Bürgerinitiative Waller Mitte

Aufbruch in ein solidarisches Wohnen

Ein Teil des Dedesdorfer Platzes soll in Baugrundstücke umgewandelt werden: Fünf Baugruppen stellten beim Freiluftfrühstück Bürgerinitiative Waller Mitte ihr Konzept vor.
29.09.2018, 05:59
Lesedauer: 4 Min
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Von Jörn Hildebrandt
Aufbruch in ein solidarisches Wohnen

Die Bürgerinitiative Waller Mitte hat sich dafür eingesetzt, dass die verfügbaren Grundstücke an gemeinschaftliche Wohnprojekte vergeben werden.

Roland Scheitz

Walle. „Der Himmel weint, ein Signal für den Abschied“, sagt Christoph Schwarzer von der Bürgerinitiative Waller Mitte. Denn es regnet plötzlich in Strömen, als sich auf dem Dedesdorfer Platz, auch Waller Mitte genannt, beim letzten Freiluftfrühstück fünf Baugruppen vorstellen, die auf dem Platz Wohnprojekte realisieren wollen.

Der ehemalige Sportplatz in Walle wurde in den letzten Jahren von der Bürgerinitiative zwischengenutzt, indem die Initiative zahlreiche Angebote für den Stadtteil schuf, von Sport über Kultur bis zum nachbarschaftlichen Zusammenleben. Die Bürgerinitiative Waller Mitte setzt auf Kooperation im Stadtteil und hat zum Beispiel auch eine Fußballschule, die Leselust, Boule- und Volleyballgruppen und nicht zuletzt die Freiluftfrühstücke umgesetzt.

Ein Teil des Dedesdorfer Platzes soll in Baugrundstücke umgewandelt werden (wir berichteten), doch die Bürgerinitiative Waller Mitte setzte sich gemeinsam mit anderen Gruppierungen dafür ein, dass die Grundstücke an gemeinschaftliche Wohnprojekte vergeben werden.

Während des Frühstücks wird auf einer mit Sand bedeckten Fläche Beachvolleyball gespielt, dahinter spielen Kinder Fußball und toben in einer Hüpfburg. An einer Wand hängt der Plan, der zeigt, wie es einmal auf dem Dedesdorfer Platz an der Vegesacker Straße aussehen soll. Und auf einem Tisch sind schon kleine Modellhäuschen platziert. Vier Häuser für etwa 100 Menschen sollen neu gebaut werden, in denen solidarisches Zusammenleben zum Beispiel mit Fahrrad-Werkstatt und Kulturveranstaltungen stattfindet. Die Freifläche bleibt größtenteils erhalten, und rings um sie werden neue Bäume gepflanzt.

Fünf Baugruppen stellten bei dem Freiluftfrühstück ihr Dachkonzept vor, mit dem sie sich im Herbst gemeinsam auf Grundstücke am Rande des Platzes bewerben werden. Eine der Gruppen ist das Mietshäusersyndikat „solidarisch_wohnen“, ein Zusammenschluss von Haus- und Wohnprojekten, bei denen der Mietpreis auf unbegrenzte Zeit fixiert ist. Ihr Haus soll gemeinsam mit dem Frauen-Lesben-Wohnprojekt „Hafenhaus“ geplant, gebaut und bezogen werden. In den anderen Baugemeinschaften „Lanke“, „wallerleben“ und „waller wohnen“ kommen gleichfalls Menschen zusammen, die unter ökologischen Gesichtspunkten moderne, flexible und altersgerechte Wohnformen verwirklichen wollen – alle fünf Baugemeinschaften setzen sich für selbstverwalteten und bezahlbaren Wohnraum ein.

Die Bürgerinitiative Waller Mitte und der Verein Waller Mitte mit mehr als 120 Mitgliedern werden einen neuen Nutzungsvertrag mit der Stadt aushandeln. Der Martinsclub als zukünftiger Betreiber des Torhaus 1 hat den Zuschlag bereits erhalten und will einen Stadtteilraum und eine Kneipe im Erdgeschoss einrichten.

„Das Konzept der Baugruppen ist vor allem deshalb überzeugend, weil sie Wohnraum für Menschen ohne Eigenkapital bei dauerhaft stabilen Mieten schaffen wollen“, sagt Christoph Schwarzer von der Bürgerinitiative Waller Mitte, „und die Baugruppen wollen Projekte verwirklichen, die für den Stadtteil Gutes bringen.“ Dazu gehören zum Beispiel eine Selbsthilfewerkstatt für Fahrräder, aber auch für Holz und kaputte Haushaltsgeräte, eine Lebensmittel-Kooperative oder ein Lastenradverleih, und auch eine Kindertagesstätte ist vorgesehen. „Wir finden, dass wir eine gute Lösung gefunden haben und verhindern konnten, dass auf der Fläche Spekulationsobjekte entstehen“, sagt Christoph Schwarzer.

„Die fünf Baugruppen haben sich mit uns gut vernetzt“, erklärt Anne Schweisfurth von der Bürgerinitiative Waller Mitte, „doch es hat eine Weile gedauert, bis das Konzept aufging. Nun sind wir froh, dass wir eine gemeinsame Lösung gefunden haben.“ Vor allem konnte eine Firma, die auf Wohnungen mit hohen Mietpreisen spekulierte, aus dem Konzept herausgehalten werden.

Die Baugruppen, die nun auch auf den Zuschlag hoffen, setzen auf eine Vernetzung mit dem Stadtteil: „Viele der etwa 80 Leute, die in den fünf Baugruppen engagiert sind, sind auch in Walle tätig“, sagt Tobias Rump, der in der Baugruppe „Lanke“ in der Finanz AG arbeitet.

Im Frühjahr 2019 steht ein nachbarschaftliches Eröffnungsfest auf der neuen Waller Mitte auf dem Programm. „Wir hoffen auf den Baubeginn in 2019, und dass wir dann im Jahre 2021 einziehen können“, sagt Clara Müllermeister von der Gruppe „solidarisch-wohnen“.

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Zur Sache

Der lange Weg zum Quartiersplatz

Nachdem der Bremer Sportverein von 1906 (BSV) an den Hohweg umgezogen war und seinen angestammten Fußballplatz im Herzen von Walle somit nicht mehr benötigte, gründete sich Mitte 2010 die Bürgerinitiative „Waller Mitte“. Sie lud zu gemeinsamen Aktivitäten auf der schon seit 2005 von Anwohnern „wild“ genutzten Fläche ein und positionierte sich gegen eine Bebauung des Platzes und für den Erhalt als Spiel- und Sportfläche für alle.

An einem daraufhin von Bremens damaligem Senatsbaudirektor Franz-Josef Höing initiierten Runden Tisch konnte nach intensiven Gesprächen und mehreren Beteiligungsworkshops im November 2012 schließlich eine Teilbebauung als Kompromiss ausgehandelt werden.

2011 hatte sich der Verein Waller Mitte gegründet, der seitdem ehrenamtlich die Zwischennutzung der Fläche organisiert. Ein großer Schritt nach vorne wurde im Sommer 2013 gemacht: Stadtplaner Rainer Imholze stieg in das Projekt ein. Er verantwortet im Bauressort den Bereich Zentren- und Innenstadtentwicklung und konnte Mittel für die Gestaltung der Freifläche akquirieren.

Vier Grundstücke am Rand des Platzes werden bebaut, eines davon vom Martinshof. Die Bürgerinitiative Waller Mitte hatte sich frühzeitig dafür stark gemacht, bevorzugt Flächen an Baugemeinschaften zu vergeben. Seitdem ist sie mit verschiedenen Gruppen in engem Kontakt, die sich noch bis 16. Oktober auf die restlichen drei Ausschreibungen bewerben können. Diese Woche starten die Bauarbeiten auf dem Platz: Der Erdbunker, eine alte Umkleide und das ehemalige BSV-Vereinsheim „Sportklause“ werden abgerissen; ab November wird die Freifläche hergerichtet und aus dem jahrelangen Provisorium endlich ein richtiger Quartiersplatz.

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