Die Werft von Bremen Auferstanden aus dem Schlick

Als die Arbeiter an diesem Bremer Herbstmorgen in ihre Bagger steigen, deutet nichts daraufhin, dass eine Sensation ihren Arbeitstag vorzeitig beenden wird. Doch dann stößt einer auf ein Hindernis.
04.02.2017, 16:05
Lesedauer: 4 Min
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Von Leonie Ratje

Als die Arbeiter an diesem Bremer Herbstmorgen in ihre Bagger steigen, deutet nichts daraufhin, dass eine Sensation ihren Arbeitstag vorzeitig beenden wird. Doch dann stößt einer auf ein Hindernis.

Als die Arbeiter an diesem Bremer Herbstmorgen wie an so vielen zuvor in ihre Bagger steigen, deutet nichts daraufhin, dass eine Sensation ihren Arbeitstag vorzeitig beenden wird. Doch dann stößt eine der großen Schaufeln auf ein Hindernis. Bauleiter Hans-Werner Jürgensen stoppt den Ausbau am Bremer Europa-Hafen und ruft einen Wissenschaftler hinzu. Der verkündet kurz darauf, dass am Grund der Weser eine mittelalterliche Kogge liegt. Ein bauchiges Boot, das den Kaufleuten der Hanse den Handel mit ganz Europa erlaubt, das sinnbildlich für die Macht der Hanse stand und bis heute steht. Ein Boot, das niemals zuvor ein Mensch der Neuzeit gesehen hatte. Bis zu diesem 8. Oktober 1962 kannte man die Kogge als Symbol der Hanse nur von Illustrationen und mittelalterlichen Münzsiegeln.

Obwohl es sich um ein 500 bis 600 Jahre altes Schiff handeln muss, ist die Bremer Kogge in einem erstaunlich guten Zustand. Der Wettlauf mit der Zeit beginnt. Die Baggerarbeiten für den Hafenausbau und das drohende Eis des Winters auf der Weser gefährden den Fundort. Auch illegale Versuche, Teile des Wracks zu bergen, erhöhen den Druck.

Drei Jahre dauert es, die Kogge zu bergen. Planke für Planke, Nagel für Nagel heben Taucher sie aus Wasser und Schlick. Sie lagern die Teile in großen Wassertanks in einem Hafenschuppen ein, um zu verhindern, dass das Holz trocknet und schrumpft. Auch ein Taucherglockenschiff kommt zum Einsatz und hebt weit um die Fundstelle herum verteilte Schiffsteile.

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Historiker stellen Fragen nach der Vergangenheit und wollen Antwort geben. Doch Vergangenes lässt sich nicht so einfach festschreiben. Neue Quellen, Sichtweisen und Methoden verändern den Blick auf die Geschichte, lassen sicher Geglaubtes in einem anderen Licht erscheinen, verlangen neue Interpretation.

Geschichtsschreibung ist in diesem Sinne nicht die Dokumentation unumstößlicher Fakten, sondern ein Prozess der beständigen Auseinandersetzung mit den Quellen. Auf diese Weise entsteht neues Wissen über die Vergangenheit.

Ein Beispiel? Rund um das Wrack der Kogge sind viele Werkzeuge aus dem klassischen Bootsbau gefunden worden. Das ließ die Vermutung zu, dass das Schiff bereits vor oder während des Stapellaufs gesunken ist und nie das Meer befahren hat. „Inzwischen wissen wir aber, dass es durchaus üblich war, Werkzeuge dieser Art an Bord zu haben“, sagt Ruth Schilling, Juniorprofessorin für Kommunikation museumsbezogener Wissenschaftsgeschichte an der Universität Bremen und verantwortlich für die wissenschaftliche Projektleitung im Deutschen Schifffahrtsmuseum in Bremerhaven, wo die Kogge ausgestellt ist.

Im Zentrum der Forschung steht die korrekte Interpretation der Quelle. Auch der Versuch, frühere Irrtümer aufzudecken und zu korrigieren, bedeutet Erkenntnisgewinn.

Die dendrochronologische Analyse des Eichenholzes der Bremer Kogge nach dem Fund ergab, dass die Bäume 1379 gefällt wurden. Daraus schloss die Forschung, dass das Boot im Frühjahr 1380 gebaut wurde. Heute weiß man nicht nur, dass verschiedene Hölzer beim Bau verwendet wurden, es stehen auch andere, feinere Analyseinstrumente zur Verfügung. Mikroskopisch kleine Proben sind in Labors, in denen Wissenschaftler erneut versuchen, dem Alter der Kogge auf die Spur zu kommen.

Die Behälter mit den Schiffsteilen zogen 1972 nach Bremerhaven, wo die Kogge in einer eigens errichteten Halle wieder aufgebaut werden sollte. Das Deutsche Schifffahrtsmuseum ist ohne die Bremer Kogge nicht denkbar. Sie ist der wissenschaftliche Ausgangspunkt für die Gründung des Museums, das 1975 eröffnet wurde und sich der Aufgabe widmet, die Kogge für die Nachwelt zu erhalten.

Schiffsbauer Werner Lahn und sein Team setzten das 45 Tonnen schwere Holzpuzzle mit mehr als 2000 Teilen in der Koggehalle zusammen. Als Grundlage dienten ihnen die Rekonstruktionszeichnung und Fotoaufnahmen. Der Fund der Bremer Kogge gilt als Geburtsstunde der modernen Unterwasserarchäologie. Die Methoden zur Bergung und Konservierung eines solchen Schiffes mussten erst erfunden werden. Für den millimetergenauen Wiederaufbau war es entscheidend, die ursprüngliche Form der Hölzer zu erhalten. Ein permanenter Sprühregen hielt das Holz nass. Erstmals gelang es, eine mittelalterliche Kogge zu rekonstruieren und exakte Angaben über die Bauweise zu machen. Das Schiff war 23,23 Meter lang, 7,78 Meter breit und 7,04 Meter hoch. Als es nach siebenjähriger Bauzeit in ursprünglicher Form und Größe dastand, standen die Wissenschaftler vor dem nächsten Problem.

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600 Jahre lag die Bremer Kogge in der Weser. Die Jahrhunderte am Grund des Flusses hatten das Holz weich und schwammig werden lassen. Wenn es nun getrocknet wäre, hätte die Kogge angefangen zu schrumpfen. Um das Schiff konservieren und dauerhaft ausstellen zu können, wandten die Forscher des Museums ein eigens entwickeltes Verfahren an. Kunstwachs sollte das im Holz enthaltene Wasser ersetzen und das Zellgerüst stabilisieren. 1981 tauchte die Kogge in ein 800 000 Liter fassendes Aquarium mit einer Polyethylenglykol-Lösung ab. 18 Jahre später wurde sie nach der erfolgreich abgeschlossenen Konservierung sozusagen ein zweites Mal geborgen.

Die Bremer Kogge ist das vollständigste Koggen-Wrack der Welt und die einzige, die in einem Museum besucht werden kann. Aber sie ist nicht einfach ein historisches Relikt, sondern gleichsam eine Herausforderung der Gegenwart. Sie weist zurück in längst vergangene Zeiten, aber fordert die Errungenschaften moderner Forschung. 2003 schlugen die Wissenschaftler in Bremerhaven Alarm: Die Kogge verformte sich, weil der Wasserdruck von außen fehlte.

Heute wird die Bremer Kogge durch Metallstützen in Form gehalten und mit 3D-Vermessungsmethoden permanent beobachtet. Die Ergebnisse der verschiedenen Messungen tragen die Wissenschaftler per Datenfusion zusammen und werten sie aus, um ein langfristiges Konzept für die Präsentation zu entwickeln.

Die Kogge stellt nach wie vor das Herzstück des Deutschen Schifffahrtsmuseums dar. Ihre Bergung und Restaurierung war eine beispiellose Unternehmung, die international Beachtung fand. Noch immer zeigt sie sich in Bremerhaven als ein Objekt, an dem geforscht wird. Das Museum macht kein Geheimnis um die offenen Rätsel, die die Kogge umgeben. Im Gegenteil. Das neue Ausstellungskonzept sieht vor, vergangene und zukünftige Forschung zu vermitteln. Das Ineinanderfließen von Präsentation und Forschung ist etwas, das in Bremerhaven seit dem ersten Handgriff an der Kogge zusammengehört.

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