Mit dem Bauer durchs Jahr Auf gutem Grund

Wenn Henning Kruses Kühe ein Quad hören, werden sie nervös. Sie stampfen mit den Füßen und drängen zur Tür. Das Nahen des Quads signalisiert ihnen, dass sie gleich auf die Weide dürfen.
30.04.2016, 00:00
Lesedauer: 5 Min
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Auf gutem Grund
Von Barbara Wenke

Was muss im Stall getan werden? Welche Arbeiten stehen wann auf dem Feld an? Wie funktioniert eine Biogas-Anlage? In einer Langzeitreportage begleitet DIE NORDDEUTSCHE den landwirtschaftlichen Betrieb von Henning Kruse aus dem Lemwerderaner Ortsteil Butzhausen. Monat für Monat erfahren die Leser, welche Arbeiten auf dem Hof zu erledigen sind.

Wenn Henning Kruses Kühe ein Quad hören, werden sie nervös. Sie stampfen mit den Füßen und drängen zur Tür. Das Nahen des Quads signalisiert ihnen, dass sie gleich auf die Weide dürfen.

Rückblende: Es ist Sonntag, 9. April, 12 Uhr. Eigentlich wäre auf dem Hof an der Butzhauser Helmer um diese Zeit nicht viel los. Das morgendliche Melken ist seit gut zwei Stunden vorüber. Der abendliche Durchgang beginnt erst gegen 18 Uhr. An diesem Tag haben sich aber mit Ela Woloszyn, Radek Szczesniak, Michael und Christoph Stöver, Lukas Mornhinweg und Sirina Kruse zwei feste Angestellte, drei Aushilfskräfte, Kruses Tochter und der Landwirtschaftsmeister selbst vor dem modernen Boxenlaufstall versammelt. Henning Kruse will erstmals in diesem Jahr seine Kühe aus dem Stall lassen. Weideaustrieb.

„Vier Leute sind das Minimum“, hat Henning Kruse in den vergangenen Jahren gelernt. „Da sind viele junge Tiere bei, die so einen Austrieb noch nie mitgemacht haben.“ Der Betriebsleiter weist seine Mitarbeiter ein. Tochter Sirina macht sich mit einem Quad auf zur Weide. Ela Woloszyn platziert ihren Radlader quer auf der Butzhauser Helmer, damit die Kühe die korrekte Abzweigung nehmen.

Henning Kruse hat eigens eine etwas weiter entfernte Weide für den ersten Austrieb des Jahres ausgesucht. „So müssen die Kühe erstmal ein paar Meter auf dem gepflasterten Weg laufen und zerstören die Grasnarbe nicht. Hätten wir sie direkt hinter dem Stall auf die Weide gelassen, wären sie die Wiese dreimal rauf und runter gelaufen und die Weide wäre zertrampelt und schwarz.“ Der Betriebsleiter beobachtet, wie jeder Mitarbeiter seine Position einnimmt. Auf Lukas Mornhinweg muss er ein wenig warten.

Der 15-Jährige präpariert eine Drohne. Damit will er den Weideaustrieb aus der Luft filmen. „Die Bilder stellen wir bei Youtube rein“, erzählt der Kameramann. An einigen Gattern, die die Kühe passieren müssen, hat Mornhinweg zuvor ebenfalls Kameras angebracht. Zu sehen sind die Bilder im Kanal „Niedersächsische Agrarvideos“. Auch vom Gülle fahren, Mähen und anderen landwirtschaftlichen Arbeiten haben Kruses Helfer bereits mehrere Videos eingestellt.

Auf ihrem rund 500 Meter langen Weg zum saftigen Grün buckeln einige Kühe ausgelassen. Damit sie in ihrem Übermut nicht die Gräben am Straßenrand übersehen, haben Kruse und seine Mitarbeiter gelbe Fähnchen an die dünnen Stromdrähte geknotet.

Rund 100 Hektar Weideland liegen annähernd als geschlossene Fläche rund um Henning Kruses Hof. Einen Teil davon hätte der Landwirt und begeisterte Pilot vor gut zwei Jahren beinahe freiwillig abgegeben. Gemeinsam mit der Airbus Weser-Fluggemeinschaft wollte Henning Kruse einen Sonderlandeplatz einrichten. Die Gemeinde Lemwerder hatte ihren Flächennutzungsplan bereits geändert. Letztlich fehlte dem Butzhauser eine Weide, über die die Landebahn hätte verlaufen müssen. Da der Eigentümer diese Fläche nicht hergeben wollte, war der Plan für den Sonderlandeplatz Butzhausen gestorben, ehe er konkret werden konnte. Henning Kruse hebt nun weiter vom Flugplatz in Ganderkesee ab.

In diesem Jahr ist der Butzhauser erstmals vor einer Woche gestartet. Er zeigte einem französischen Austauschschüler, der eine Woche lang bei den Kruses wohnte, aus einer Cessna 172 heraus die ostfriesischen Inseln. Zumindest das, was man durch eine dichte Wolkendecke sehen konnte. Auch die Austauschschülerin einer Nachbarin durfte Norddeutschland von oben betrachten.

Für seinen Betrieb hat sich Henning Kruse für ein Portionsweidesystem entschieden. Jeden Tag treibt er seine Herde auf einen neue, frische Weide. „Dreckiges Gras mögen die Kühe nicht“, begründet der Betriebsleiter. Er hat 22 Weideflächen jeweils in der Größe von acht bis zwölf Fußballfeldern eingerichtet. Somit dauert es gut drei Wochen bis Henning Kruse eine Fläche wieder beweidet. Das gibt der Grasnarbe genügend Zeit, sich zu regenerieren.

Der Landwirtschaftsmeister steigert die Weidezeit seiner Tiere von Tag zu Tag. „Der Kuhmagen muss sich umgewöhnen“, erläutert der 48-Jährige. Die Milchleistung falle aufgrund der Umstellung zwar erst einmal ab. Dennoch ist Kruse überzeugt, dass der Weidegang die richtige Haltungsform ist. „Die Bewegung tut den Kühen gut.“ Die vorübergehenden Einbußen bei der Milchleistung und die damit verbundenen geringeren Einnahmen hofft der Butzhauser durch eine geringere Kraftfuttergabe kompensieren zu können.

Eventuell gibt es von der Molkerei aber auch einen Ausgleich. Die Milch verarbeitenden Betriebe haben ihre Lieferanten aufgerufen, weniger Milch zu produzieren, da der Markt zu kollabieren drohe. Für den Liter Milch erhält Henning Kruse im April nur noch 23 Cent. „Ich weiß noch nicht so recht, wie ich damit umgehe“, sagt der Betriebsleiter. „Der Preis bewegt sich unter den Produktionskosten. Vielleicht muss ich doch die ein oder andere Kuh, die nicht mehr so viel Milch gibt, zum Schlachter bringen.“

Der erste Weideaustrieb ist beendet. Erfolgreich. Alle Kühe haben die Zäune akzeptiert, keine ist in den Graben gestürzt und Kruse musste keine Kühe „angeln“. Vom Kuhangeln spricht der Butzhauser, wenn er Vierbeiner aus dem Graben ziehen muss, die aus Übermut nicht mehr rechtzeitig vor den Wasserläufen bremsen konnten. Auf seinen Weiden trennt nur selten ein Zaun die Weide von den Gräben. Der Butzhauser nutzt die Wasserläufe als Tränken. Früher war das anders. Aufgrund des großen Andrangs an den Tränken entstanden allerdings immer Schlammlöcher.

Das Wasser, das Kruses Kühe trinken, kommt zum größten Teil von der Geest. Der Butzhauser Landwirt ist überzeugt, seine Tiere auch künftig noch über die Gräben tränken zu können. Im Gegensatz zu den Bauern im Norden der Wesermarsch. Die befürchten, dass in ihrer Region mit der geplanten Vertiefung der Weser vermehrt Salz in die Gräben geschwemmt wird.

Insgesamt bewirtschaftet Henning Kruse knapp 200 Hektar Land, ein Viertel davon eigenes. Der Rest ist gepachtet: von Butzhausen bis Bookholzberg. Es sind Marsch- und Moorböden. Dass er Moorflächen bewirtschaftet rührt noch aus der Zeit, als er unbedingt Flächen brauchte.

Mooriger Untergrund ist lange nass und deshalb schwierig zu bewirtschaften. Außerdem ist die Gefahr groß, dass Fahrzeuge stecken bleiben. „In diesem Fall brauchst du viele lange Seile und Zugmaschinen. Ich habe Hochachtung vor Bauern die nur Moorflächen bewirtschaften“, sagt der 48-Jährige.

Doch auch auf den Marschböden muss der Landwirt vorsichtig sein. Grüppen, längliche Entwässerungsrinnen, die die Weiden durchziehen, unterbrechen die tragfähige sogenannte Knickschicht. Die Rinnen bergen Gefahren. Gerät man mit dem Schlepper zu dicht an die Grüppen, gibt der Boden nach. Gerade erst ist ein Mitarbeiter mit Trecker und Güllefass in Schieflage geraten, konnte sich mit geschickten Fahrmanövern aber selbst aus der misslichen Lage befreien.

Von der Bodenqualität ist abhängig, wie viel Pacht Kruse pro Jahr für einen Hektar Land zahlt. Seine Verträge sind auf drei bis zehn Jahre ausgelegt. „Der Pachtpreis, den ich zahle, muss gut sein.“ Das gebe ihm Planungssicherheit. Einige von Henning Kruses Flächen stehen unter Naturschutz. Dort nisten Kibitze. Also darf der Landwirt sie erst spät im Jahr befahren und bewirtschaften. „Ich kann damit aber gut leben“, sagt der Betriebsleiter. „Ich brauche Heu. Und ob ich das Ende Mai oder erst im Juni mähe, ist mir egal.“ Vieh lässt Henning Kruse auf den entfernt vom Hof befindlichen Flächen nicht grasen. Er hat niemanden, der Zeit hätte, dort täglich nach den Tieren zu gucken. So bleiben die Kühe in der Nähe des Hofes.

Bis Juli ist das Gras saftig grün, danach geht ihm die Kraft aus. Kruse hält für seine Milch produzierenden Tiere dann nur noch eine Weide zum Freilauf zur Verfügung. Die Energie zur Milchproduktion bekommen sie dann wieder aus dem Kraftfutter und Silo im Stall.

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