Serie „Die Brinkmänner“ (3) Aus der Tabakfabrik ertönen Lieder

Karl Schütte blickt sehr gern auf seine Arbeit bei der Martin Brinkmann AG in Bremen-Woltmershausen zurück. Dort stieg er vom Lehrling bis zum Leiter der Tabakfabrik auf.
30.06.2019, 06:38
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Aus der Tabakfabrik ertönen Lieder
Von Detlev Scheil

Karl Schütte blickt sehr gern auf seine Arbeit bei der Martin Brinkmann AG zurück. Dort stieg er vom Lehrling bis zum Leiter der Tabakfabrik auf. Seinen Chef Karl Eigenbrodt, Gesamtleiter der Produktion und zeitweilig Vorstandsmitglied, sah er ab den 70er-Jahren fast jeden Tag in Badehose: beim gemeinsamen Schwimmen frühmorgens im firmeneigenen Hallenbad.

„Es war eine schöne Zeit“, sagt der Schwachhauser Rentner. „Die Stimmung unter den Frauen in der Tabakfabrik war so gut, dass sie sogar manchmal Volkslieder bei der Arbeit sangen.“ Wo gibt es das heute noch? In Tabakfabriken mit Sicherheit nicht mehr, denn die sind längst vollautomatisiert.

Als Lehrling beim Proberauchen

1951 begann der gebürtige Bückeburger eine kaufmännische Lehre bei Brinkmann. In der Firmen-Broschüre „MB-Fibel“ aus den 50er-Jahren ist er als Lehrling beim Proberauchen abgebildet. „Das gehörte zur Ausbildung dazu. Nach jeder Tabaksorte tranken wir einen Becher Milch, um den Geschmack zu neutralisieren“, erinnert er sich. Beim Proberauchen wurde entschieden, ob eine bestimmte Tabaksorte zu der Mischung der Marke passte. Wenn es auf der Zunge brannte und ein unangenehmer Nachgeschmack blieb, war die Tabaksorte aus dem Rennen und wurde in den Herkunftsländern gar nicht erst angekauft. Egal ob Zigarette oder Pfeifentabak: „Die Mischung besteht in der Regel aus mehr als 20 Tabaksorten“, erklärt Schütte. Teilweise würden auch natürliche Essenzen zugeführt.

Nach der Lehre kam Schütte 1953 in die Tabakfabrik – und blieb 37 Jahre bis 1990. Zunächst war er stellvertretender Abteilungsleiter in der sogenannten Schneiderei, wo der Tabak rauchfertig geschnitten wurde. 1970 stieg er zum Werkleiter auf. Seine letzten zwei Jahre bei Brinkmann verbrachte Schütte im Berliner Werk, weil es in Bremen keine Produktion mehr gab. Der Umfang der Tabakproduktion unterlag im Laufe der Jahre nachfragebedingt enormen Schwankungen. Wurden zum Beispiel 1951 rund sieben Millionen Kilogramm Rauchtabak bei Brinkmann in Bremen produziert, so waren es im Jahr darauf acht Millionen Kilogramm. „Auf solche Nachfrageschübe musste mit Neueinstellungen von Personal und vielen Überstunden reagiert werden“, sagt Schütte.

Zwei Schichten

In der Regel sei im Werk in zwei Schichten von 6 bis 14.30 Uhr und 14.30 bis maximal 23 Uhr gearbeitet worden. Beim Verlassen der Fabrik mussten die Beschäftigten penible Betriebs- und Zoll-Kontrollen über sich ergehen lassen. Wurde jemand beim Hinausschmuggeln von Tabak oder Zigaretten ertappt, drohte die fristlose Entlassung. „In ein paar Fällen wurde das auch durchgezogen“, weiß Schütte.

Eine der Erfolgsmarken neben den späteren Umsatzbringern Stanwell und Lincoln war der 1954 eingeführte Pfeifentabak „Golden Mixture“. Schütte: „Das war der Renner!“ Der Tabak wurde für 2,50 D-Mark pro 50 Gramm in einer länglichen, goldfarbenen Blechdose verkauft. Es gab ihn auch zu 100 Gramm in einem edel wirkenden Porzellantopf – heute ein begehrtes Sammlerobjekt.

Kuriose Festanstellung

Dietrich Bartsch kam auf kuriose Weise zu seiner Festanstellung 1959 bei Brinkmann. In Berlin hatte er eine Lehre im Tabakgroß- und Einzelhandel absolviert und wollte dann in Bremen mal die größte Tabak- und Zigarettenfabrik Europas besichtigen. Er hatte Pech, denn an seinem Besuchstag wurden keine ­Besichtigungen angeboten. Er hatte aber auch Glück, denn im Gespräch an der Pforte stellte sich heraus, dass Brinkmann gerade dringend Leute suchte. Der Personalchef hatte zufällig gerade Zeit – und stellte ihn prompt ein.

Vielen Brinkmann-Kollegen ist Dietrich Bartsch, der ab Mitte der 60er-Jahre eine ­maßgebliche Rolle für die EDV-Einführung bei Brinkmann spielte, als „Anton“ bekannt. Dieser Name basiert auf einem Scherz, ­wie der heute in Achim-Baden wohnende Ruheständler lachend erzählt: „Ich war Anfang 20, schlank und hatte schwarze Haare. Als einige Frauen einen Kollegen fragten, wer dieser Neue denn sei, ulkte der: ‚Das ist Antonio aus Italien.‘ Antonio wurde zu Anton, und das ist bei den Brinkmännern hängengeblieben.“

Produktionsengpässe vermieden

In der Rohtabak-Abteilung war Bartsch zu Hause, doch er wurde nie als Tabakeinkäufer ins Ausland geschickt. Stattdessen diente er vor allem in EDV-Fragen, aber auch bei vielfältigen betriebsinternen Organisationsproblemen als Mittelsmann. Heute würde man ihn als genialen Netzwerker bezeichnen. Gab es bei Tabak-Missernten hin und wieder auch mal Produktionsengpässe? „Nein, die gab es nicht“, sagt Bartsch. „Irgendwo auf der Welt konnte Ersatz beschafft werden.“

Die Liste der Länder, aus denen Brinkmann Tabak importierte, wuchs immer weiter. Waren vor dem Zweiten Weltkrieg für die damaligen Zigarettenmarken wie „Fatima“ oder „Lloyd“ Orienttabake vor allem aus der Türkei, aus Griechenland, Jugoslawien und Rumänien bezogen worden, kamen später als Lieferanten unter anderem Argentinien, Brasilien, Mexiko und Rhodesien dazu. Als das Rassisten-Regime in Rhodesien in den 70er-Jahren auf Veranlassung der Vereinten Nationen boykottiert wurde, musste Brinkmann auf Lieferungen aus dem afrikanischen Land geraume Zeit warten. Bartsch: „Auf Schleichwegen gelang es dann doch, einen Teil des Tabaks zu importieren, und für die blockierten Ladungen musste halt Ersatz aus anderen Teilen der Welt geordert werden. Dramatisch war das nicht.“

Blattrippen brachten Ersparnis

Die Tabakproduktion wurde immer ausgefeilter. In den frühen Jahren kamen in der Fabrik ganze Blätter an, die in Handarbeit entrippt wurden. Mit den herausgelösten Blattrippen konnte man zunächst wenig anfangen, doch dann entwickelte man eine neue Verarbeitungsmethode. Die Rippen kamen in eine Walzmaschine und wurden dann zu Schnipseln zerstückelt, die der Tabakmischung wieder beigefügt werden konnten. „Das brachte natürlich beträchtliches Volumen und steigerte den Profit“, sagt Bartsch. Die Belegschaft habe in Form von Prämienzahlungen davon profitiert.

Zwangsläufig eng zusammenarbeiten musste Bartsch mit dem Zoll, der auf dem Brinkmanngelände sogar ein eigenes Büro unterhielt. Die wachsamen Zöllner registrierten genau, wie viel Tabak in die Fabrik kam und wie viel das Werk wieder verließ. Die Tabaksteuer bringt schließlich viel Geld in die Kasse von Vater Staat.

Inventur mit Zöllnern

„Sehr aufwendig war immer die jährliche Tabakinventur mit den Zöllnern“, erinnert sich Bartsch. Dass Brinkmann die Lagerhaltung und Produktionsabläufe dann mehr und mehr auf EDV umstellte, habe die Zöllner begeistert. „Das bedeutete ja weniger Arbeit.“ Insgesamt habe es wenig Probleme mit dem Zoll gegeben: „Großen Ärger gab es nie, wir sind gut miteinander ausgekommen.“ Gut erinnern kann sich Bartsch an die Wendejahre, als Brinkmann für die neuen östlichen Bundesländer extra eine eigene Zigarettenmarke herausbrachte: die „Golden American“, die binnen kurzer Zeit einen Marktanteil von 20 Prozent erreichte.

Mitte der 90er-Jahre war bei Brinkmann in Woltmershausen nur noch wenig zu tun. Bartsch half noch zwei Jahre mit seinem Fachwissen bei einer Tabakfabrik in den Niederlanden und ging dann in Rente.

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Zur Sache

Die Artikelreihe

In der ehemaligen Zigaretten- und Tabakfabrik Martin Brinkmann AG in Woltmershausen waren früher einige Tausend Mitarbeiter beschäftigt. Das Firmengelände ist jetzt im Umbruch: Rund 1200 Wohnungen sollen dort entstehen und die alten Gebäude für moderne Bürolofts genutzt werden. In dieser Artikelreihe erinnern sich frühere Beschäftigte an ihre Arbeit in den verschiedenen Brinkmann-Abteilungen. Im nächsten Teil kommen ein Mitarbeiter des Bereichs für Forschung und Entwicklung und ein Sammler von Zigarettenpackungen zu Wort.

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