Verärgerung bei Eltern

Bremer Kitas schicken Kinder mit Schnupfen nach Hause

Einige Kitas schicken Kinder mit einem Schnupfen aus Angst vor Corona nach Hause. Für eine Rückkehr muss oft ein Attest vorgelegt werden. Das sorgt bei vielen Eltern für Verärgerung und Verzweiflung.
13.07.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Mario Nagel
Bremer Kitas schicken Kinder mit Schnupfen nach Hause

Für die Rückkehr eines Kindes fordern einige Kitas und Schulen ein Attest vom Kinderarzt. Laut Gesundheitsbehörde gibt es allerdings keine Attest-Pflicht.

Monika Skolimowska /dpa

Das Konzept der Senatorin für Kinder und Bildung für Kindertagesstätten und Schulen ist klar: „Alle Mitarbeiter*innen und Kinder sollten bei gesundheitlichen Symptomen wie Husten, Halsschmerzen oder Fieber, die in Zusammenhang mit einer Covid-19-Erkrankung stehen könnten, zu Hause bleiben“, heißt es auf der Corona-Informationsseite des Ressorts. Doch die Handlungsempfehlung wird nicht überall gleich angewendet. Verschnupfte Kinder werden nach Hause geschickt, und einige Kitas und Schulen fordern ein Attest vom Kinderarzt, dass belegt, dass die Kinder wieder gesund sind. Das sorgt bei vielen Eltern für Verärgerung.

Stefan Trapp, Vorsitzender der Bremer Kinder- und Jugendärzte, teilt den ­Unmut der Eltern. „Es werden viele Kinder in die Arztpraxen geschickt, obwohl sie gar nichts haben“, sagt der Mediziner. Seine Vermutung: „Die Entscheidungen der Kitas und Schulen werden nur aus Angst getroffen.“

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Mareile Landt-Hankeln, Mutter eines vier­jährigen Sohnes, hat entsprechende Erfahrungen gemacht. „Mein Kind hatte nur einen leichten Schnupfen, durfte aber nicht mehr in den Kindergarten.“ Erst bei Symptomfreiheit und mit einem Attest könne es zurück, habe man ihr gesagt. „Jedes Mal ein gesundes Kind zum Arzt schleppen, das ist doch nicht zu Ende gedacht“, kritisiert Mareile Landt-Hankeln. Die Politik müsse eindeutige Regelungen schaffen, fordert sie und fügt an: „Oder muss man jetzt ständig Angst haben, wenn dem Kind mal die Nase läuft?“ Vor allem berufstätige Eltern stehen vor Herausforderungen, wenn Mädchen und Jungen mit leichten Erkältungssymptomen nicht betreut werden.

Stefan Trapp sieht weitergehende Probleme. Während die Arztpraxen durch die letztlich gesunden Kinder gefüllt seien, könnten womöglich wirklich erkrankte Kinder nicht angemessen schnell behandelt werden. „Und diese Situation haben wir im Hochsommer. Die Erkältungszeit steht erst noch bevor“, sagt Trapp. Zudem würden gesunde Kinder von der Teilhabe der Betreuung ausgeschlossen, nachdem sie schon wochenlang ihre Kitas und Schulen nicht besuchen konnten. „Es passieren hier Dinge, die auf Sicht nicht gut gehen werden“, kritisiert Trapp. Auch er fordert deshalb eindeutigere Anweisungen aus der Politik.

Aufgabe der Einrichtungen, die Empfehlungen umzusetzen

Für Lukas Fuhrmann, Sprecher der Gesundheitsbehörde, sind die Regelungen dagegen eindeutig: „Ein krankes Kind gehört nicht in die Kita, ein gesundes Kind natürlich schon.“ Es könne seitens der Behörde keine detaillierten Anordnungen für Einzelfallprüfungen oder eine Regelung für die Abläufe in allen Einrichtungen geben, die über die bisherigen Auflagen hinausgehen. „Am Ende ist es Aufgabe der Einrichtungen, den von uns gegebenen Rahmen und die Empfehlungen umzusetzen“, sagt Fuhrmann. Letztlich könne bei Unklarheiten nur ein Arzt für Klarheit sorgen.

So sieht das auch Carsten Schlepper, Leiter des Bremer Landesverbandes Evangelischer Tageseinrichtungen für Kinder: „Unter den Bedingungen der Corona-Pandemie ist es derzeit so, dass die Kitas aller Träger unter behördlichen Infektionsschutzmaßnahmen ar­beiten. Das bedeutet, dass die Kitas – zum Schutz aller Kinder und Mitarbeitenden – bei Symptomen wie Niesen, Husten, Halsschmerzen oder Fieber die Kinder nicht betreuen können und die Eltern bitten, einen Arzt aufzusuchen.“

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Stefan Trapp bestätigt, dass derzeit viele Mütter und Väter in die Arztpraxen kämen und um ein Attest bäten. „Aber die Atteste bringen nichts. Was sollen wir denn auf das Attest schreiben?“, fragt er. Wenn er bei den Kitas oder Schulen anrufe, bekäme er lediglich zur Antwort, dass man nach den Anweisungen der Behörde handle. „Es ist aber gar nicht klar, was überhaupt im Attest stehen soll. Von ,Das Kind war beim Arzt‘ bis hin zu ,Das Kind wurde negativ auf Covid-19 getestet‘ war schon alles an Forderungen dabei“, sagt Trapp.

Keine Attest-Pflicht

Dass für den Nachwuchs ein ärztliches Attest vorgelegt werden müsse, damit er wieder in die Kita oder Schule könnte, sei keine Vorgabe der Kinder- und Bildungsbehörde, sagt Sprecherin Annette Kemp. Auch die Gesundheitsbehörde habe eine derartige Regelung nicht getroffen. „Eine Attest-Pflicht haben wir nicht herausgegeben“, bestätigt Fuhrmann.

Für Petra Katzorke, Vorstandssprecherin der Zentralelternvertretung der Tageseinrichtungen für Kinder in Bremen, ist angesichts der undurchsichtigen Situation klar. „Vor der Erkältungszeit im Herbst muss unbedingt eine Lösung gefunden werden.“ Das sieht ­Mareile Landt-Hankeln genauso: „Mir graut es jetzt schon, wenn ich an die Erkältungszeit denke.“

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