab 1947 eine Ausbildung zum Fernmeldemechaniker bei der Bundespost.

Der SPD schloss er sich 1953 an, in der Deutschen Postgewerkschaft arbeitete er von 1957 bis 1971 als Sekretär und Bezirksvorsitzender – „meine schönste Zeit“, wie er rückblickend sagt. Doch dann habe der damalige Bürgermeister Hans Koschnick ihm den Senatorenposten angeboten. Oder besser: ihn in die Landesregierung beordert. Die aufreibenden Jahre als Innensenator machten ihm gesundheitlich zu schaffen. „Als Politiker hast du kein Wochenende mehr“, sagt er. Eines Tages habe er zu Koschnick gesagt: „Hans, ich kann nicht mehr!“ Dessen unwirsche Antwort: „Ich kann auch nicht mehr!“ Der Unterschied: Fröhlich zog die Reißleine, Koschnick blieb noch zwei Jahre im Amt.

Als seine politische Karriere endete, begann die seiner Frau. Von 1984 bis 1995 gehörte sie der Bürgerschaft an. Auch bei Gisela Fröhlich hatten es die Tische nicht leicht. Politik müsse gestalten, dürfe sich nichts diktieren lassen, sagt die resolute Frau. Von der Gutachten-Flut in der Verwaltung halten beide Fröhlichs nichts. Wieder einmal fliegt seine Faust auf den Tisch. „Das ist doch nichts weiter als Flucht vor der Verantwortung.“

Natürlich hinterlässt das Alter seine Spuren. Bloß so richtig erkennbar sind sie bei Fröhlich nicht. Noch immer ist der Mann mit der Schuhgröße 46 eine stattliche Erscheinung, man könnte ihn auch für zehn Jahre jünger halten. Bis heute ist er ein leidenschaftlicher Autofahrer, auch wenn er bei Urlaubsfahrten weniger frequentierten Strecken den Vorzug gibt. Ins Feriendomizil im ostfriesischen Dornum fährt Fröhlich lieber „hintenrum“ durch den Wesertunnel, nicht über die A 28. Einzig sein Hörvermögen habe etwas nachgelassen, ein Hörgerät sorgt für Abhilfe. Fröhlich nimmt es locker – so lange er auf seine Frau höre, könne nichts schiefgehen.

Und die große Politik? Der Zustand seiner Partei lässt Fröhlich nicht kalt. Und doch ist für ihn klar, dass die Sozialdemokratie noch immer gebraucht wird. „Wenn es die SPD nicht gäbe, würde jeder fragen: Wo ist die SPD?“ Freilich vermisst er charismatische Führungsfiguren in der Partei. „Es werden Menschen gewählt, keine Programm“, sagt Fröhlich. Darin sieht er auch das Manko des amtierenden Bürgermeisters. Der sei „sehr fleißig, aber er kommt draußen bei der Bevölkerung nicht an“.

Der Kontakt zur Basis, zu den Menschen auf der Straße ist in seinen Augen verloren gegangen. Es sei so, als würde die Partei die Signale nicht mehr hören. Wie im Fall der Rennbahn. „Erst mal muss man doch die Lücken bebauen und nicht gleich in die grünen Flächen gehen, damit sich die Bauunternehmen eine goldene Nase verdienen können.“ Die Ansiedlung von Amazon in Achim biete die Chance, das frühere Nordmende-Gelände zu bebauen. „Da muss der Bausenator doch handeln“, ruft Fröhlich. Und haut kräftig auf den Tisch.

Sein Arbeitszimmer hat Helmut Fröhlich längst geräumt, es ist jetzt das Reich seiner Frau. „Ich bin hier ohnehin nur Untermieter“, witzelt er. Nur die zahlreichen Fotos an der Wand erinnern an seine aktive Zeit: Fröhlich im Gespräch mit Helmut Schmidt, Fröhlich mit Koschnick, ein handgemaltes Porträt zeigt Altbürgermeister Wilhelm Kaisen. Statt Politik zu machen liest er viel, bis zu drei Bücher gleichzeitig. Seine aktuelle Lektüre: Günter Grass und Herta Müller. Das Basteln von Schiffsmodellen hat er aufgegeben, weil es die Bausätze nicht mehr gibt.

Zum Stammtisch der früheren Spitzengenossen im „Kaiser Friedrich“ geht er bis heute. Alle 14 Tage trifft sich die illustre Runde im Schnoor, unter ihnen die Ex-Senatoren Bernd Meyer, Moritz Thape und Hans Stefan Seifriz. Doch am 22. Juni werden sie und noch diverse andere Freunde aus Politik und Wirtschaft nach Hemelingen kommen – zur zweiten Geburtstagsrunde. Einen 90. Geburtstag feiert man schließlich nur einmal.

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