Masterplan für Tabakquartier

Aus den Fehlern der Überseestadt lernen

Der Wandel im Tabakquartier in Woltmershausen kann bald durchstarten. Der Bremer Politik ist aber klar, dass bei der Entwicklung zum lebendigen Stadtteil vieles anders laufen muss als in der Überseestadt.
28.03.2020, 09:02
Lesedauer: 4 Min
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Von Karin Mörtel
Aus den Fehlern der Überseestadt lernen

Der geplante Gleispark gilt als Motor der städtebaulichen Entwicklung im Vorderen Woltmershausen.

Bruun & Möllers Landschaften

Der Wandel im Tabakquartier in Woltmershausen von einem Gewerbe- und Industriegebiet hin zu einem lebendigen Mix aus Wohnen, Arbeiten und Freizeit soll kommen – und zwar möglichst schnell. Dieses ­Signal hat die Baudeputation am Freitag einstimmig für das etwa 55 Hektar große Areal hinter der Bahnlinie Bremen-Oldenburg ausgesendet. Wegen der Coronakrise mussten die Deputierten allerdings auf eine Diskussion über das Projekt verzichten und konnten nur per E-Mail darüber abstimmen, ob sie den vorgelegten städtebaulichen Masterplan befürworten oder nicht.

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Foto: Bruun & Möllers Landschaften

Fast zwei Jahre hatten die Hamburger Planungsbüros Elbberg sowie Bruun & Möllers Landschaften gemeinsam mit den Bremer Verkehrsexperten von BPR im Auftrag der Stadt an dem Leitfaden für die Entwicklung des Gebietes in den kommenden Jahren und Jahrzehnten gearbeitet. Neben den Behörden Bau, Umwelt und Wirtschaft waren auch intensiv die Woltmershauser Anwohner und Ortspolitik sowie die Großeigentümer von betroffenen Grundstücken am Planungsprozess beteiligt. Dazu zählen die SWB AG, die auf dem ehemaligen Gaswerksgelände beheimatet ist, sowie die Projektentwickler von Justus Grosse, die das Gelände der ehemaligen Zigarettenfabrik Martin Brinkmann AG gekauft haben und dort bereits damit angefangen haben, deren Innenleben zu erneuern.

Auf Basis des Masterplans und der derzeitigen Änderung des Flächennutzungsplans kann nun in den kommenden Jahren neues Baurecht geschaffen werden, das in weiten Bereichen auch Wohnen auf der nur zwei ­Kilometer von der Innenstadt entfernten Fläche erlaubt. „Viele Menschen in Bremen werden Woltmershausen noch mal völlig neu entdecken, wenn die städtebauliche Entwicklung dort nun kommt“, zeigte sich Falk Wagner (SPD) nach der Abstimmung überzeugt.

Überseestadt-Effekt vermeiden

Der Vorsitzende der Baudeputation betonte außerdem, dass parteiübergreifend Einigkeit darüber herrsche, dass der Ausbau der Infrastruktur nun schnell passieren muss. „Wir wollen den Überseestadt-Effekt nicht wiederholen“, so der Sozialdemokrat. Es dürfe kein zweites Mal innerhalb eines bedeutenden Stadtentwicklungsprojektes passieren, „dass die Gebäude schon größtenteils stehen, bevor der Rest kommt.“ Die Botschaft der Politik sei an diesem Tag, „dass Freiflächen und Verkehrserschließung sowie die soziale Infrastruktur schon jetzt angegangen werden.“

Als Motor der weiteren Entwicklung gilt der Gleispark, der sowohl die historischen Wallanlagen mit der Ochtumniederung im Bremer Süden verknüpfen soll sowie alle künftigen Quartiere im Entwicklungsgebiet miteinander verbindet und sportlich aktiv genutzt werden kann.

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„Außerdem ist enorm wichtig, dass der neue Tunnel unter dem Bahndamm hindurch schnell kommt“, sagte der Vorsitzende der Baudeputation. Denn bereits heute bestünden verkehrliche Engpässe zum Stadtteil. Daher fuße auf der neuen Unterführung und auf einer zweiten Buslinie, die dadurch fährt, die gesamte Planung für das Entwicklungsgebiet. Andernfalls – so die Befürchtung – drohe aufgrund der neuen Bewohner ein Verkehrskollaps an den Zugängen zu Woltmershausen. Sobald die konkreten Kosten für den neuen Tunnel im Herbst vorlägen, „liegt es an uns Koalitionären, Prioritäten zu setzen und uns für die Finanzierung einzusetzen“, so Wagner.

In einem nächsten Schritt muss die Stadt nun mit den Eigentümern vor Ort städtebauliche Verträge aushandeln, die unter anderem eine Kostenteilung bestimmter Entwicklungsmaßnahmen beinhalten werden.

Freie Flächen für Berufs- und Grundschule

Die beteiligten Planer haben im Masterplan das riesige Entwicklungsgebiet „Vorderes Woltmershausen“ nun in unterschiedliche Quartiere aufgeteilt. Nur das von Justus Grosse bewirtschaftete ehemalige Brinkmann-Gelände heißt fortan tatsächlich „Tabakquartier“. Die SWB wird sich laut Plan auf ein Kerngebiet namens „Technikquartier“ zurückziehen und weitere Flächen für eine Berufsschule, eine Grundschule und Wohnbebauung im Quartier „Am Gasometer“ freigeben. Dort stand einst der 83 Meter hohe, markante Gasometer zur Energieversorgung Bremens. Inwieweit und wie schnell die Aufgabe von Randbereichen des heute noch abgeriegelten Betriebsgeländes möglich ist, muss das Energieunternehmen aber erst noch betriebsintern klären.

Ebenfalls zum überwiegend gewerblich genutzten Technikquartier wird das heutige Gewerbegebiet Seumestraße gehören. Dort hat die Wirtschaftsförderung ein Pilotprojekt zu der Frage angeschoben, wie ein historisch gewachsener Altbestand an kleineren und mittleren Betrieben zukunftsfähig weiterentwickelt werden kann.

Im Süden des Entwicklungsgebietes liegt schließlich das neue „Gleisparkquartier“. Dort verbindet der neu anzulegende Grünzug das heutige Sammelsurium an Wohnbebauung und Gewerbe. Sowohl die heute bereits bestehende Wohnnutzung am Schriefersweg als auch rings um den Warturmer Platz bleiben erhalten. Letztere Kleinsiedlung hatten 1935/36 die Nationalsozialisten als „Erziehungswohnanlage“ gebaut, sie hat daher für die Stadt auch sozialhistorische Bedeutung.

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Insgesamt werden laut Masterplan einst bis zu 2500 Wohnungen im Entwicklungsgebiet entstehen (davon 30 Prozent Sozialwohnungen), in denen bis zu 5000 neue Bewohner leben könnten. Aber auch die Wirtschaft kann auf Aufwind auf dem heute noch deutlich untergenutzten Areal hoffen. Im Masterplan ist die Rede von bis zu 1500 neuen Arbeitsplätzen, die dort im Sinne einer „produktiven Stadt“ eng mit der Wohnbebauung verzahnt werden. Bevor es mit den weiteren Planungsschritten losgehen kann, müssen aber auch noch die Umwelt- und die Wirtschaftsdeputation dem Masterplan zustimmen.

Keine Prognose zu Zukunftsaussichten

Zu den Zukunftsaussichten des städtebaulichen Großprojektes wagt Falk Wagner angesichts der derzeitigen weltweiten Ausnahmesituation keine Prognose. „Aber alle Deputierten hoffen parteiübergreifend, dass diese Chance auf neues Leben in Woltmershausen nicht durch die aktuellen wirtschaftlichen Turbulenzen ins Stocken gerät.“

Stadtplaner Tom Lecke-Lopatta, der derzeit am Flächennutzungsplan für das Entwicklungsgebiet arbeitet, hat kürzlich während einer Einwohnerversammlung in Woltmershausen sogar eine mögliche Chance durch die laufende Infektionswelle aufgezeigt: „Ich bin davon überzeugt, dass unverzichtbare Teile der Wirtschaft nach den derzeit schmerzlichen Erfahrungen wieder nach Deutschland zurückgeholt werden.“ Und für diesen Fall bräuchten Städte genau solche Gebiete, die zukunftsfähige Gewerbeflächen böten, die eingebunden seien in einen lebenswerten Teil der Stadt.

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