Wartelisten für Pflegeheimplätze

Aufnahmestopp für Bremer Altenheime

Freie Plätze in Bremer Seniorenheimen werden rar. In einigen Häusern gilt eine Belegungssperre, weil die Betreiber die vorgeschriebene Quote an Pflegefachkräften nicht einhalten.
04.09.2017, 21:58
Lesedauer: 3 Min
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Aufnahmestopp für Bremer Altenheime
Von Jürgen Theiner
Aufnahmestopp für Bremer Altenheime

Wenn ein Teil der Plätze einer Einrichtung blockiert ist, verschärfen sich die wirtschaftlichen Probleme.

dpa

Ältere Menschen haben es in Bremen zunehmend schwer, einen Platz in einem Seniorenheim zu erhalten. Bei 14 der insgesamt 101 stationären Pflegeeinrichtungen im Stadtgebiet hat die Sozialbehörde derzeit einen Belegungsstopp für frei gewordene Plätze ausgesprochen.

Die Häuser dürfen keine neuen Bewohner aufnehmen, weil der vorgeschriebene Mindestanteil von Pflegefachkräften an der Belegschaft nicht eingehalten wird. Der Engpass sei „spürbar“, bestätigt Behördensprecher Bernd Schneider entsprechende Informationen des WESER-KURIER.

Das zugrunde liegende Problem ist nicht neu, hat sich in jüngerer Zeit aber weiter verschärft. Die Rede ist vom Mangel an examinierten Pflegekräften. Der Markt für solche Arbeitnehmer ist leer gefegt, und die Nachwuchsgewinnung hält mit dem Bedarf nicht Schritt.

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In dieser Situation versuchen die Träger vieler Einrichtungen, den Betrieb mit minderqualifizierten Hilfskräften aufrechtzuerhalten. Das bleibt aber nicht unentdeckt. Die Heimaufsicht der Sozialbehörde kontrolliert in den Häusern, ob die Mindestmarke von 50 Prozent Fachpersonal eingehalten wird.

„Wir lassen uns die Dienstpläne erläutern und prüfen ihre Plausibilität“, sagt Bernd Schneider. Werden gravierende Verstöße aufgedeckt, reagiert die Heimaufsicht. Sie verfügt, dass vakante Unterbringungskapazitäten so lange nicht belegt werden dürfen, bis der Fachkräfteschlüssel wieder im Lot ist. „Das führt natürlich zu Wartezeiten“, so Schneider.

Seit Längerem mit Fachkräftemangel konfrontiert

Von Trägern, die aktuell von Belegungssperren betroffen sind, war am Montag keine Stellungnahme zu erhalten. Marktführer in der Hansestadt ist die Bremer Heimstiftung mit 16 stationären Einrichtungen. Dort sind zwar keine Plätze zwangsstillgelegt. Mit dem Fachkräftemangel ist man aber auch bei der Heimstiftung seit Längerem konfrontiert.

„Wir versuchen, qualifiziertes Personal durch ein ganzes Bündel von Angeboten an uns zu binden“, sagt Ursula Okun, die in Schönebeck das Stiftungsdorf Fichtenhof leitet. Dazu zählten beispielsweise Betriebsvereinbarungen zu attraktiven Arbeitszeiten, ein betriebliches Gesundheitsmanagement sowie eine gezielte Personalentwicklung durch Fort- und Weiterbildungsangebote.

„Die Heimstiftung bildet auch an drei Standorten aus. Unser Nachwuchs erhält schon im ersten Ausbildungsjahr eine Vergütung von über 1000 Euro“, hält sich die Leiterin des Stiftungsdorfs zugute. Bei der „Heim-Mitwirkung“, einer unabhängigen Bremer Internet-Plattform für die Interessenvertretung von Seniorenheimbewohnern, weiß man ebenfalls um das Problem des Fachkräftemangels.

Ein Teufelskreis

„Mit Belegungssperren ist es aber nicht zu lösen“, sagt Initiator Reinhard Leopold. Im Gegenteil: Wenn ein Teil der Plätze einer Einrichtung blockiert sei, verschärften sich die wirtschaftlichen Probleme. Es sei dann noch schwerer, die Finanzierung der Immobilie und andere fixe Kosten zu bedienen, was einen weiteren Abbau von Fachkräften nach sich ziehe – ein Teufelskreis.

„Es gibt allerdings auch einige private Anbieter in der stationären Pflege, die das Fachkräfteproblem nur vorschieben. Die stellen aus Profitgründen ungelernte Kräfte statt qualifizierter Pfleger ein. Da geht es um handfesten Betrug“, sagt Leopold. Aus seiner Sicht führt in der Altenpflege kein Weg daran vorbei, den Beruf attraktiver zu machen.

Da sei die Politik in der Pflicht. Ein großes Reservoir an Arbeitskräften sieht Leopold in den vielen ehemaligen Pflegekräften, „die ausgebeutet und ausgebrannt sind und deshalb dem Beruf den Rücken gekehrt haben“. Wenn es gelinge, sie zu verbesserten Konditionen zurückzugewinnen, wäre das aus Sicht des Lobbyisten ein großer Teilerfolg.

Nicht mehr zeitgemäß

Erst vor wenigen Wochen hatte ein Vorstoß aus dem privaten Heimbetreibergewerbe für Wirbel gesorgt. Der Bremer Landesvorsitzende des Bundesverbandes privater Anbieter sozialer Dienste (BPA), Sven Beyer, forderte, die gesetzliche Mindestquote für Fachpersonal abzuschaffen. Sie sei nicht mehr zeitgemäß, so Beyer, der damit aber unter anderem beim Bremer Pflegerat und den Gewerkschaften auf scharfen Widerspruch stieß.

In Niedersachsen sind Belegungssperren wegen Verstößen gegen vorgeschriebene Fachkräftequoten derzeit offenbar noch kein größeres Problem. So sieht man es jedenfalls im Sozialministerium in Hannover. Sprecherin Naila Eid sagte auf Anfrage: „Die örtlichen Heimaufsichtsbehörden entscheiden das eigenständig. Aber wenn es da eine Häufung von Fällen gäbe, hätten wir das schon gehört.“

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