Nina hat beinahe ihren Job verloren

Aus dem Leben einer Internetsüchtigen

Bremen. Rund drei Prozent der Bremer Jugendlichen sind onlinesüchtig, deutlich mehr weisen einen kritischen Internetkonsum auf. Drei wurden sogar stationär behandelt. Nina gilt als exzessive Nutzerin, das hätte sie fast ihren Job gekostet.
10.11.2011, 05:00
Lesedauer: 6 Min
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Von Miriam Keilbach
Aus dem Leben einer Internetsüchtigen

Bei internetsüchtigen Frauen spielen vor allem soziale Netzwerke eine Rolle. Sie wollen kommunizieren und immer wissen,

dpa

Bremen. 560.000 Deutsche gelten als internetsüchtig. In Bremen sind laut Experten rund drei Prozent der Jugendlichen online- oder computersüchtig, deutlich mehr weisen einen kritischen Internetkonsum auf. Die Symptome sind heftig: Süchtige schlafen und essen nur noch unregelmäßig, brechen soziale Kontakte ab, verlassen das verwahrloste Haus kaum noch und gehen irgendwann nicht mehr arbeiten oder zur Schule. Auch Nina hätte fast ihren Job verloren.

Es ist 7.28 Uhr. Wenn Nina* sich jetzt aufrafft, ist sie pünktlich bei der Arbeit. Ninas Kopf weiß das, ihr Körper weigert sich. Zwei Runden gehen noch. Sie zieht eine Spielkarte nach der anderen auf die Stapel darunter, deckt neue Karten auf, Herz auf Herz, Kreuz auf Kreuz. 7.31 Uhr. Aus zwei Runden Solitär werden drei, aus drei vier. Das Chatfenster von Facebook blinkt. Nina müsste jetzt rennen, um pünktlich zu sein. Die Maus bewegt sich, Karten auf Karten. 7.35 Uhr. Nina wird zu spät kommen. Sie antwortet ihrer Freundin via Facebook hastig "Ich muss los", bricht das Spiel ab und überlegt sich auf dem Weg zur Arbeit eine Ausrede. Langsam gehen sie ihr aus. Aber glaubwürdig, das weiß sie selbst, ist sie ohnehin schon lange nicht mehr.

Nina, 23, aus Bremen, gehört zu den 2,5 Millionen Deutschen, die einen problematischen Internetkonsum aufweisen, wie kürzlich eine Studie im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums herausfand. 5600000 Deutsche gelten als internetsüchtig. Fast sechs Prozent der Bevölkerung nutzen das Internet exzessiv.

Auf der Arbeit sitzt Nina nahezu ununterbrochen am Computer. Ist sie nicht durchgehend bei Facebook eingeloggt, meldet sie sich alle zehn Minuten neu an. Eigentlich ist immer einer von Ninas Freunden online. Wenn sie Feierabend hat, gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder sie trifft sich direkt mit Freunden oder geht zum Sport, noch ehe sie in die Nähe ihres Laptops kommt, oder sie sitzt den restlichen Abend vor ihrem Computer.

Weil Nina sich noch mit Freunden trifft, gilt sie noch nicht als süchtig. Aber sie ist gefährdet. Wie man diese Art der Sucht aber genau definiert, ist noch unklar. Marc Dupont, Leiter der Abteilung Kinder- und Jugendpsychiatrie am Klinikum-Ost, sagt, dass süchtig sein kann, wer die Kontrolle über den Konsum verliert: "Wenn jemand unzufrieden ist, sich nicht konzentrieren kann und lieber andere Dinge tun würde, als am PC zu sitzen, sind das Anzeichen."

In einem weiteren Schritt verschiebt sich der Tag-Nacht-Rhythmus, Essen, Schlaf und soziale Kontakte werden vernachlässigt, es kann zu Depressionen kommen. "Man kann eine Sucht eher davon ableiten, was nicht mehr passiert", sagt Dupont. Jockel Guba vom Gesundheitsamt Bremen spricht davon, dass 30 oder mehr Stunden Internetzeit pro Woche kritisch sind. "Das muss man aber im Einzelfall und im Bezug auf das sonstige soziale Verhalten betrachten." Er spricht ohnehin lieber von exzessiver Nutzung als von Onlinesucht.

Die Kontrolle verloren

Viele der Suchtindizien kennt Nina. Manchmal schafft sie es, Wasser aufzusetzen. Der Wasserkocher stellt sich automatisch aus, Tee trinkt Nina nicht. Sitzt sie erst einmal auf dem Sofa, den Laptop auf dem Schoß, steht sie nicht mehr wieder auf. Auch wenn sie lieber baden würde. Oder zeichnen. Oder telefonieren. Nicht vor ein oder zwei Uhr morgens bewegt sie sich. Wird ihr kalt, friert sie. Doch sie steht nicht auf, um die Heizung anzustellen. Am nächsten Morgen, wenn sie arbeiten muss, ist sie übermüdet. Nina schläft schlecht.

Aber sie geht noch zur Arbeit. In Bremen gab es im vergangenen Jahr drei Jugendliche, die wegen Internetsucht stationär behandelt wurden, sagt Guba. Er leitet die Beratungsstelle Escape, die seit anderthalb Jahren jungen Menschen mit Suchtproblemen hilft. 20 Kinder und Jugendliche werden dort jährlich behandelt. Alle drei der stationär behandelten Jugendliche schwänzten die Schule.

An den meisten Tagen läuft bei Nina nebenbei der Fernseher, acht, neun, zehn Stunden. Was lief und welchen Sender sie angestellt hatte, das kann Nina nachher nicht beantworten. Aber ohne Fernseher, sagt sie, sei es ihr zu ruhig. Das wiederum mache sie unruhig. Reizüberflutung. Nina hat das Solitär-Spielfeld verkleinert, damit sie sieht, wenn ihre Freunde bei Facebook schreiben. Dann kann sie zwischen den Kartenzügen schnell noch kommentieren.

Schlaf- und Essstörungen

Am Wochenende läuft der Computer 17, 18 Stunden. Wenn sie verabredet ist, überlegt sie oft, kurzfristig abzusagen. Weil ihr Kopf noch öfter über ihren Körper gewinnt, rafft sie sich meist auf. Sie kommt zu spät, weil sie wieder zu lange gespielt hat, aber sie kommt. Nina weiß genau, dass sie sonst nicht nur ihr soziales Leben, sondern irgendwann auch ihren Job verlieren würde.

Dupont sagt - entgegen der weit verbreiteten Annahme -, dass Frauen eher von Internetsucht betroffen seien. Internetsüchtige Männer spielen vor allem, Frauen und Mädchen hingegen halten sich überwiegend in den sozialen Netzwerken auf. Das gilt als sozialverträglicher, "und bei Mädchen schaut man nicht so genau hin. Und man unterstellt ihnen eine höhere Konstruktivität".

Außerdem haben Jugendliche einen anderen Ansatz: Sie sind mit dem gesellschaftlichen Phänomen Internet aufgewachsen, ihre Kommunikation findet dort statt. Sie sind sogenannte Digital Natives. "Die Frage ist, ob Internetbeziehungen soziale Beziehungen sind - oder als Suchtindikator zu werten sind", sagt Dupont. "Der PC hat für Jugendliche eine ganz andere Bedeutung", warnt Guba.

Dupont sieht in seinen onlinesüchtigen Patienten oft sozial unsichere Menschen, die Probleme mit einem realen Gegenüber haben und Beziehungen nur schwer oder gar nicht eingehen können. "Oft hatten sie schulische Probleme, es kam zu einer Art depressivem Rückzug aus dem Alltag." Häufig sind auch die Eltern fragil, was soziale Beziehungen angeht.

Bei Nina war es eigentlich nicht so, sagt sie. Sie hatte immer viele Freunde, nur der Kontakt zu ihrer Mutter war schwierig. Auch sie saß vor dem PC, wenn es Probleme gab. Aber die Treffen mit Freunden nahmen ab, die Zeit, die Nina online war, zu. Es hat sie beruhigt. Wie es dazu kam? Nina hat keine Erklärung. Aber sie hasste sich dafür. Wenn der Laptop aus war, heulte sie sich in den Schlaf. Sie verpasste ihr Leben, war nur noch Statist in einem Leben, das sie gar nicht haben wollte. Bei Nina war der Ausweg einfacher als man annehmen könnte. Vielleicht zählt sie auch deshalb nicht zu den Süchtigen. Ein neuer Arbeitskollege kam ins Büro.

In den ersten Tagen, an denen sie ihn privat traf, dachte sie nicht an den Laptop, nicht an Facebook oder Solitär, weil sie zu verliebt war. Sie war zu neugierig, mehr über Andreas* zu erfahren. Bald wurden sie ein Paar, verbrachten fast jeden Tag miteinander. Seither trifft Nina wieder häufiger ihre Freunde - real, nicht nur bei Facebook. Sie spielt Uno, nicht Solitär. Statt mit Online-Bekannten zu chatten, kuschelt und diskutiert sie mit Andreas.

Eine Therapie ordnet Ninas Leben

Irgendwann, nach vielen Gesprächen mit Andreas, fiel der Entschluss, eine Therapie zu beginnen. Nina zeigte schon vorher depressives Verhalten. Nach 25 Sitzungen - von der Krankenkasse übernommen - hat sie ihre Therapie beendet. Hin und wieder verspürt sie noch den Drang, sofort Karten aufzudecken. Dann will sie nichts anderes, einfach abschalten, loslassen, vergessen. Aber die Momente werden seltener.

Christopher Hirte, der eine Selbsthilfegruppe für die Eltern von Onlinespielsüchtigen gegründet hat (Text unten rechts), erzählt von einem Lehrer, der auf einer Klassenfahrt Handys einsammelte. Nachts brachen die Kinder im Zimmer des Lehrer ein, als sie erwischt wurden, bissen und traten sie um sich. Kriminell durch Entzug.

Für Dupont und Guba ist die Onlinesucht nur ein Symptomträger. Sie sagen, die gefährdeten Menschen würden ohne Internet etwa alkohol- oder drogenabhängig werden. "Das Internet hilft, bestimmte belastende Lebenssituationen auszuhalten", so Guba. Wie stoffgebundene Süchte (Alkohol- oder Drogenabhängigkeit) führt auch Internetsucht zu einer Veränderung der Gedächtnisstrukturen, warnt Dupont.

Nina selbst reflektierte viel, sie kann ihr Verhalten einschätzen. Meist holen sich die Betroffenen nicht freiwillig Hilfe, sagt Guba, oft stehen die Eltern dahinter. Guba lässt die Patienten einen Test machen, 22 Fragen zum Computerverhalten. Anschließend gibt es Gespräche, die Betroffnene führen ein Onlinetagebuch: Wie lange war ich online? Auf welchen Seiten war ich? "Die Realität verschwimmt oft", sagt Guba. Außerdem wird mit den Eltern zusammen die Familiensituation aufgearbeitet. "Wenn Kinder mit Dingen aufhören, die sie gern tun, wird es kritisch. Dann müssen Eltern nachfragen", sagt Dupont. Außerdem sollten Eltern dann auf verändertes Verhalten achten: Gewalt, Lügen, Betrügen.

Anders als bei stoffgebundenen Süchten muss es den Therapeuten gelingen, mit den Patienten einen gesunden Umgang mit dem Internet zu erlernen. "Es ist wichtig, den Konsum zu begrenzen, aber die Jugendlichen dürfen die Neugier nicht verlieren", so Dupont. Guba sagt, Eltern dürfen nicht hysterisch reagieren. "Wir haben eine Idealvorstellung, wie Kinder sich verhalten müssen", sagt er. Dazu gehört es, Kontakte real und nicht nur über das Internet zu pflegen. "Die Frage ist, wie viel man von der Norm abweichen darf."

Wie viel Nina von der Norm abgewichen ist, weiß sie nicht. Es passierte hin und wieder, dass sie sich krank stellte, um daheim bleiben zu können. Aber es uferte noch nicht komplett aus. Heute kann sie kaum fassen, wie viel Zeit sie mit Spielkarten, Bekannten auf Facebook und virtuellen Umarmungen vergeudete. Und sie weiß, wie sehr sie sich nach einer realen Person gesehnt hat, die sie einfach nur in den Arm nimmt. Eine Person, die sie spüren kann.

* Name von der Redaktion geändert

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