Nachhaltiger einkaufen

Auf Kleidung mit Kunsthaar verzichten

Weil echte Tierhaare billiger sind, werden sie manchmal falsch deklariert. Im Interview erläutert der Vorstand der Verbraucherzentrale Bremen außerdem, welche Smartphones besser für die Umwelt sind.
31.05.2017, 17:14
Lesedauer: 6 Min
Zur Merkliste
Auf Kleidung mit Kunsthaar verzichten
Von Florian Schwiegershausen
Auf Kleidung mit Kunsthaar verzichten

Nachhaltige Finanzprodukte sind das Spezialthema von Annabel Oelmann.

Frank Thomas Koch

Weil echte Tierhaare billiger sind, werden sie manchmal falsch deklariert. Im Interview erläutert der Vorstand der Verbraucherzentrale Bremen außerdem, welche Smartphones besser für die Umwelt sind.

Frau Oelmann, definieren Sie doch bitte mal den Begriff Nachhaltigkeit – irgendwie hat da jeder etwas anderes im Kopf!

Annabel Oelmann : Das ist nicht so einfach: Bedeutet Nachhaltigkeit, dass der Apfel aus Neuseeland ganz schlecht ist, weil er erst nach Deutschland geflogen werden muss, um bei uns in den Handel zu kommen? Und der Apfel aus dem Alten Land, der aber vielleicht längere Zeit unter kontrollierter Atmosphäre gelagert wurde, ist der besser oder schlechter?

Und welcher Apfel ist jetzt besser?

Das kann man bei Äpfeln leider so genau nicht sagen. Da spielen noch weitere Faktoren eine Rolle. Aber das ist genau das Problem, vor dem Verbraucher tagtäglich stehen. Denn es gibt nicht das Label und auch nicht die klare Definition. Wir als Verbraucherzentrale möchten da ansetzen und beraten dazu, was alles nachhaltig sein kann: Wir informieren dazu in den Bereichen Ernährung, Haushalt, Haushaltsgeräte, Technik, Handys, PC-Entsorgung bis hin zum Geld. Also wo lege ich mein Geld an, tut es dabei etwas Gutes? Oder unterstützt es im schlimmsten Fall auch Unternehmen, die wir als Verbraucher gar nicht unterstützen wollen, wie beispielsweise Rüstungsindustrie oder Ölkonzerne? Denn solche Unternehmen stufen wir natürlich nicht als nachhaltig ein.

Aber sind denn Lebensmittel aus der Region wirklich nachhaltiger?

Bei Lebensmitteln gibt es einen optimalen „Dreier-Pack“: regional, saisonal und ökologisch. Regional hilft mir aber nicht, wenn es dabei um Obst oder Gemüse aus der anderen Jahreshälfte geht. Denn dann muss es tiefgekühlt oder importiert werden. Wenn ich Wert auf Nachhaltigkeit lege, kaufe ich in der Regel regional erzeugte Produkte, die im besten Falle – wenn ökologisch produziert – weniger Pestizide enthalten. Und das ist natürlich vielen Verbrauchern wichtig. Und wenn die Kiwi zwar bio ist, aber vom anderen Ende der Welt herangeschafft wird, dann ist das nicht gerade nachhaltig.

Gerade dazu: Es ist schon verwunderlich, dass sich Bio-Produkte im Supermarkt verkaufen, auch wenn sie aus Italien oder sonst wo herkommen.

Darum geht es: Idealerweise habe ich einen Bioland- oder Demeter-Bauern vor der Haustür, hat aber nicht jeder! Das EU-Bio-Zertifikat ist so etwas wie der Bio-Mindeststandard. Bio boomt, gerade bei Discountern bekomme ich ja nun auch entsprechende Produkte. Ich persönlich kaufe lieber beim Bauern um die Ecke, auch wenn ich da nicht eine Auswahl von 20 verschiedenen Apfel-Sorten habe. Das muss jeder für sich selbst entscheiden.

Das ist natürlich auch eine Kostenfrage.

Bei Obst und Gemüse geht es noch. Aber schauen wir mal aufs Fleisch: Wir haben ja wirklich große Probleme mit dem Billigfleisch, wovon sehr viel produziert wird. Fleisch von ökologisch gehaltenen Tieren ist dagegen deutlich teurer. Da lautet unsere Empfehlung: Weniger ist mehr! Wir essen grundsätzlich zu viel Fleisch – mit Ausnahme der Vegetarier und Veganer natürlich. Vielleicht nur ein- bis zweimal die Woche Fleisch essen und dann aber gute Qualität. Die anderen Tage mehr Obst und Gemüse verzehren. Aber das ist ein Konsumentenverhalten, das wir alle uns auch bewusst machen und in den Alltag einbauen müssen, indem man in der Kantine vielleicht das vegetarische Essen nimmt.

Kommen wir mal zur Unterhaltungselektronik: Inwiefern steigt Ihrer Meinung nach die Zahl der Produkte mit eingebauter Sollbruchstelle – also mit Obsoleszenz?

Es gibt bisher keinen Beleg dafür, aber gefühlt ist es so. Mir geht es auch so. Wenn ich an den Kühlschrank meiner Eltern denke – der ist 30 Jahre alt und nicht kaputt zu kriegen. Natürlich sagen wir alle, dass allein vom günstigeren Verbrauch her mal ein neuer Kühlschrank an der Reihe wäre. Ich dagegen hatte schon mehr als drei Kühlschränke innerhalb weniger Jahre. Das Thema wird untersucht, aber es liegt der Verdacht nahe, dass gewisse Sollbruchstellen in Geräten produziert werden. Auf der anderen Seite gibt es immer mehr Verbraucher, die sich gerne das neueste Smartphone kaufen oder einen noch größeren Fernseher, weil der alte zu klein ist. Da geht es um die Frage nach den Rohstoffen. Wie gehe ich mit den alten Geräten um? Verkaufe ich sie weiter, oder lasse ich es fachgerecht recyceln? Beim Smartphone bitte immer zurück auf Werkseinstellung setzen und alle Daten löschen.

Gleichzeitig kaufen viele ein Smartphone, bei dem der Akku fest eingebaut ist. Aber welchen Mehrwert bringt das?

Das wäre für mich ein Grund, ein solches Smartphone nicht zu kaufen. Denn der Akku ist immer der Schwachpunkt. Wenn ich das Gerät langfristig nutzen will, sollte ein Akkutausch möglich sein. Ein weiteres Thema sind die verschiedenen Ladekabel. Wir plädieren hier für Standardanschlüsse.

Ist es nur der Akku?

Alte Handys sollten Sie nicht in der Schublade liegenlassen, sondern recyceln, wenn sie kaputt sind. Denn in den Geräten sind seltene Metalle verbaut, die man bestmöglich weiterverwenden sollte, sodass man sie nicht wieder aus dem Boden gewinnen muss. Man kann die Handys abgeben oder spenden, es gibt auch viele Sammelstellen. Das gilt übrigens auch für Kleidung.

Bei der Kleidung wiederum setzt sich doch der Billigtrend fort.

Die Nachhaltigkeit bei Kleidung beginnt schon beim Kauf, indem sich der Verbraucher die Fragen stellt: „Steckt dort Kinderarbeit drin? Welche Rohstoffe werden verwendet? Wie wird gefärbt? Und wir als Verbraucherschützer erleben dann den Skandal, dass beispielsweise Pelz aus China von Marderhunden so billig ist, dass Kunstfell das teurere Produkt ist. Echtes Fell an Mützen und Schals wird häufig zum Kunstfell „gemacht“. Die Täuschung lässt sich aber leicht per Pust- oder Feuertest feststellen. Echtes Fell verhält sich anders als Kunstfell und beim Verbrennen stinkt es.

Es gibt aber Billigkleidung, die auch nach 50 Malen Waschen noch ganz okay ist.

Hier gilt auch: Weniger ist mehr. Es ist in Ordnung, preisbewusst zu sein oder seine alten Klamotten in den Kreislauf zurückzugeben – entweder in den Secondhand-Laden oder im Freundeskreis verschenken, damit wir nicht massenhaft für die Mülltonne produzieren.

Und woran erkenne ich, dass Kleidung von Kindern genäht wurde?

Es gibt Siegel, die Orientierung geben können. Produkte ohne Siegel müssen aber nicht automatisch schlecht sein. In diesem Bereich ist es für Verbraucher, die auf Nachhaltigkeit achten möchten, besonders schwierig.

Zum Schluss zu den nachhaltigen Finanzprodukten: Wie kann sich der Kunde hier nachhaltig verhalten?

Da gibt es eine große Bandbreite. Wie bei allen Geldprodukten ist es wichtig, sich einen Marktüberblick zu verschaffen. Das ist nicht einfach. Bei unseren Umfragen unter Verbrauchern stellen wir fest, dass viele von ihnen sagen: Wenn ich mein Geld anlegen will, beispielsweise bei staatlich geförderten Riesterverträgen, möchte ich auf keinen Fall, dass das in die Rüstung geht oder in Öl investiert wird.

In vielen Banken werde ich nicht gerade umarmt, wenn ich nach nachhaltigen Finanzprodukten frage.

Das Problem ist: Viele Banker kennen solche Produkte nicht. Auf der anderen Seite wissen auch Verbraucher zu wenig über Geldanlagen und Altersvorsorge. Bei nachhaltigen Finanzprodukten muss ich schon ein Crack sein, um mich auszukennen und das richtige zu finden. Wir als Verbraucherzentrale Bremen haben ein großes Projekt, bei dem wir uns mit nachhaltigen Geldanlagen beschäftigen. Wir bereiten Marktübersichten vor, das geht beim Girokonto los und geht weiter mit dem Fondssparen. Demnächst analysieren wir auch alle Riesterprodukte. Damit wollen wir dem Verbraucher Rüstzeug an die Hand geben.

Und ab wann ist für Sie ein Finanzprodukt nachhaltig?

Ab wann ist ein Mensch ein guter Mensch? Der Begriff Nachhaltigkeit ist nicht definiert, und das ist das große Problem. Was sich auf dem Markt als „nachhaltig“ bezeichnet, muss nicht unbedingt nachhaltig sein. Andere Produkte wiederum sind nachhaltig, nennen sich aber nicht so. Die Cracks stellen sich selbst ihre Definitionen auf und überlegen, was ihnen wichtig ist. Wird mit meinem Geld weder Bier und Alkohol hergestellt noch pornografische oder Rüstungsprodukte? Der nächste wiederum hat keine Probleme, wenn mit seinem Geld Bier hergestellt wird, ihm sind aber Dinge im sozial-ethischen oder ökologischen Bereich wichtig. Ein Ansatz wäre da der Best-in-Class-Bereich. Man nimmt für einen Fonds aus allen Branchen die jeweils besten ihrer Klasse. So kann man die „Guten“ aus der Branche fördern und die Schlechten damit sanktionieren, dass sie nicht in dieses Fonds-Portfolio hineinkommen.

Das Interview führte Florian Schwiegershausen.

Zur Person

Annabel Oelmann leitet seit April 2016 als Vorstand die Verbraucherzentrale Bremen. Ihr Spezialgebiet sind die Verbraucherfinanzen. Um das Thema kümmerte sie sich auch zuvor bei der Verbraucherzentrale NRW.
Mit gutem Gewissen durch den Alltag Anlässlich der Deutschen Aktionstage Nachhaltigkeit informiert die Verbraucherzentrale Bremen am Mittwoch, 31. Mai, um 16 Uhr darüber, wie Verbraucher im Alltag Umwelt und Klima schützen können. Bei Kaffee und Tee beantworten die Experten Fragen zu Ökostrom und Klimagas, zur Ernährung und zu ethisch-öokologischen Geldanlagen. Die Veranstaltung in der Verbraucherzentrale am Altenweg 4 (Faulenviertel) ist kostenlos. Eine Anmeldung dafür ist nicht erforderlich.
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+