23 Jugendliche lernen derzeit sechs Tage pro Woche und beginnen im Herbst eine Ausbildung bei der Stadt Aus Flüchtlingen werden Lehrlinge

Hunderte junge Flüchtlinge sind in den vergangenen Monaten nach Bremen gekommen, 23 von ihnen nehmen derzeit an einem Ausbildungsprogramm der Stadt teil. Ein einjähriger Vorkurs mit Sprachunterricht bereitet sie darauf vor, im Herbst eine Ausbildung im öffentlichen Dienst zu beginnen. Drei Jugendliche aus Afghanistan, Mali und Somalia erzählen.
11.03.2015, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Aus Flüchtlingen werden Lehrlinge
Von Sara Sundermann

Hunderte junge Flüchtlinge sind in den vergangenen Monaten nach Bremen gekommen, 23 von ihnen nehmen derzeit an einem Ausbildungsprogramm der Stadt teil. Ein einjähriger Vorkurs mit Sprachunterricht bereitet sie darauf vor, im Herbst eine Ausbildung im öffentlichen Dienst zu beginnen. Drei Jugendliche aus Afghanistan, Mali und Somalia erzählen.

Knapp zwei Dutzend Jugendliche aus elf Ländern sitzen bei Kaffee und Keksen zusammen. Sie tauschen sich lebhaft über ihre Lehrer und Prüfungen aus. Viele sind erst ein Jahr hier, können sich aber schon flüssig auf Deutsch unterhalten. Sie kommen aus Afghanistan, Syrien, Gambia, Mauretanien oder Mali. Und sie alle nehmen an einem Vorkurs teil, der im Herbst in eine duale Ausbildung im öffentlichen Dienst übergeht. Insgesamt zehn verschiedene Behörden und Stellen unterstützen dieses Projekt der Finanzbehörde.

Sechs Tage pro Woche lernen, das prägt seit September den Alltag der jungen Flüchtlinge: Zwei Tage verbringen sie in der Berufsschule, drei Tage im Ausbildungsbetrieb, hinzu kommt ein Deutschkurs jeden Sonnabend. Ein straffes Programm – vor allem aber ein Programm, das ihnen Perspektiven bieten soll und sie nach ihrer Flucht und beim Ankommen in Bremen mit ihren Erfahrungen abholt und unterstützt: Landen, lernen, Lehrling werden, darauf setzt das Programm. Die Jugendlichen können in Kleingruppen lernen und können Unterstützung durch Nachhilfe-Unterricht und Mentoren erhalten. Die meisten sind alleine, ohne ihre Eltern nach Deutschland gekommen. „Alle sind sehr motiviert“, sagt Ernst Littmann vom Technischen Bildungszentrum Mitte, der sechs junge Flüchtlinge in Grundlagen der Metalltechnik ausbildet.

Zur Halbzeit hat sich nun Finanzsenatorin Karoline Linnert (Grüne) bei den Jugendlichen erkundigt, wie ihre Erfahrungen mit dem Programm sind – zum einen, um bei Bedarf am Programm nachzubessern, aber auch, um Argumente dafür zu sammeln, das Programm auch künftig fortzusetzen. „Auch in den 1990er-Jahren sind sehr viele Flüchtlinge nach Deutschland gekommen, aber damals gab es einen sehr repressiven Umgang damit“, sagt Linnert zu den Jugendlichen. „Wir wollen es heute anders machen und Ihnen sagen, dass Sie hier willkommen sind.“ Die Jugendlichen sollten nicht in den Flüchtlingsunterkünften schmoren müssen, betont sie: „Wir wollen, dass Sie keine Zeit vergeuden.“

Baba Koite kommt aus Mali und ist seit April 2011 in Bremen. In Bamako ging er sieben Jahre zur Schule, daneben und danach arbeitete er. „Ich hatte mein eigenes kleines Geschäft und habe Kaffee verkauft“, erzählt er. Als der Krieg in Mali ausbrach, beschloss der 19-Jährige, mit zwei Freunden nach Europa zu fliehen. Sie reisten durch mehrere Länder und arbeiteten zwischendurch, um das Geld für die Fahrt über das Mittelmeer zusammen zu bekommen. Irgendwann trennten sich ihre Wege, nur Baba landete in Bremen – ohne hier einen einzigen Menschen zu kennen, sagt er. Nun wird er Bürokaufmann und sammelt Praxiserfahrung im Amt für Soziale Dienste. Dort übersetzt er viel und hilft zum Beispiel ausländischen Kunden bei Fragen zu Anträgen, erzählt Baba: „Ich fühle mich gut, wenn die Leute froh darüber sind – manche wollen mir als Dank etwas Geld geben, aber ich sage dann: Nein, ich arbeite hier.“ Man hört die Freude in der Stimme: „Gott sei Dank bekam ich die Chance, diese Ausbildung zu machen, so eine Möglichkeit bekommt man nicht oft im Leben.“

Zaki Bare Warsame aus Somalia wird an der Uni Bremen zum Chemielaboranten ausgebildet. Dort lernt er zum Beispiel, die Dichte von Flüssigkeiten zu bestimmen. „Die Sprache ist schwierig, aber die Ausbildung macht Spaß“, sagt er. Auch Zaki kam mit einem Schiff übers Mittelmeer, erst zur italienischen Insel Lampedusa, dann weiter nach Norden bis nach Bremen. Der 18-Jährige erzählt, wie sich das Ankommen in Bremen und in einem völlig unbekannten Land anfühlt: Es bedeutet permanent lernen, von dem Moment, in dem man aufwacht bis zum Einschlafen, sagt er: „Alles ist neu, es ist, als würde man neu geboren.“ Er sagt, dass sich beim Kennenlernen mit den deutschen Mitschülern seiner Berufsschulklasse etwas verändert: „Viele denken, junge Flüchtlinge hätten nur Schlechtes vor, andere denken, wir säßen den ganzen Tag nur im Flüchtlingsheim und machen nichts“, sagt der 18-Jährige. „Aber die Bilder im Kopf ändern sich, wenn Leute sehen, dass wir Schwierigkeiten mit der Sprache haben und trotzdem jeden Tag allein wieder kommen, um zu lernen.“

Sami Allah Sultani ist seit 18 Monaten in Bremen. Er ist mit seiner Mutter und drei Geschwistern aus Afghanistan nach Bremen gekommen. Er wuchs in Kabul auf: „Jeden Tag Krieg“, sagt Sami nur knapp. Ein Krieg, in dem er seinen Vater und seinen Onkel verloren hat. Mit seiner Mutter und seinen Geschwistern floh er nach Pakistan, wo sie mehrere Jahre lebten. Sami spricht sechs Sprachen, dazu gehören Persisch, Hindi, Englisch, zwei Sprachen, die man in Pakistan sprich, und jetzt auch Deutsch. „Es war mein Traum, so viele Sprachen wie möglich zu lernen und ein gutes Leben zu haben“, sagt der 20-Jährige. Nun macht er eine Ausbildung als Metalltechniker: „Metalltechnik kann ich schaffen, ich bin ein guter Handwerker“, sagt Sami. Er möchte, wenn es möglich ist, in Bremen bleiben: „Deutschland ist das beste Land zum Leben, es gibt hier große Freiheit für die Menschen, und in Bremen gibt es sehr nette Leute.“ Der 20-Jährige hofft, dass auch sein jüngerer Bruder eine Ausbildung in Bremen machen kann: „Vielleicht kann er auch diese Chance bekommen.“

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