Ein Jahr im Flüchtlingswohnheim Aus Fremden werden Freunde

Flüchtlinge sind das zentrale Thema in den Medien. Die NORDDEUTSCHE hat ein Jahr lang Menschen aus dem Übergangswohnheim an der Steingutstraße in Grohn auf ihren ersten Schritten in ein neues Leben begleitet.
16.12.2015, 00:00
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Aus Fremden werden Freunde
Von Patricia Brandt

Flüchtlinge sind das zentrale Thema in den Medien. Die NORDDEUTSCHE hat ein Jahr lang Menschen aus dem Übergangswohnheim an der Steingutstraße in Grohn auf ihren ersten Schritten in ein neues Leben begleitet.

50 Kilometer Fußmarsch durch Mazedonien, Nächte am Lagerfeuer, immer nur Dosenfisch mit Datteln und was kommt dann? Ein Jahr lang hat die NORDDEUTSCHE Flüchtlinge wie den Teenager Soheb Sammour auf ihren ersten Schritten in ihr neues Leben in Deutschland begleitet. Wir wussten nicht, welche Schicksale uns hinter den Türen des Übergangswohnheims in Grohn erwarten würden.

Im Herbst 2014 war abzusehen gewesen, dass der Zuzug von Flüchtlingen das zentrale Thema des Jahres sein würde. Es war die Zeit, als die ersten Flüchtlinge nach Bremen-Nord kommen sollten. Wir berichteten damals über die Planungen für die ersten Unterkünfte für Flüchtlinge und vermehrt auch über scharfe und angsterfüllte Proteste von Bürgern gegen die Asylbewerberheime und die Menschen, die dort vorübergehend leben sollten.

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Die Flüchtlinge waren dabei Objekte der Diskussion. Persönliche Schicksale wurden nicht wahrgenommen. Wir wollten mit unserer Berichterstattung diese Distanz aufheben. Mit unserer von Januar an monatlich erscheinenden Serie näherten wir uns den Fremden, den neuen Nachbarn, an.

Heimleiterin Marija de Gast half, die Familien zu finden. Unsere erste Sorge, dass die Familien vielleicht schon nach kurzer Zeit würden nicht mehr mitmachen wollen, war unbegründet. Die Familien begegneten uns mit einer großen Offenheit, zuletzt verzichteten sie auch auf ein Pseudonym.

Wir begleiteten die Kinder der Familien in die Schule, waren dabei, als die Eltern beim Jobcenter um Mietübernahme baten und besuchten sie später in ihren neuen Wohnungen. Wir kauften zusammen ein – Hanadi Faraj zeigte, wie sie sich mithilfe ihres Smartphones in einem deutschen Supermarkt zurechtfindet – und kochten auch mal eine syrische Milchspeise.

Es war zu Beginn der Serie nicht abzusehen, wie sich die Familiengeschichten entwickeln würden. Zum Beispiel die von Firaz Sammour und seinem Sohn Soheb. Der Zahntechniker hatte Sorge, dass sein Ältester zur Armee eingezogen werden könnte, und flüchtete mit ihm aus Daraa. Seine Frau und zwei jüngere Kinder, Rama und Mohammed, ließ Firaz Sammour schweren Herzens in Syrien zurück. Zu gefährlich erschien ihm damals die Flucht. Der Plan, die Familie nach der Ankunft in Deutschland nachzuholen, erwies sich jedoch als viel schwieriger als angenommen.

Wir bekamen hautnah mit, wie Vater und Sohn hofften und bangten und mit Hilfe einer Anwältin für ein Visum kämpften. Am Ende lieh die örtliche Willkommensinitiative der Familie Geld, damit sie Flugtickets kaufen konnte. Der schmerzerfüllte Gesichtsausdruck des Vaters, als er seine Tochter Rama am Airport Hamburg umarmte, war einer der bewegendsten Momente des Jahres. Heute lebt die gesamte Familie in einem Miethaus in Vegesack. Soheb will das Abitur machen und spielt in einer Fußballmannschaft für Flüchtlinge der Sportgemeinschaft Aumund-Vegesack.

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Das einzig ernsthafte Problem lag in der Verständigung. Weil Ziad Karkour und seine Frau Salma bereits im Februar aus dem Heim ausgezogen waren, stand uns schon bald keine Dolmetscherin mehr zur Verfügung, sondern nur ein Handy. Wir haben uns oft über die Vorschläge der deutsch-arabischen Übersetzungs-App gewundert.

Missverständnisse gab es bis zum Schluss. Zum Beispiel als der 37-Jährige über seine belagerte Heimatstadt Damaskus sprach und uns ein fröhliches Familienvideo mit Hausmusik und lachenden Gesichtern zeigte. Später stellte sich heraus, dass dieser feiernde Teil der Familie ebenfalls geflohen war. Einige Fragen etwa zu arabischen Einträgen in sozialen Medien blieben jedoch offen.

Es war bei den Gesprächen über den Krieg nie einfach, die Rolle eines unbeteiligten Beobachters einzunehmen. Wenn die Familien von ihrer Flucht und vom Krieg in ihrer Heimat erzählten, verloren sie noch oft die Fassung.

Die Meinung der Leser über unsere Serie war zunächst geteilt. Es meldeten sich Leser zu Wort, die nicht wollten, dass Flüchtlingen dieser Raum in der NORDDEUTSCHEN zugebilligt wurde. Aus dem Übergangswohnheim hörte ich von Heimleiterin Marija de Gast aber, dass sich viele Leser an sie wandten, um gezielt den vorgestellten Familien zu helfen. So hatte der Vegesacker Ralf Sonnekalb dem Syrer Ziad Karkour eine Wohnung angeboten, weil er vom Schicksal der Familie in unserer Zeitung gelesen hatte. Die beiden Familien sind heute miteinander befreundet. Der frühere Bürger in Wut trat letztlich sogar aus der Wählervereinigung aus.

Bei den Besuchen in dem Dorf mit den blauen Containern habe ich immer wieder erlebt, wie groß die Hilfsbereitschaft der Nordbremer ist. Ich habe Menschen getroffen, die ihre gesamte Freizeit für Flüchtlinge opfern. Unter den Helfern finden sich sogar ehemalige Gegner des Containerdorfes an der Steingutstraße wie Stefan Kreszis. Der Allgemeinmediziner hat angeboten, Flüchtlinge zu behandeln.

100 Flüchtlinge hatte die Politik vor gut einem Jahr für Grohn angekündigt. 172 sind es heute. Unter den neuen Nachbarn ist ein Mann aus Afghanistan, der studieren möchte. Und eine Frau, die auf der Flucht aus Syrien ihre elfjährige Tochter verloren hat. Hinter jeder Tür im blauen Dorf verbirgt sich ein anderes Schicksal. Die meisten davon kennen wir nicht.

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