Steuerung des Marum-Tauchroboters "Quest" Augen für die Tiefsee

Volker Ratmeyer ist Projektleiter im Bereich Tauchroboter am Marum. Er und seine Kollegen seien sozusagen ein Fernsehteam – „diejenigen, die technisch und methodisch umsetzen müssen, was die Wissenschaftler anfragen“.
19.01.2016, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von KRISTINA BELLACH

Volker Ratmeyer ist Projektleiter im Bereich Tauchroboter am Marum. Er und seine Kollegen seien sozusagen ein Fernsehteam – „diejenigen, die technisch und methodisch umsetzen müssen, was die Wissenschaftler anfragen“.

Rot-weiß ist er von außen und nur zehn Quadratmeter groß – der Ü-Wagen für Live-Berichte aus der Tiefsee. Korrekt bezeichnet man den Container als Kontrollstand des Tauchroboters. Der Roboter hat den Namen „Quest“ und gehört dem Marum, dem Zentrum für Marine Umweltwissenschaften der Universität Bremen. Mit „Quest“ können Forscher den Meeresboden in bis zu 4000 Metern Tiefe erkunden, Messungen vornehmen, Proben einsammeln oder Videos aufnehmen. Sie steuern das Gerät über Kabel vom Kontrollstand am Deck eines Forschungsschiffes aus.

Volker Ratmeyer ist Projektleiter im Bereich Tauchroboter am Marum. Um zu erklären, was er und seine Kollegen machen, zieht er einen Vergleich. Sie seien sozusagen das Fernsehteam – „diejenigen, die technisch und methodisch umsetzen müssen, was die Wissenschaftler anfragen“. Dabei geht es um aktuelle Forschung, zum Beispiel um den Austritt von Methanblasen aus dem Meer.

Ratmeyer, ein promovierter Geologe, gehört zu den Pionieren der Tiefsee, ist immer in vorderster Reihe dabei. Als das Marum vor 15 Jahren das erste Gerät anschaffte, leistete er seinen Beitrag ebenso wie 2003, als es um den größeren Nachfolger „Quest“ ging. „Das gab es vorher in Deutschland nicht, Bremen war hier Vorreiter“, sagt er. Der Tauchroboter wurde eigentlich für industrielle Konstruktionsaufgaben in der Tiefsee konzipiert. Am Marum hat man „Quest“ aber für ausschließlich wissenschaftliche Aufgaben umgebaut. Ein Tauchgang dauere mal zwölf Stunden, manchmal aber auch zwei Tage, berichtet Ratmeyer. Sie sind dann immer zu zweit, teilen sich die zehn Quadratmeter.

Geht die Tür des Kontrollstandes zu, wird es dunkel. Schwarz-blau ist es hier – von den Drehsitzen am Pilotenpult ganz vorne über den Tisch dahinter, an dem bei den Expeditionen die Wissenschaftler sitzen, bis hin zur Wandpolsterung. So düster stellt sich mancher wohl auch die Tiefsee vor. Auch die Bildschirme zeigen trübes, von Sedimenten durchflutetes Wasser und Gestein. „Das sind verschiedene Perspektiven ein und derselben Szene, die vom Roboter aus gefilmt wurden“, erläutert Ratmeyer. Geduldig im Kontrollstand zu sitzen und den größten Teil einer vierstündigen Schicht damit zu verbringen, ins Trübe zu starren, sei durchaus Realität.

Anderswo ist die Tiefsee jedoch herrlich bunt: Ein langbeiniger, rostroter Krebs sitzt vor einem Haufen hellgelber Muscheln – das zeigt eine Aufnahme der HD-Kamera des Tauchroboters am mittelatlantischen Rücken aus zweieinhalbtausend Metern Tiefe. Zuvor hatten Ratmeyer und seine Kollegen den „Quest“ vom Forschungsschiff aus per Kran ins Wasser gesetzt. Der motorische Antrieb lässt ihn herabschwimmen, sich drehen und wenden, bis er sein Ziel erreicht hat. „Das ist wie ein Hubschrauber, der nach unten fliegt. Es ist praktisch ein Flug über den Meeresboden“, erklärt Ratmeyer. Mit dem Unterschied allerdings, dass der Roboter über ein 5000 Meter langes Stahlkabel mit dem Schiffsdeck verbunden ist.

Mithilfe einer kleinen Karte auf einem der vielen Monitore im Kontrollraum navigiert Ratmeyer das Gerät an exakt die Stelle, an der er es haben möchte. Das klingt einfach, ist es aber nicht. „Manchmal müssen wir an kleinen Schloten mit nur einem stecknadelgroßen Austritt eine signifikante Probe nehmen.“

Wie schafft man es, den Roboter, der an mehreren tausend Metern Draht hängt, im Ozean richtig zu positionieren? Von einem Schiff aus, das sich im Seegang bewegt? Ratmeyer: „Das ist so, als ob Sie durch den Wald gehen und Klippen sehen, an denen eine ganz besondere Blume wächst. Wie komme ich daran, wie mache ich ein Foto oder nehme ein Blütenblatt?“ Genau das mache den Wert des Tauchgerätes aus, von dem allein eine Kamera über 100 000 Euro kostet.

Die Greifer des Ungetüms, die aus nächster Nähe wie zwei unhandliche metallische Riesenscheren aussehen, können unter Wasser auf den Punkt genau operieren. Per Maus gesteuert, verhilft eine der Greifzangen dem roten Krebs zu einer unverhofften Mahlzeit: Gezielt setzt sie an einer Muschel an und drückt zu. Der Krebs kommt sofort näher und macht sich über das geknackte Schalentier her.

„So etwas zu dokumentieren, ist faszinierend“, sagt Ratmeyer. „Das kann man zwar auch im Aquarium machen oder mit einem Taucher in 20 bis 30 Metern Tiefe, nicht aber nicht in zweieinhalbtausend Metern.“ Als Entdeckungsreisender in der Tiefsee ist der 50-Jährige häufig neugierig und ehrfürchtig zugleich, erzählt er. „Man ist immer wieder da, wo noch nie ein Mensch gewesen ist, wo noch nicht einmal jemand hingeguckt hat.“

Neue Phänomene, neue Arten

Wo auch immer der „Quest“ unterwegs ist, ob im Mittelmeer, im Schwarzen Meer oder im Nordatlantik – dabei entstehe ein visueller Datenschatz, der seinesgleichen suche, sagt Ratmeyer. „Wir sehen neue Phänomene, neue Arten, die noch nicht beschrieben sind. Wo kann man das heute auf der Welt noch, wenn nicht in der Tiefsee?“ Dort unten existiere eine fast unbekannte Welt: „Nur zwei bis drei Prozent des Meeresbodens sind bisher dokumentiert. In der Tiefsee sind 80 Prozent überhaupt noch nie gesehen worden – allein das ist mehr als die kontinentale Fläche überhaupt.“

Beruflich hat Ratmeyer seine Erfüllung gefunden. Die Klimaanlage rauscht, der Krebs, inzwischen satt, blickt mit seinen orangefarbenen Augen direkt in die Kamera. Was das Private angeht, sei das Fortsein von der Familie – jeweils fünf bis sechs Wochen mehrmals im Jahr – schon hart. Doch die einzigartigen Einblicke in ein Gebiet, das für viele Menschen ferner ist als der Mond, mache das wett.

Besonders angetan haben es ihm die hydrothermalen schwarzen Raucher, das sind Quellen, aus denen schwefelwasserstoffhaltiges Wasser aufsteigt. Sie sehen aus wie Rußwolken, die vom Meeresgrund heraufkommen. „Das ist einfach spektakulär“, sagt Ratmeyer. „Oder wenn vor Japan Kohlenstoffdioxid austritt. Gläserne Strohalme, ganz fragile Gebilde, entstehen da. Dann kommt eine Krabbe, alles geht kaputt und entsteht sofort neu.“ Dieses Phänomen sei zwar bekannt gewesen, „aber noch nie fotografiert worden“.

Einmal hätten er und sein Team ein etwa drei Meter langes wurmartiges Wesen gesehen, berichtetet der Wissenschaftler. „Keiner wusste, was es ist.“ Das Wesen entpuppte sich als neue Unterart eines Tieres. Ein anderes Mal zeigte sich eine Chimäre, ein Urzeitfisch, auf Ratmeyers Monitor. „Wenn sich im Nachgang der Reise bestätigt, dass man eine neue Art entdeckt hat, ist das ein fantastisches Ergebnis. Mehr kann man eigentlich nicht erreichen.“

In unserer Serie „Zehn Quadratmeter Bremen“ besuchen wir Menschen, die auf engem Raum leben oder arbeiten. In der kommenden Woche lesen Sie die nächste Geschichte.

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