Bremer Firma baut Galileo-Satelliten

Aufbruch in unbekannte Sphären

Bremen. Bremen ist die Hochburg für Luft- und Raumfahrttechnik in Deutschland und gehört zu den wichtigsten Standorten in Europa.
08.01.2010, 20:00
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Von Malte Bürger, Daniel Goerke und Anne-Christin Klare

Bremen. Wenn die internationale Raumstation ISS die Erde umrundet, Roboter Satelliten im Orbit aussetzen und vielleicht in einigen Jahrzehnten der erste Mensch den Mars betritt, spielt hanseatische Ingenieurskunst eine entscheidende Rolle. Denn Bremen ist die Hochburg für Luft- und Raumfahrttechnik in Deutschland und gehört zu den wichtigsten Standorten in Europa. Das beweist auch der Zuschlag für das europäische Navigationssystem Galileo an den Technologiekonzern OHB-Systems.

"Bremen hat alles, was ein erfolgreicher Luft- und Raumfahrtstandort braucht", erklärt OHB-Pressesprecher Steffen Leuthold das Erfolgsgeheimnis. "Große, erfolgreiche Unternehmen, gute wissenschaftliche Einrichtungen und eine enge Kooperation von Universitäten und Industrie' machen Bremen einzigartig. Insgesamt arbeiten in der Hansestadt 12.000 Beschäftigte in der Luft- und Raumfahrtsparte und erwirtschaften einen Jahresumsatz von 1,2 Milliarden Euro. "Jeder dritte Deutsche, der in der Luft- und Raumfahrtbranche arbeitet, hat seinen Arbeitsplatz in Bremen", weiß Martha Pohl von der Handelskammer Bremen. "Die Raumfahrt ist die Spitzentechnologiebranche in der Region."

Die Basis dieser Erfolgsgeschichte liegt bereits in den Anfängen des 20. Jahrhunderts. Seit den 1920er Jahren wurden in Bremen Flugzeuge sowie zugehörige Einzelteile gebaut. Im Zuge des Wettlaufs im All zwischen den USA und der Sowjetunion gründeten die norddeutschen Flugzeughersteller Focke-Wulf, Weserflug und Hamburger Flugzeugbau den Entwicklungsring Nord (Erno). Die dort geplante Entwicklung einer eigenen Europa-Rakete scheiterte allerdings. Erst als die US-amerikanische Raumfahrtbehörde Nasa 1973 den Auftrag nach Europa vergab, ein Forschungslabor für Experimente in der Schwerelosigkeit zu entwickeln, kehrte Bremen entscheidend auf die Weltraum-Landkarte zurück. Die heutige EADS Astrium holte den Auftrag in die Hansestadt, das spätere Spacelab entstand. Der erste Einsatz erfolgte 1983.

In der Zwischenzeit hatten die Bremer jedoch bereits ein weiteres Mal auf sich aufmerksam gemacht. Aus dem gescheiterten Europa-Raketen-Projekt gingen die späteren Ariane-Modelle hervor. Als am 24. Dezember 1979 die dreistufige Ariane 1 den europäischen Weltraumbahnhof in Kourou (Französisch-Guyana) verließ, flog mit dem einzigen Triebwerk der zweiten Stufe auch ein Stück Bremen in den Weltraum. Seither sind die Begriffe Ariane und Bremen unmittelbar miteinander verbunden. So stammt nicht nur die aktuelle Oberstufe, die für den Transport von Satelliten ins All vorgesehen ist, sondern auch die zentrale Steuerung der Raketen von der Weser.

"Ein weiterer großer Bereich unseres Unternehmens neben dem Bau der Oberstufe der Ariane ist der Bau, der Betrieb und die Wartung des europäischen Teils der internationalen Raumstation ISS", erklärt Mathias Spude, Unternehmenssprecher von Astrium. "Und noch immer übernehmen wir den Hausmeisterjob für das Weltraumlabor Columbus, welches hier in Bremen entstanden und seit zwei Jahren an die Weltraumstation angedockt ist." Zudem ist Astrium Spezialist für unbemannte Raumtransporte. Sogenannte 'automated transfer vehicle' (ATV) werden in Bremen gebaut und können bis zu acht Tonnen Fracht - Kleidung, Nahrung, Wasser, Sauerstoff oder Experimente - zur ISS bringen. Für Dezember ist der Start des zweiten Versorgungstransporters geplant. Drei weitere ATVs befinden sich derzeit im Bau.

Und auch für die Oberstufe der Ariane gibt es eine Zukunft: Astrium hat bereits den Auftrag erhalten, weitere, neuere Versionen zu bauen. Diese sollen nicht nur wie bisher zehn, sondern bis zu zwölf Tonnen Fracht ins All transportieren und diese durch Wiederzündbarkeit des Triebwerks an mehreren Orten aussetzen können.

"Wir blicken positiv in die Zukunft", sagt Spude. Bereits in den vergangenen zwei Jahren hat das Unternehmen Arbeitsplätze geschaffen, und auch in diesem Jahr sollen neue Mitarbeiter eingestellt werden. Insgesamt hat die Bremer Niederlassung rund 1000 Mitarbeiter. Weitere Standorte des Unternehmens sind Ottobrunn und Friedrichshafen. Die Niederlassung in Ottobrunn hatte zuletzt die Ausschreibung für den Bau von Satelliten für ein europäisches Navigationssystem gegen das Bremer Unternehmen OHB-Systems verloren.

Bei OHB blickt man nun positiv in die Zukunft. "Wir sind durch den Galileo-Auftrag sehr, sehr gut ausgelastet", versichert Unternehmenssprecher Steffen Leuthold. Zu den 1600 Mitarbeitern sollen in diesem Jahr noch einige hinzukommen. "Wir sind auf der Suche nach hochqualifizierten Ingenieuren", sagt Leuthold. Die OHB-System AG hat sich durch den Bau von Kleinsatelliten für Wissenschaft, Kommunikation und Erdbeobachtung europaweit einen Namen gemacht. Auch beim Aufbau der internationalen Raumstation ISS und dem Forschungslabor Columbus hat das Unternehmen mitgewirkt.

Neben Institutionen wie dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR), der Universität Bremen, dem Zentrum für Angewandte Raumfahrttechnologie und Mikrogravitation (ZARM) ist auch das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) in der Luft- und Raumfahrtbranche aktiv. Ein Forschungsschwerpunkt des DFKI ist dabei die Robotik. "Wir forschen im Bereich der Weltraumfahrzeuge", erklärt der Direktor, Professor Frank Kirchner. Es geht um schnelle und effiziente Fortbewegungsmöglichkeiten und selbstständige Navigation auf anderen Planeten. Kirchner ist davon überzeugt, dass auch in Zukunft die Luft- und Raumfahrt eine wichtige Rolle in Bremen spielen wird: "Bremen hat den Vorteil, das es ein kleines Bundesland ist. Die Entscheidungswege sind kurz. Die Zahl der Hochschulen ist überschaubar. Sie suchen die Nähe zur Industrie und umgekehrt."

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+