Pensionierte Lehrer unterrichten Migranten Aus dem Ruhestand an die Tafel

Angesichts der großen Zahl der Flüchtlingskinder werden viele Deutsch-Lehrerinnen und Lehrer gebraucht. Eine von ihnen ist Monika Radke, die eigentlich schon im Ruhestand ist, nun aber weiter macht.
17.11.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Aus dem Ruhestand an die Tafel
Von Sara Sundermann

Angesichts der großen Zahl der Flüchtlingskinder werden viele Deutsch-Lehrerinnen und Lehrer gebraucht. Eine von ihnen ist Monika Radke, die eigentlich schon im Ruhestand ist, nun aber weiter macht.

Die Kinder kommen aus Syrien und dem Iran, aus Südkorea, Rumänien, Moldawien, Polen und der Türkei. Zwei Drittel der Jugendlichen in diesem Klassenraum leben in Flüchtlingsfamilien. Manche sind zehn Jahre alt, andere schon 17. „Es gibt ein großes Gefälle innerhalb der Gruppe, die älteren Schüler sind manchmal schon fertig, wenn die jüngsten gerade erst ihre Mappe aufmachen“, erzählt Lehrerin Monika Radke. Die 64-Jährige kennt sich mit solchen Situationen aus, sie kann auf langjährige Erfahrung bauen.

Eigentlich müsste sie gar nicht mehr arbeiten – Radke ist im Ruhestand, aber sie macht weiter. Angesichts der großen Zahl der Flüchtlingskinder werden viele Deutsch-Lehrerinnen und Lehrer gebraucht. Bremen setzt nun darauf, für Vorkurse auch Lehrkräfte aus dem Ruhestand zurück an die Schulen zu holen. In Vorkursen lernen Schulkinder aus Flüchtlings- und Einwandererfamilien Deutsch.

Die ersten pensionierten Lehrerinnen sind nun in das Gymnasium an der Hamburger Straße zurückgekehrt: Monika Radke hat dort gemeinsam mit Ingeborg Plate einen neuen Vorkurs übernommen. „Ich bin seit drei Jahren pensioniert“, berichtet Plate. Die Berichte über die Flüchtlingskrise beschäftigen die 66-Jährige. „Ich habe mich gefragt: Was kommt da auf uns zu? Und ich habe mir gedacht, das Vernünftigste, was man machen kann, ist, Deutsch zu unterrichten.“ Vor ihrer Pensionierung war sie Lehrerin in der Hamburger Straße . Sie kennt die Schule, die Leitung, das Kollegium und den Alltag.

Finanziell lukrativ ist die Rückkehr aus dem Ruhestand für sie kaum: Die beiden pensionierten Lehrerinnen sind als Honorarkräfte beschäftigt, auf Minijob-Basis: Für vier Unterrichtsstunden pro Woche bekommt jede Lehrerin 450 Euro, sie unterrichtet aber zehn Stunden pro Woche. Es gehört viel ehrenamtliches Engagement zu ihrem Einsatz für Integration. „Das Finanzielle ist nicht der Grund, warum ich das mache“, sagt Radke.

Die Personalvertretung stellt sich nicht dagegen, pensionierte Lehrkräfte einzusetzen: „Wir haben signalisiert, dass es eine Möglichkeit ist, dass erfahrene Lehrkräfte, die bereit sind, sich freiwillig zu engagieren, an die Schulen zurückkehren“, sagt Arno Armgort vom Personalrat Schulen. „Für eine Übergangszeit und als Notlösung sind wir auch der Meinung, dass es besser ist, wenn erfahrene Lehrkräfte Kurse übernehmen als Kräfte ohne Erfahrung oder passende Qualifikation.“ Es müsse aber geregelte Abläufe für die Wiedereinstellung geben, betont Armgort.

Bildungssenatorin Claudia Bogedan (SPD) hat nach eigenen Angaben zuvor das Gespräch mit den Personalvertretungen gesucht. Am Montag besuchte sie den neuen Vorkurs am Gymnasium in der Hamburger Straße. „Wir haben ein besonderes System, das darauf setzt, die Kinder schnell in die Regelklassen zu integrieren“, sagt Bogedan. Schon während sie in den Vorkursen noch vorrangig die Sprache lernen, können die neuen Schüler mit ihren künftigen normalen Schulklassen am Sport- oder Kunstunterricht teilnehmen – Fächer, die nicht allzu große Deutschkenntnisse erfordern.

Neu ist nicht nur, dass pensionierte Lehrkräfte Flüchtlingskinder unterrichten. Neu ist auch, dass nun überhaupt auch an Gymnasien Vorkurse entstehen. Bislang wurden diese Kurse nur an Grundschulen und Oberschulen eingerichtet. Es sei oft anfangs nicht leicht, Jugendliche, die noch kein Deutsch sprechen, in ihrer Leistung richtig einzuschätzen, erklärt Helmut Kehlenbeck, Referent für interkulturelle Angelegenheiten bei der Bildungssenatorin. An einer Oberschule gebe es für Schüler alle Optionen, deshalb habe man dort zuerst Vorkurse eingerichtet. „Außerdem ist an den Gymnasien eine zweite Fremdsprache Pflicht“ – eine zusätzliche Herausforderung, für Schüler, die gerade erst Deutsch lernen. Angesichts der steigenden Flüchtlingszahlen würden nun aber auch die Gymnasien einbezogen.

„Es ist selbstverständlich, dass wir uns als Gymnasien beteiligen. Die Aufnahme der Flüchtlingskinder ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe“, sagt Claudia Dreyer, Schulleiterin in der Hamburger Straße. Derzeit gibt es an vier Bremer Gymnasien Vorkurse: in der Hamburger Straße, am Hermann-Böse-Gymnasium, am Gymnasium Links der Weser und am Alexander-von- Humboldt-Gymnasium in Huchting.

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