Kunst 2.0

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Von Dürer bis Rembrandt: In der Kunsthalle Bremen werden mehr als 200.000 Radierungen, Zeichnungen oder Kupferstiche digitalisiert. Einen Museumsbesuch ersetzten die digitalen Kopien jedoch nicht.
03.02.2018, 21:29
Lesedauer: 3 Min
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Von Patrick Reichelt
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Moderne und Antike vereint auf einem Tisch: Katja Riemer leitet das Projekt zur Digitalisierung in der Kunsthalle Bremen.

Dustin Weiss

Vollkommene Stille herrscht im rechteckigen Saal. An den hohen Wänden reihen sich Bücherregale aneinander. Sie sind vollgestellt mit antiken, ledergebundenen Folianten. Scheinwerfer hüllen den Raum in ein schummriges Licht. Zahlreiche Kunstwerke zieren die Wände, geschützt hinter großen Glasscheiben. Zwei massive Tische teilen den Raum in zwei Hälften. Auf dem einen Tisch steht ein Aufsteller mit Verhaltensregeln: „Die Originale bitte nicht berühren“ und „Für Notizen bitte ausschließlich Bleistifte verwenden“. Auf dem anderen Tisch: zwei Computer mit großen, hochauflösenden Displays.

Hier, im alten Studiensaal in der Kunsthalle Bremen, trifft das Moderne auf das Alte, das Analoge auf das Digitale. Es ist der Arbeitsplatz von Katja Riemer, Leiterin des Projekts zur Digitalisierung des Kupferstichkabinetts. „Die Digitalisierung gibt uns die Möglichkeit, die Kunstwerke leichter zugänglich zu machen“, sagt sie. In Zukunft könnten so Menschen aus der ganzen Welt die Werke der Bremer Kunsthalle im Internet bewundern.

Auf den ersten Blick ist es ein Kunstwerk von Albrecht Dürer. Tatsächlich stammt dieser Druck allerdings von Hans Sebald Beham.

Auf den ersten Blick ist es ein Kunstwerk von Albrecht Dürer. Tatsächlich stammt dieser Druck allerdings von Hans Sebald Beham.

Foto: Dustin Weiss

Das Dilemma gibt es schon seit jeher: Museen können immer nur einen Bruchteil ihrer umfangreichen Sammlung ausstellen. Sei es der begrenzte Platz in den Ausstellungsräumen oder die hohe Lichtempfindlichkeit – nach kurzer Zeit verschwinden Gemälde, Zeichnungen oder Kupferstiche wieder in den dunklen Katakomben der Museen. Und nur wenige bekommen sie dann noch zu Gesicht. Bis jetzt.

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Mehr und mehr Museen veröffentlichen inzwischen digitale Abbilder ihrer Sammlungen in Onlinedatenbanken. So auch die Kunsthalle Bremen. Von Albrecht Dürer über Rembrandt bis zu Max Beckmann – mehr als 200.000 Handzeichnungen und Druckgrafiken des 15. bis 21. Jahrhunderts sollen hier im Laufe der nächsten Jahre digitalisiert werden.

Gefördert wird das Projekt durch die Waldemar-Koch-Stiftung. Das Herzstück bildet die Sammlung des früheren Bremer Senators und Kunstmäzens Hieronymus Klugkist, der 1823 den Bremer Kunstverein begründete. 15 bis 30 Minuten brauchen die Mitarbeiter zur Erschließung eines Werkes. Dabei werden Angaben über den Künstler, Titel, Maße und Technik in die Datenbank eingepflegt.

"Kulturgutscanner" aus Berlin

„Bei aufwendigen Recherchen kann es aber auch länger dauern“, sagt Riemer. Unterstützung erhält ihr „Digiteam“ dabei von acht Studentinnen. Lis Jessen ist eine von ihnen. Behutsam hebt sie eines der Kunstwerke mit einem kleinen Teflonspatel an, um die Rückseite zu begutachten.

Dort brachten Kunstliebhaber meist ihre eigenen Sammlerstempel an. „Für die Studenten ist es eine gute Möglichkeit, die Arbeit mit echten Kunstwerken kennenzulernen“, sagt Riemer. Während die wissenschaftliche Erschließung der Werke Aufgabe des „Digiteams“ ist, sind für das Abfotografieren die „Kulturgutscanner“ aus Berlin zuständig.

Studentin Lis Jessen hebt die Drucke mit einem Spatel an, um deren Unterseite zu begutachten.

Studentin Lis Jessen hebt die Drucke mit einem Spatel an, um deren Unterseite zu begutachten.

Foto: Dustin Weiss

Um die Originale zu schonen, verwenden die Spezialisten besondere Kameras mit LED-Kaltlicht, die ein hochauflösendes, digitales Abbild des Kunstwerkes erstellen. Am PC können die Nutzer dann weit in das Bild hereinzoomen und jedes Detail genau unter die Lupe nehmen.

Ein wahrer Wissensschatz

„Wir versuchen mit der Digitalisierung der Kunstwerke sowohl das Fachpublikum als auch junge Menschen zu erreichen“, sagt Riemer. Das sei zwar manchmal wie die Quadratur des Kreises, doch durch neue Technologien, wie etwa 360-Grad-Videos oder Virtual-Reality-Brillen, ließen sich insbesondere auch jüngere Menschen wieder für Kunst begeistern.

Für Forscher sind die neuen Datenbanken ohnehin ein wahrer Wissensschatz. Durch Querverweise und Rückkoppelungen der Werke untereinander soll in Zukunft ein dichtes Netz an Informationen entstehen. „Die Erschließung ist erst die Spitze des Eisbergs“, sagt Riemer. Sie erwartet, dass Wissenschaftler durch Datenbanken neue Zusammenhänge und Forschungsansätze herstellen können.

Millimeterarbeit: Die Studentin Kathrin Massarczyk ermittelt die genauen Maße eines Kunstwerkes.

Millimeterarbeit: Die Studentin Kathrin Massarczyk ermittelt die genauen Maße eines Kunstwerkes.

Foto: Dustin Weiss

Die Digitalisierung der Kunst im alten Studiensaal kann also dazu beitragen, mehr Menschen für Kunst zu begeistern. Doch dass eine digitale Kopie kein Original ersetzen kann, ist derzeit ein paar Räume weiter zu sehen: Die Ausstellung „Max Beckmann – Welttheater“ lockt auch diesen Sonntag noch zahlreiche Besucher in die Kunsthalle.

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