Haltestelle Doventor

Auf kurzem Weg zum Arbeitsamt

Wer hier aussteigt, hat höchstwahrscheinlich einen Termin - bei der Arbeitsagentur oder beim Versorgungsamt. Einsteiger gibt es kaum, die Gleisbaustelle macht die 2 hier zur Straßen-Einbahn-Linie.
17.07.2019, 12:24
Lesedauer: 3 Min
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Auf kurzem Weg zum Arbeitsamt
Von Justus Randt
Auf kurzem Weg zum Arbeitsamt

Ab durch die Mitte: Die Linie zwei verlässt die Station Doventor. Es sind wenige, die aussteigen, eingestiegen ist niemand. Das liegt an der Gleisbaustelle in Walle.

Christina Kuhaupt

Keine Zeit. Die freundliche, gepiercte junge Mutter, die mit dem Kinderwagen an der Haltestelle Doventor/Agentur für Arbeit ausgestiegen ist, hat einen Termin. Sie schiebt eilig ab in Richtung Amt für Versorgung und Integration, während ihr Junior im schaukelnden Gefährt die Kindertrinkflasche stemmt. „Motörhead“ steht drauf, der Name einer Heavy-Metal-Band. Die ganze große Gleisbaustelle der Bremer Straßenbahn AG in Walle ist Heavy Metal, echt die Härte. Aus der Gegenrichtung wird die Haltestelle ein paar Wochen lang gar nicht bedient. Die Linie 2, die sonst bis Gröpelingen fährt und von Bussen ersetzt wird, biegt kurz hinterm Nordwestknoten in Utbremen ab und fährt in einer Schleife über den Doventorsteinweg zurück nach Sebaldsbrück.

So kommt es, dass die Haltestelle Doventor ein Ort der Ankunft ist, keiner des Abschieds und des Aufbruchs. Und sie ist offenbar kein Ort, an dem sich jemand freiwillig länger als nötig aufhält. Sobald der Autoverkehr es zulässt, sehen Kunden der Arbeitsagentur und des Versorgungsamtes zu, dass sie über die Straße kommen. Wie die junge Mutter. Der kürzeste Weg ist der beste, obwohl die Ampel nicht weit entfernt ist. Ein Wunder, dass nicht mehr passiert. Zwei Fahrspuren in jede Richtung führen entlang der Doventorscontrescarpe, die hinter der Stephanibrücke zur Hans-Böckler-Straße wird. „Wir haben einen Termin beim Jobcenter.“ Es klingt entschuldigend, wie Mariam Nge das sagt. Sie ist zusammen mit Muca Jarjous ausgestiegen. In der Doppelkarre haben sie Isatou und Fatou dabei. „Wir sind fast täglich hier.“ Routine mit eng gestecktem Zeitplan.

Ein paar Züge früher sind Ulrike Moritz und Birgit Olma hier ausgestiegen, auch sie in Eile: „Ich fahre nur einmal im Monat mit der Bahn zur Arbeit und bin spät dran“, sagt Ulrike Moritz. Andere bewegen sich wie im Tunnel, ihre Ohrhörer sorgen dafür, dass sie unbehelligt von Fragen bleiben: Wo wollen sie hin? Was verbinden sie mit dem Doventor? Interessieren sie sich gar nicht für den geschichtsträchtigen Ort?

Eine aber hat doch ein bisschen Zeit: Svetlana Siniavska musste eine Frage zu ihrer Rentenabrechnung klären und will weiter in die Innenstadt. Da kann sie lange warten am Doventor, aus dem Westen ist nichts Neues zu erwarten, wenigstens keine Straßenbahn der Linie 2. „Ich war früher Stadtführerin für russisch sprechende Gäste“, erzählt sie. Ob sie etwas Persönliches mit der Haltestelle verbindet? „Mein absoluter Lieblingsort ist Worpswede“, antwortet sie und ergänzt diplomatisch: „In Bremen habe ich zehn Themenrouten gehabt, Böttcherstraße und St.-Petri-Dom und drumherum.” Sie hält kurz inne. "Da drüben war ein Friedhof“, sagt die Rentnerin mit zielsicherem Fingerzeig in Richtung der Stephanikirche. „Im 14. Jahrhundert, denke ich, aber mit 77 Jahren vergesse ich auch manches.“

Aber dass dove, wie das Doventor benannt ist, taub bedeutet, das weiß Svetlana Siniavska mit Gewissheit. Das Projekt Digitales Heimatmuseum des Geschichtskontors im Kulturhaus Walle Brodelpott liefert die Erklärung: Das Doventor, als eines von zehn Stadttoren, sei lange Zeit ein „taubes“ Tor gewesen. „Von hier aus führte kein Weg in die Orte des Bremer Umlandes.“

Das hat sich gründlich geändert – mit langen Unterbrechungen nach dem Krieg und kurzen, wie jetzt, während der Waller Gleisbauarbeiten. Normalerweise steigen an der Haltestelle Doventor von Montag bis Freitag täglich durchschnittlich 460 Fahrgäste ein und aus, weiß die BSAG. „Meine Kollegen kommen alle mit dem Rad“, sagt ein Mitarbeiter des Amtes für Versorgung und Integration. Er steht an einer der verglasten Treppenhausrotunden des denkmalgeschützten Gebäudeensembles und raucht. Seinen Namen möchte er nicht nennen.

Heiner Brünjes weiß als einer der Freunde der Bremer Straßenbahn und ehemaliger BSAG-Mitarbeiter, dass die Strecke der Linie 2 bis zum Jahr 1962 nicht in Betrieb gewesen ist. „Beim Ende des Zweiten Weltkrieges war der Westen weitgehend zerstört. Die Strecke über Doventorscontrescarpe und Doventorstraße lag fortan still.“ Seit dem Jahr 1879, als die Große Bremer Pferdebahn ihren Betrieb aufnahm, hatte dort stets Bahnverkehr geherrscht. Nun wurden die Linien 2 und 3 über die alte Hafenrandstraße, Faulenstraße und Korffsdeich geführt. Bis Weihnachten 1962 die neue, heutige Strecke mit der Haltestelle Doventor in Betrieb ging, „auf besonderem Bahnkörper,“, wie Heiner Brünjes sagt: Die Straßenbahn hat eine eigene Spur, die von Autos nicht mitbefahren wird.“ Später, im Jahr 2006, trennten sich dann die Wege der Linien 2 und 3, als die neue Hafenstraßenbahn Linie 3 eingeweiht wurde.

Wenige Jahre zuvor hatte es noch ganz andere Pläne gegeben: In der 50ern fantasierte man in Bremen von einer „Unterpflasterbahn“, die auf unterirdischen Trassen fahren sollte. Und von der Alweg-Bahn, die, ähnlich der Magnetschwebebahn Transrapid, auf einer über Stelzen geführten Hochbahntrasse fahren und auch am gerade erst erbauten Berufsschulzentrum vorbeirauschen sollte. Benannt war das Alweg-Projekt nach dem Schweden Axel Lennart Wenner-Gren. Der Gründer eines Unternehmens für elektrische Haushaltsgeräte hatte die Entwicklung der Einschienenbahn unterstützt – die ursprünglich konzipiert worden war, um der Straßenverkehrsprobleme in Los Angeles Herr zu werden. In Köln wurde eine Teststrecke errichtet, gebaut wurde die Bahn jedoch nur im Disneyland in Florida und in Tokio.

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