Aus der Sicht eines Auswärtigen

Auf der Suche nach Armut in Bremen

Nirgendwo in Deutschland sind mehr Menschen von Armut bedroht als in Bremen. Reporter Benjamin Havermann war eine Woche zu Besuch beim WESER-KURIER und hat geschaut, wie sichtbar die Armut ist.
18.05.2018, 16:42
Lesedauer: 3 Min
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Von Benjamin Havermann
Auf der Suche nach Armut in Bremen

Sicht von außen: Reporter Benjamin Havermann schildert seinen Eindruck von Bremen. Bei der Ankunft am Hauptbahnhof bot sich ihm ein ungewohntes Bild, schreibt er.

Frank Thomas Koch

Wer am Bremer Hauptbahnhof ankommt, gerät leicht ins Stolpern. Nur wenige Meter vor dem Eingang sitzen Obdachlose auf Isomatten und halten den herausströmenden Menschen ihre Becher entgegen. Beim Verlassen des Bahnhofgebäudes muss ich mir im Slalom einen Weg bahnen. Die Bremer scheinen dies zu kennen, sie gehen entspannt an den Sitzenden vorbei. Für mich ist dies jedoch eine ungewohnte Situation.

Ich wohne im beschaulichen Osnabrück mit seinen 160.000 Einwohnern. Klar gibt es bei uns auch Obdachlose, die um Geld betteln. Doch sie sind relativ unauffällig. An einigen wenigen Orten sieht man sie, aber am Hauptbahnhof eher selten. Und schon gar nicht sitzen sie direkt vor dem Eingang.

Geldbündel auf der Straße

Ich gehe weiter Richtung Bremer Innenstadt. Die Straßenbahn rattert vorbei. Gleich an der Sparkasse sehe ich den nächsten Obdachlosen, der in Decken gehüllt ist und ein vergilbtes Buch liest. Vor mir läuft ein junger Schwarzer mit tief sitzender Jeans. Er hält sein Handy ans Ohr, redet lautstark in einer fremden Sprache und fuchtelt wild mit den Armen.

Plötzlich fällt ihm etwas aus der hinteren Hosentasche, ein Geldbündel. Mehrere 50-Euro-Scheine liegen auf dem Bürgersteig. Dann rufe ich: „Excuse me.“ Erst nach dem zweiten Mal dreht er sich um und merkt, was er verloren hat. Ich vermute mal, es ist fast der gesamte Tagesumsatz eines Drogendealers. Der Mann bedankt sich kurz und telefoniert weiter.

Bremen hat deutschlandweit ein schlechtes Image. „Jedes dritte Kind in Bremen lebt von Hartz IV“ oder „Die Griechen von der Weser“ lauten Schlagzeilen. Das ist wohl auch nicht übertrieben. In Bremen gilt jeder Vierte als arm. Nirgendwo in Deutschland ist die Armutsgefährdungsquote laut Statistischem Bundesamt höher.

Wohlhabende Stadt

Auf dem Marktplatz angekommen, bietet sich mir ein anderes Bild. Touristen reiben am Bronzefuß des Esels von den Bremer Stadtmusikanten, Menschen schlürfen ihren Aperol Spritz auf dem Marktplatz, Geschäfte präsentieren Edelmarken. Von Obdachlosen, Bettlern und Dealern ist nichts zu sehen. Das Zentrum macht insgesamt einen sehr ordentlichen und wohlhabenden Eindruck. Gibt es also doch gar nicht so viel Armut in Bremen, wie man immer lesen kann? Wo findet man die vielen Hartz-IV-Empfänger?

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Um Antwort auf meine Fragen zu finden, gehe ich zu Anke Teebken. Sie ist Sprecherin des Paritätischen Wohlfahrtsverbands Bremen und relativiert das landläufige Bild der Hansestadt. „Bremen ist eigentlich eine reiche Stadt“, sagt sie. Viele angesehene und erfolgreiche Unternehmen haben hier Produktionsstätten, wie Beck's oder Daimler.

Aber es gebe auch die andere Seite. „Fahren Sie mal in den Westen von Bremen, nach Gröpelingen“, rät sie mir. „Da sehen Sie, was Armut ist.“ Das mache ich. Es geht nach Wohlers Eichen in Oslebshausen, einer riesigen Hochhausanlage. Etwa 1000 Menschen aus 21 Nationen leben hier. Über 80 Prozent der Mieter beziehen Hartz IV.

Müllberge im Riegelblock

Trotzdem sieht es einigermaßen gepflegt aus: keine Graffiti an den Wänden, keine eingeschlagenen Fenster, keine pöbelnden Jugendlichen. „Früher gab es hier Vandalismusschäden ohne Ende und sehr viel Angst“, erzählt mir Martin Rohde. Der 43-Jährige ist seit 2005 Nachbarschaftsmanager. Er wurde vom Hauseigentümer Vonovia eingesetzt, um mehr Ruhe nach Wohlers Eichen zu bringen.

Der gelernte Werbetechniker kann sich noch an die unruhigen Zeiten erinnern. „Die Polizei kam mit einer Hundertschaft und hat sich nicht getraut, einzugreifen.“ Jugendbanden bestimmten das Geschehen im Riegelblock, wie Rohde die achtstöckige Anlage nennt. „Einmal wurde der Hausmeister so stark verprügelt, dass er zwei Wochen ins Krankenhaus musste.“ Jetzt sei der Müll das größte Problem. Er zeigt auf Abfallberge, die vor den Mülleimern liegen.

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Rohde hat es geschafft, einen Draht zu den Bewohnern aufzubauen. Egal, ob es der Macho in Jogginghose ist oder die Frau im Niqab, er wird von jedem freundlich gegrüßt. „Ich behandle jeden Menschen wie ein weißes Stück Papier“, sagt der Nachbarschaftsmanager. „Ich lasse mich auf jeden unvoreingenommen ein und versuche zu verstehen, wie er tickt.“

Appell an die Politik

Armut gebe es aber, die kann auch Rohde nicht wegzaubern. Er sieht die Politik in der Verantwortung: „Es muss mehr passieren, damit die Leute in Lohn und Brot kommen.“ Außerdem müsse man stärker über den Wohnungsmarkt eingreifen. „Wer hier Bock auf Arbeit hat, wird abgelehnt, weil er die falsche Adresse hat.“ Er fordert eine stärkere soziale Mischung in den Wohngebieten.

Rohde sagt aber auch, dass Bremen etliche Steuereinnahmen entgingen. „Viele Leute arbeiten hier, aber wohnen in Niedersachsen.“ Steuern werden am Wohnort fällig und nicht am Arbeitsort. „Wenn man das ändern würde, stünde Bremen nicht mehr so schlecht da.“

Ich merke in dieser Woche: Armut in Bremen hat viele Gesichter. Neben den noblen Läden und Backsteingebäuden gibt es auch Hartz-IV-Gettos. Doch auch dort ist mit engagierten Menschen ein friedliches Leben möglich. Mir scheint, dass Bremen zu Unrecht einen dermaßen schlechten Ruf hat. Zu tun bleibt aber trotzdem noch jede Menge.

Weitere Informationen

Benjamin Havermann, 28, ist Volontär bei der "Neuen Osnabrücker Zeitung" (NOZ). Er war diese Woche im Rahmen des Projekts "Reporter-Tausch" beim WESER-KURIER.

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