Maria S. Ueltzen stellt in der Galerie im Medienhaven gestickte Kunstwerke aus Auge in Auge mit der Medusa

Östliche Vorstadt. Die Ausstellung von Maria S. Ueltzen in der Galerie im Medienhaven steht unter dem Motto 'Eins - Erstickungen 2004-2010'. Was von weitem wie ein Gemälde anmutet, entpuppt sich aus der Nähe als aufwendig bestickter Wandteppich.
01.07.2010, 13:20
Lesedauer: 3 Min
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Von Kerstin ThomPson

Östliche Vorstadt. Die Ausstellung von Maria S. Ueltzen in der Galerie im Medienhaven steht unter dem Motto 'Eins - Erstickungen 2004-2010'. Was von weitem wie ein Gemälde anmutet, entpuppt sich aus der Nähe als aufwendig bestickter Wandteppich. Die textilen Kunstwerke, meist im Format 80 Zentimeter mal ein Meter, sprechen eine eigenwillige Sprache, einige von ihnen erzählen hintergründige Bildgeschichten. Naiv wirkende Motive bergen Abgründe menschlichen Daseins.

Die Künstlerin beschäftigt sich gegenwärtig in erster Linie mit gestickten Motiven, von denen einige ihrer Einschätzung nach 'die Wirkung der früheren gemalten Bilder um ein Vielfaches verstärken'. Auch auf den Gemälden, die in der Ausstellung zu finden sind, lassen sich Abgründe erahnen oder werden plakativ zur Sprache gebracht. Die Stickkunstwerke verschärfen diesen Eindruck und eröffnen andere Dimensionen.

Gleich im Eingangsbereich der 'Pixelfabrik' an der Humboldstraße 6 hängt ein Wandteppich, der für Gänsehaut sorgt: ein Frauenbildnis mit dem Titel: 'Santa Medusa - Schutzheilige der dauernd getrennt Lebenden'. Zu sehen ist eine schöne Nackte in wehendem offenen Mantel. Ihre roten Lippen halten sich an einer Zigarette fest, ihre Augen sind voller Trauer. Ihre Verletzlichkeit zeigt sie in Form einer bandagierten Hand. Aus ihrem Kopf ragen Schlangen heraus, wie bei Medusa, der griechischen Sagengestalt, deren Anblick jeden zu Stein erstarren ließ. Das war ihr einziger Schutz gegen Feinde.

Volker Schwennen drückt es in dem limitierten Ausstellungskatalog über die Künstlerin so aus: 'Wer Medusa begehrt, wer ihr zu nahe kommt, wird zurückschrecken vor ihrem tiefen Leid.' Es sei ihr Lieblingsbild, sagt Maria S. Uelzen. 'Es gibt soviel Leid im Leben, das einen umbringen kann, an dem man ersticken kann. Deshalb der Ausstellungstitel ,Erstickungen?. Ich will auf meinen Teppichen nichts unter den Teppich kehren.'

Und darum zeigt die Künstlerin alles, was sie bewegt, und das sind auch Frauen in verzweifelten Situationen. Der Einsamkeit überlassen wie Medusa auf dem Wandteppich, die in ihrem Liebeskummer keinen an sich heranlässt. Umgeben von Hochhäusern, als Ausdruck ihrer Anonymität und Isolation.Gleichzeitig drückt das Bild anhand anderer Details - wie einer Tasche mit Baguette und Obst - eine Sehnsucht nach Neuorientierung aus, den Wunsch, Altes loszulassen, Neuem Raum zu geben.

Marie von Uelzen beschäftigt sich auf ihre eigene Weise mit dem Thema Trennung. Manchmal bekommt man das Gefühl, sie spreche vielleicht von sich selbst. Auf einem anderen Wandteppich ist eine Ehe endgültig gescheitert. Der glitzernde Goldring ist ab und liegt verloren zwischen den Füßen einer Frau, die in Trauer versinkt. Sogar die geschwollenen Augen sind auf dem Teppich im Klosterstich für die Ewigkeit konserviert. Nur der Hund, der immer wieder als Motiv vorkommt, spendet Trost. Dieser Teppich erzählt eine von vielen Geschichten, die, 'mit der Nadel gemalt', wie ein Amors Pfeil oder Nadelstich ins Herz treffen.

Marie von Uelzens Stickkunst strotzt vor Sinnlichkeit und bildet auch die Angst vor dem Tod ab, die sie in verschiedenen Darstellungsformen verarbeitet. Tod, womit bei ihr auch der Tod einer Liebe gemeint sein kann,Trauer, Lebensfreude und Lust - aber auch Wiederauferstehung in dem aus Altem Neues wächst, sind ihre immer wiederkehrenden Themen.

An einem Stickbild sitzt sie über 140 Stunden. 'Da ist meine Seele drin', sagt sie. Und genau das ist spürbar, sogar wenn jemand nur über den Teppich streicht, um den Klosterstich nur zu erfühlen. Dann ist mehr zu erfassen als bloße Wollfäden. 'Mit dieser Technik kann ich meine Kunst verweben', sagt Maire von Ueltzen. Einen Namen machte sie sich unter anderem mit dem Auftrag, vier Altar-Paramente des St.- Petri-Doms im Wienhäuser Klosterstich (Wolle auf Leinen) anzufertigen. Das Altar- Parament 'Drei Fische' ist bis zum Erntedank an den Sonntagen im Dom sehen. Es besticht in seiner Gesamtkomposition aus den fließenden Bewegungen der Tiere auf monochromen Grund in Türkisblau. Hier hat die Künstlerin 'Symbolik, Ornamentik, Farbwahl und die Architektur des Raumes' zu einem spirituellen Ganzen verwebt. Und das mit Leidenschaft. Denn die sei bei ihrer Stickkunst das A und O.

Die Ausstellung 'Eins - Erstickungen 2004-2010' von Marie von Ueltzen ist bis 13. August montags bis freitags von 10 bis 17 Uhr in der Galerie im Medienhaven, Humboldtstraße 6, zu sehen.

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