Zweite Chance nach Unfall in Bremen

Aufgeben nach Fahrradunfall ist keine Option

Stefan Teschke wäre bei einem Fahrradunfall fast gestorben. Der verantwortliche Autofahrer ist geflohen. Dank einer Spendenaktion kann Teschke nun endlich wieder auf dem Sattel sitzen.
01.09.2019, 20:30
Lesedauer: 4 Min
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Aufgeben nach Fahrradunfall ist keine Option
Von Elena Matera
Aufgeben nach Fahrradunfall ist keine Option

Stefan Teschke fährt auf seinem speziellen Liegefahrrad.

Christina Kuhaupt

„Es fällt mir nicht leicht“ – mit diesen Worten beginnt der Text einer Sammelaktion, die Stefan Teschke Ende Juni gestartet hat. Er benötigte Geld für ein spezielles Liegefahrrad. Seit einem schweren Verkehrsunfall im Februar kann Teschke seinen linken Arm weder bewegen noch spüren. „Ich werde wahrscheinlich nie wieder ein normales Fahrrad fahren können“, schreibt er weiter. Die Aktion wurde auf Twitter und Instagram vielfach geteilt. „Es war unglaublich. Am Ende sind mehr als 700 Euro zusammen gekommen“, sagt Teschke. Das Fahrrad koste über 7000 Euro. Einen großen Teil der Kosten übernehme die Berufsgenossenschaft.

Der 35-Jährige sitzt auf einem Stuhl in dem kleinen Hintergarten des Einfamilienhauses in Oslebshausen. Dort lebt er mit seiner Familie: seiner Frau Anja, der drei Jahre alten Tochter Mona und dem einjährigen Sohn Johann. Teschkes linker Arm liegt bewegungslos in einer Halterung – vielleicht für immer. Eine Umstellung für Teschke, denn er ist Linkshänder. Auf seinem Gesicht sind Narben zu erkennen. Drei seiner unteren Vorderzähne fehlen. „Ich bin bei dem Unfall fast gestorben“, sagt Teschke. Der Bauleiter und Projekttechniker wird erst kommendes Jahr wieder arbeiten können

„Die letzte Erinnerung ist vom Tag davor“

Der Unfall war am 7. Februar 2019. Mit Helm und Warnweste fuhr Teschke auf seinem Fahrrad zur Arbeit, so wie jeden Tag. Auf der Kreuzung „Beim Industriehafen/ Anton-Hacker-Straße“ habe es ihn dann erwischt. Es war gegen 6.50 Uhr. Teschke vermutet, dass ihn ein Auto frontal angefahren hat. Der verantwortliche Fahrer sei weggefahren. Was genau geschah, das weiß Teschke nicht mehr. „Die letzte Erinnerung, die ich habe, ist vom Tag davor.“ Er holt sein Smartphone hervor, zeigt ein Foto seines Helms. Links und rechts ist er gebrochen. „Ohne Helm wäre ich tot“, sagt Teschke, „der Helm hat mir Zeit geschenkt.“

Er teilte seine Geschichte auch bei Instagram unter dem Hashtag #helmerettenleben. Die Firma Scholz & Friends sei so auf ihn aufmerksam geworden, habe mit ihm einen Spot gedreht für "Runter vom Gas", einer Kampagne des Verkehrsministeriums. Drehort war der Osterdeich. Seit Donnerstag ist der Werbefilm online zu sehen.

Sechs Tage lag Teschke nach dem Unfall im künstlichen Koma im Klinikum Mitte. „Als ich geweckt wurde, war das Gesicht meiner Frau das Erste, das ich gesehen habe“, sagt er weiter. Teschke muss lächeln. „Der Mensch, der mir so viel bedeutet. Es war gut, dass Anja genau in diesem Moment da war.“ Er sei in Verbänden eingepackt gewesen. Da habe er bereits gemerkt, dass etwas Schlimmes passiert sein musste. Teschke konnte seinen Mund nicht öffnen, eine Metallschiene fixierte seine Zähne. „Ich habe Panik bekommen, wollte mich aufsetzen, aber meine Frau meinte dann: Du musst erst einmal liegen bleiben.“

Schwere körperliche Verletzungen

Acht Stunden lang kämpften die Ärzte um Teschkes Leben, acht weitere Stunden mussten sie ihn wieder zusammenflicken. „Mein Gesicht war zertrümmert und bis zu den Knochen offen, alle meine Zähne waren draußen.“ Teschke zeigt auf sein Gesicht. „Hier sind acht Metallplatten drin.“ Die Zähne konnten mit einer Metallschiene wieder fixiert werden, nur bei den drei unteren Vorderzähnen habe das nicht geklappt. „Da werden noch Implantate eingesetzt.“ Das Schulterblatt und das Schlüsselbein waren zertrümmert, fast alle Rippen, Brustwirbel und zwei Nackenwirbel waren gebrochen, auch der kleine Finger an der rechten Hand. „Im linken Arm fühle ich nichts mehr“, sagt er. Ein Nerv aus seinem Bein wurde bereits in die Schulter operiert. Erst saß Teschke im Rollstuhl, danach hatte er einen Rollator. Fünf Tage die Woche geht er mittlerweile zur Reha. Mit Stromtherapie und Ergogymnastik sollen die Muskeln angeregt werden und sich die Nerven wieder erholen. „Ein Erfolg wäre es, wenn ich meinen Arm wieder selbst heben könnte“, sagt Teschke. Aber das könnte noch Jahre dauern. „Es kann auch gut sein, dass ich den Arm nie wieder bewegen kann.“

Laut des behandelnden Notarztes seien die Verletzungen so schwerwiegend, als wäre Teschke mit 70 Kilometer pro Stunde gegen eine Wand gefahren. Doch an der Kreuzung, an der der Unfall geschah, gebe es keine Wand, lediglich Ampeln und Verkehrsschilder. Die Ärzte seien sich daher sicher, dass Teschke frontal von einem Auto erwischt wurde. Auch die Verletzungen würden das zeigen. Die Polizei vermute hingegen, dass Teschke gestürzt sei. „Ich habe keine Schürfwunden, nur Platzwunden. Ich bin nicht über den Lenker geflogen“, sagt Teschke. Seine Kleidung hätte zudem nach Motoröl gerochen. Hätte ihn nicht ein LKW-Fahrer eine Viertelstunde nach dem Unfall gefunden, wäre Teschke verblutet.

„Ich lebe, das ist die Hauptsache“

„Ich finde es traurig, dass der Verantwortliche nicht geblieben ist.“ Es sei ärgerlich, dass die Polizei nicht weiter ermittelt hat. Teschkes Frau habe sogar einen Brief an den Verkehrssenator geschickt. Dieser habe sie an den Senator für Inneres verwiesen. Sie sollte Teschkes Krankenakte dorthin schicken. Dann kam die Antwort: Es habe keinen Fehler bei der Polizei gegeben. Teschke habe daraufhin noch einmal geantwortet, dass die Ärzte sicher seien, dass es kein Sturz gewesen war, dass die Verletzungen das beweisen würden. „Es war mir wichtig das noch einmal zu sagen“, sagt Teschke. „Ich lebe, das ist die Hauptsache.“

Der gebürtige Bremer blickt auf seine beiden Kinder. Sie spielen im Sandkasten im Hintergarten. Die dreijährige Mona habe die ganze Sache mitgenommen. „Als sie mich das erste Mal mit Halskrause und Verbänden gesehen hat, wollte sie gehen. Sie hatte Angst.“ Neben den Kindern sitzt Teschkes Frau Anja. „Ich möchte nicht in der Haut meiner Frau stecken“, sagt der Familienvater. Sie habe es besonders schwer gehabt. Die Ungewissheit, ob ihr Mann überlebe, alleine die Kinder zu versorgen und zu beruhigen. „Ich habe Riesenrespekt vor ihr. Die vergangenen Monate haben mir gezeigt: Wir gehören zusammen.“ Teschke möchte auch weiter Fahrrad fahren, mit seinem neuen Liegerad. Denn es ist und bleibt seine Leidenschaft. „Ich habe keine Angst“, sagt er, „mein Motto: Aufgeben ist keine Option.“

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