Kerstin True-Biletski und Petra Redert haben Bremer Teil der Ausstellung über sowjetische Gefangene erstellt

Aus Respekt vor den Opfern

Die Ausstellung des Berliner Vereins Kontakte-Kontakty „Russenlager und Zwangsarbeit“ läuft noch bis 30. Oktober im Haus der Wissenschaft. Die Kulturhistorikerinnen Petra Redert und Kerstin True-Biletski haben den Bremer Bezug erarbeitet.
26.10.2014, 00:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Ina Schulze
Aus Respekt vor den Opfern

Petra Redert (links) und Kerstin True-Biletski haben im Staatsarchiv über russische Kriegsgefangene in Bremen recherchiert.

Walter Gerbracht

Die Ausstellung des Berliner Vereins Kontakte-Kontakty „Russenlager und Zwangsarbeit“ läuft noch bis 30. Oktober im Haus der Wissenschaft. Die Kulturhistorikerinnen Petra Redert und Kerstin True-Biletski haben den Bremer Bezug erarbeitet.

Wer waren die sowjetischen Kriegsgefangenen, die in Bremer Lagern waren? Wo finden sich noch heute Spuren? Die Kulturhistorikerinnen Petra Redert aus der Neustadt und Kerstin True-Biletski aus Huchting haben die Ausstellung des Berliner Vereins Kontakte-Kontakty „,Russenlager’ und Zwangsarbeit“ um einen Bremer Teil ergänzt.

„Die große Geschichte ist nicht nur fern von uns passiert, sondern auch vor unserer Haustür“, sagt Petra Redert, die auch Maurermeisterin ist, während Kerstin True-Biletski im Hauptberuf in der Verwaltung der Universität Bremen arbeitet. Bereits im Studium war Petra Redert darauf gestoßen, dass in der Nähe ihres jetzigen Wohnortes in der Neustadt ein großes Zwangsarbeitslager existiert hatte. „Ich habe Zeugenaussagen gefunden, dass Kolonnen von Gefangen durch den Kirchweg geführt wurden.“

Stalag XC auch in Nienburg

Die Kulturhistorikerinnen haben unterschiedliche Zugänge zum Thema. In Kerstin True-Biletskis Heimatort etwa gab es ein Sterbelager des Stalag XC Nienburg für sowjetische Kriegsgefangene, über das sehr lange nicht gesprochen wurde. „Vor mehreren Jahren habe ich begonnen, in einer russischen Datenbank Personalkarten der Wehrmacht zu Gefangenen dieses Lagers zu recherchieren, und war berührt, die Gesichter vor mir zu sehen“, sagt die Wissenschaftlerin.

Petra Redert hat eine Weile in Weißrussland gearbeitet, in einem Bauprojekt im Rahmen der Tschernobyl-Hilfe, und ist mit den Folgen des Ersten und Zweiten Weltkriegs konfrontiert worden. Minsk habe beispielsweise kaum noch eine Altstadt, erzählt sie und berichtet von ihrer Baustelle: „Für die Gründungsarbeiten mussten die Fundamente ausgeschachtet werden. Es sind regelmäßig Knochen oder Patronenhülsen zum Vorschein gekommen. Das war schon prägend.“ Petra Redert begann, Russisch zu lernen. „Die Sprache reicht nicht, um sich verständigen zu können“, das war ihr klar. „Ich muss auch die Kultur verstehen können und die Geschichte, das gehört auch zur Verständigung.“ Also studierte sie nach ihrer Rückkehr Kulturgeschichte, Fachrichtung Osteuropa.

Für die Ausstellung im Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4-5, sind die beiden Kulturhistorikerinnen in einer russischen Datenbank auf erste Spurensuche gegangen. „Die Datenbank hat uns ermöglicht, über 500 Personalkarten für Bremen zu recherchieren – von sowjetischen Kriegsgefangenen“, sagt Petra Redert. Namen, die Dauer der Gefangenschaft und die Lager, alles war vermerkt.

Eingesperrt am Fedelhören

Ein weiterer wichtiger Rechercheort war das Staatsarchiv am Fedelhören. Nicht nur wegen der Akten: Im Zweiten Weltkrieg waren auch an dieser Stelle in einer Reithalle sowjetische Kriegsgefangene untergebracht, in einem Lager ein Arbeitskommando sowjetischer Kriegsgefangener. Im Archiv haben die beiden Wissenschaftlerinnen unter anderem auch Dokumente über den Bau eines Barackenlagers in Wätjens Park in Vegesack gefunden.

Während die Wanderausstellung nach Berlin zurückgeht, bleibt der Bremer Teil in der Hansestadt. Petra Redert und Kerstin True-Biletski wollen ihre Arbeit stetig weiter entwickeln. Darüber hinaus werden die Kulturhistorikerinnen an einem Geschichtslehrpfad in der Neustadt zu Erinnerungsorten in Bezug auf NS-Verfolgung und Zwangsarbeit mitarbeiten.

Außerdem hat Petra Redert auf einem Sonntagsspaziergang Am Dammacker eine alte Baracke aus dem Zweiten Weltkrieg entdeckt. Die beiden wollen eine Initiative zum Erhalt dieser Huckelrieder Lagerbaracke als Gedächtnis- und Begegnungsort gründen. Dies könnte auch ein Ort sein, an dem ihre Ausstellung dauerhaft gezeigt wird.

In ihrem Engagement lassen die beiden nicht nach, auch wenn sie die weiterführende Arbeit nicht mehr ehrenamtlich leisten können., wie sie betonen. „Die Puzzleteile aus Dokumenten oder Erinnerungen zu sammeln und zusammenzusetzen, um das Unrecht an den sowjetischen Kriegsgefangenen nicht dem Vergessen preiszugeben, ist eine wichtige Aufgabe, um deren Würde zu bewahren, aber auch für uns alle als Mahnung, um aufmerksam gegenüber kollektiven Ausgrenzungstendenzen zu bleiben“, sagt Kerstin True-Biletski. Sie und Petra Redert erhoffen sich weitere Anregungen und Informationen aus der Bevölkerung. Gefragt sind Erinnerungen, Familienwissen und Forschungen über sowjetische Kriegsgefangene, „Russenlager“ und „Ostarbeiter“ in Bremen.

Kontakt zu den beiden Kulturhistorikerinnen: ktrue@uni-bremen.de und telefonisch unter 218-660. Die Ausstellung im Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4-5, endet am Donnerstag, 30. Oktober. Über italienische Kriegsgefangene in Bremer Lagern spricht der Rechts- und Sozialgeschichtler Christoph Schminck-Gustavus am Montag, 27. Oktober, um 19 Uhr im Haus der Wissenschaft. Professor Gerhard Vinnai referiert am Mittwoch, 29. Oktober, um 19 Uhr im Forum Kirche, Hollerallee 75, über die Psychologie der Schuldverarbeitung im Krieg.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+