Tag des offenen Denkmals Auf Erkundungstour durch Bremens größten zivilen Schutzraum

„Jenseits des Guten und Schönen – Unbequeme Denkmale“ war der gestrige Tag des offenen Denkmals überschrieben. Eine dieser unbequemen Orte war die Zivilschutzanlage in der Tiefgarage am Sedanplatz in Vegesack.
09.09.2013, 00:00
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Auf Erkundungstour durch Bremens größten zivilen Schutzraum
Von Ralf Michel

„Jenseits des Guten und Schönen – Unbequeme Denkmale“ war der gestrige Tag des offenen Denkmals überschrieben. Eine dieser unbequemen Orte war die Zivilschutzanlage in der Tiefgarage am Sedanplatz in Vegesack. Die Besichtigung des Bunkers führte rund 30 Besucher fünf Etagen tief unter die Erde. Und 50 Jahre zurück mitten in die Zeit des Kalten Krieges.

„Das ist ja nur eine Tiefgarage“, murmelte einer der jüngeren Besucher ein wenig enttäuscht, als sich die etwa 30-köpfige Gruppe auf den Weg unter die Erde machte. Zum Teil hatte er damit recht, denn tatsächlich wurde die Anlage von 1973 bis 1975 als Tiefgarage gebaut. Andererseits aber handelte es sich bei dem Bauwerk am Sedanplatz um eine Mehrzweckanlage, erklärte Joachim Marks den Besuchern gestern anlässlich des Tags des offenen Denkmals: Jede Menge Autos können hier parken. Zugleich aber verbirgt sich unter der Vegesacker Markthalle die größte zivile Schutzraumanlage Bremens – 4111 Menschen sollten hier im Notfall Unterschlupf finden und 14 Tage abgeschnitten von der restlichen Welt überleben können.

Erhalt der Anlage

Fantasie brauchte nicht nur der junge Besucher, um sich das unterste Parkdeck der Tiefgarage als Schutzbunker vorzustellen. Denn zu sehen war davon zunächst nichts. Abgesehen von jeder Menge Verstrebungen über den Köpfen der Besucher. „Das sind die Halterungen für die Betten“, erklärte Joachim Marks, der die Führung gemeinsam mit Egbert Heiß leitete. Marks arbeitet bei der Innenbehörde in der Abteilung, die für die Bunker in Bremen zuständig ist, Heiß ist Sprecher einer Initiative, die sich für den Erhalt des Bunkers am Sedanplatz einsetzt.

Die Zivilschutzanlage besteht aus zwei Teilen, baugleich nebeneinander gesetzt, jede für knapp über 2000 Menschen gedacht. In einer Ecke waren für die Besichtigung ein paar Betten aufgehängt worden, um einen Eindruck davon zu vermitteln, wie das komplette Parkdeck ausgesehen hätte, wenn in den 70er- oder 80er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts ein Krieg ausbrochen wäre. Eng wäre es geworden, das wurde den Besuchern schnell klar, als Marks sie durch die Funktionsräume führte: Der Sanitärraum mit zehn Waschbecken in einer Reihe und noch einmal acht gegenüber. Es gibt Spiegel, Seifenspender und Handtuchhalter. „Hier hätten sich bis zu 2000 Leute waschen sollen?“, fragte ein Besucher. Marks nickt. Und nebenan in der kleinen Küche sollten alle 2000 bekocht werden. Eine Frau hob den Deckel eines Kochtopfs. Zugegeben, ein wirklich großer Kochtopf. „Aber ob man damit 2000 Menschen satt bekommt...?“

In einem der Rettungsräume stehen Pappkartons in den Regalen. Mit schwarzem Filzstift geschrieben steht drauf, was sich darin befindet: Arbeitsanzüge, Schutzhelme, Armbinden, Einweghandtücher. Im Raum daneben stapeln sich Kernseife und Toilettenpapier in den Regalen. „Nahrung und Medikamente wurden hier nicht eingelagert“, erläuterte Marks. Seinerzeit sei man von einem kompletten Jahr Vorwarnzeit für einen Krieg ausgegangen. Genug Zeit also, um alles Notwendige zu bunkern.

Hier schimmert sie durch, die „Schizophrenie der damaligen Sicherheitsphilosophie“, von der Egbert Heiß spricht, wenn er über die Zeit des Kalten Krieges und die Gründe für den Bau der Zivilschutzanlage spricht. „Abschreckung und die Fähigkeit, einen atomaren Erstschlag zu überstehen“, habe damals die Strategie gelautet. Dass eine solche Anlage keinen Schutz vor einem Volltreffer geboten hätte, sei allen Beteiligten klar gewesen. Bei diesem Bunker sei es um den Schutz vor umherfliegenden Splittern gegangen. Und eben um den Schutz vor der atomaren Verseuchung.

Als ob nach dem Abwurf einer Atombombe 14 Tage später alles wieder in Ordnung gewesen wäre. Schutz in einem Atomkrieg sei nicht mehr als eine kollektive Wahnvorstellung gewesen, betonte Heiß. „Hier konnten punktuell für einen kurzen Zeitraum einige wenige Menschen geschützt werden – mehr nicht.“

Atomare Aufrüstung

Gerade deshalb jedoch hält er den Bunker für erhaltenswert. „Das ist ein wichtiges Denkmal für die Zeit, die hinter uns liegt“, sagte Heiß mit Blick auf den Kalten Krieg und die atomare Aufrüstung in Ost und West. „Wichtig für spätere Generationen, um diesen Wahnsinn belegen zu können und um zu dokumentieren, unter welcher Bedrohung wir damals gelebt haben.“

Ein erster Schritt für den Erhalt der Zivilschutzanlage sei gemacht, berichtet Heiß. Das Landesamt für Denkmalpflege bemühe sich um die Anerkennung des Bunkers als schutzwürdiges Denkmal. Weiteres Ziel sei es, mit der Brepark, der städtischen Gesellschaft für die Parkhäuser Bremens, eine Regelung zu finden, die regelmäßig Besuche der Schutzanlage ermögliche, etwa von Schulklassen oder auch Touristen. „Bisher geht das nur inoffiziell und provisorisch“, ergänzte Joachim Marks und gab den Besuchern abschließend mit auf den Weg, dass sie sich seit gestern zu einem erlauchten Kreis zählen dürfen. „Viele durften hier noch nicht rein.“

Ein Video zum Tag des Denkmals finden Sie unter www.weser-kurier.de/video

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