40 Jahre Schifffahrtsmuseum

"Aus uns wird kein Erlebnismuseum"

Die Direktorin des Schifffahrtsmuseum, Sunhild Kleingärtner, spricht im Interview über das verstaubte Image und die Zukunft ihres Hauses.
04.09.2015, 00:00
Lesedauer: 5 Min
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Die Direktorin des Schifffahrtsmuseum, Sunhild Kleingärtner, spricht im Interview über das verstaubte Image und die Zukunft ihres Hauses.

Frau Kleingärtner, das Deutsche Schifffahrtsmuseum (DSM) feiert 40-jähriges Bestehen. Nehmen Sie es mir übel, wenn ich sage, man könnte auch glauben, der 70-jährige Geburtstag stehe an?

Sunhild Kleingärtner: Wir sind gerade dabei, unsere Ausstellung komplett zu überarbeiten – gestalterisch und inhaltlich. Momentan haben wir tatsächlich sehr viele Schaukästen, die überdies wenig hierarchisiert sind. Es bedarf an deutlich herausgestellten Leitexponaten. Schon für die Übergangszeit und anlässlich des 40. Geburtstags haben wir solche Leitobjekte ausgesucht und sie erweitert – um Filme, Fotos und Interviews beispielsweise. Das werden wir in der Umgestaltung weiterführen.

Wo steht das DSM, was den 42 Millionen Euro teuren Umbauprozess betrifft?

Am Wochenende eröffnen wir eine Art Übergangsausstellung, nächstes Jahr folgt die Koggehalle mit einer neuen Ausstellung. Unser Wunsch ist es es, dass 2018 der jüngere Anbau komplett umgestaltet sein wird und 2020 der Teil, in dem sich der Eingang befindet. Und dass alle Gebäudeteile in dieser Zeit auch baulich saniert werden.

Wie lange wird das Schifffahrtsmuseum, so wie man es kennt, noch zu besichtigen sein?

Noch relativ lange, und das kommt uns eigentlich auch entgegen. Für uns ist die Zwischenlösung in Form der Sonderausstellung auch ein Testballon. Wir haben uns zum ersten Mal sehr auf Menschen mit Behinderungen eingestellt: Die Texte sind auch in Leichter Sprache verfasst, es gibt Tastmodelle, Hörstationen und Sitzgelegenheiten. Wir werden sehen, wie alles das angenommen wird. Das kann uns für die ganz neue Ausstellung nur helfen.

Ende 2014 hat die Leibniz-Gemeinschaft dem Museum eine Art Mängelliste vorgelegt. Kritisiert wurde, dass das Haus zu wenig Drittmittel einwirbt, zu wenig für den Nachwuchs tut und seine Forschungsergebnisse quasi für sich behält. Was hat sich geändert, seitdem die Gemeinschaft gedroht hat, das DSM aus dem Kreis seiner acht Forschungsmuseen zu verbannen?

Wir haben natürlich darauf reagiert, das müssen wir auch, weil wir ja regelmäßig von der Leibniz-Gemeinschaft evaluiert werden. Wir haben ein Nachwuchsprogramm aufgelegt, wir arbeiten enger mit dem Alfred-Wegener-Institut zusammen, wir haben viele Drittmittel-Anträge gestellt, einer über 800 000 Euro ist auch schon bewilligt worden. Auch die neue Ausstellung trägt natürlich einen erheblichen Teil dazu bei, aktuelle Forschungsergebnisse zu kommunizieren.

Was wurde in der Vergangenheit versäumt?

Ich habe 2013 hier angefangen. Ich kann mir darüber kein Urteil erlauben. Aber es ist sicher richtig, dass nach der Evaluierung 2006 einige Entscheidungen zu spät getroffen wurden.

Nun haben Sie das Klima- und das Auswandererhaus als Nachbarn. Werden Sie da künftig mithalten können? Mausert sich das DSM auch zu einem Erlebnismuseum?

Nein, definitiv nicht. Wir haben als ein von Bund und Ländern gefördertes Forschungsmuseum der Leibniz-Gemeinschaft einen anderen Status als die beiden anderen privat betriebenen Einrichtungen. Unsere Forschungsobjekte stehen als Originale in der Ausstellung. Dass wir zur Vermittlung auch Neue Medien nutzen, steht auf einem anderen Blatt. Wir wollen und müssen moderne Seh- und Kommunikationsformen berücksichtigen. Wir sind auch kein lineares Museum, durch das man auf einem vorgezeichneten Weg geleitet wird. Bei uns kann man sich selbst seinen Weg suchen, je nachdem wo das Interesse liegt. Mithalten können wir auf jeden Fall, auch heute schon.

In der öffentlichen Wahrnehmung könnte das etwas anders aussehen . . .

Vielleicht vermittelt sich dem Besucher nicht auf Anhieb, dass wir eine Sonderstellung einnehmen. Unsere Forschungen und damit auch die Ausstellung sind nicht nur für Bremerhaven oder Bremen relevant, sondern national bedeutsam. Deshalb werden wir vom Bund mitfinanziert. Wie arbeiten daran, dass das DSM in der zukünftigen Ausstellung auch als Schaufenster der schiffsbasierten Meereswissenschaften wahrgenommen wird, zumal sich die wissenschaftlichen Einrichtungen im Land Bremen hervorragend ergänzen: Wir arbeiten historisch und vernetzen uns mit anderen Wissenschaftlern, die zukunftsorientiert arbeiten. Genau das wird in unserer neuen Ausstellung „Mensch und Meer“ eine große Rolle spielen: Der Besucher soll Antworten auf seine Fragen bekommen und einen Bezug zu seiner Lebenswirklichkeit herstellen können.

Fühlen Sie sich mit Ihrem besonderen Status von Land und Stadt Bremerhaven genug gewürdigt?

Es ist bemerkenswert, in heutigen Zeiten 42 Millionen Euro zur Verfügung gestellt zu bekommen. Das gilt auch für den bremischen Anteil und den Bremerhavens. Das ist schon eine Würdigung für sich.

Auch wenn sie bei einem Forschungsmuseum weniger im Fokus stehen – wie entwickeln sich die Besucherzahlen?

Sie sind gestiegen, und das freut uns natürlich. 2014 kamen mehr als 90 000 Besucher zu uns, mehr als im Jahr zuvor, und in diesem Jahr waren es bislang rund 74 000, was auch an der Sail liegt, von der wir sehr profitiert haben. Ich hoffe, dass die Zahlen weiter steigen. Ich hätte nichts dagegen, wenn wir mit unserer Neuaufstellung auf eine sechsstellige Zahl kommen.

Lassen Sie uns noch einen Blick auf die Besucherurteile in einem einschlägigen Internet-Portal werfen. Das DSM schneidet hervorragend ab, aber es gibt auch Kritik. „Verstaubt“ und „Vitrinenmuseum“ haben wir schon besprochen. Es gibt noch mehr. Zum Beispiel: „Vieles hat nicht funktioniert“ . . .

Wir sind jetzt in einer Umbruchphase, da können wir die Besucher nur um Verständnis bitten und in Aussicht stellen, dass hier nach und nach Neues zu sehen ist.

Kritisiert wird auch die bescheidene Anzahl multimedialer Objekte.

Das wird sich definitiv ändern – schon jetzt gibt es in der Sonderausstellung viel mehr digital zu sehen und zu hören als zuvor.

Hinterlassen wurde ferner, das DSM sei nur „for the Germans“, weil es zu wenig englische Übersetzungen gibt.

Auch daran arbeiten wir – die Sonderausstellung ist dreisprachig: Deutsch, Englisch, Leichte Sprache. In der neuen Dauerausstellung wird alles übersetzt sein, das gehört in einem Forschungsmuseum zum Standard.

Wie geht es nach 2020 weiter? Vor einiger Zeit war schon einmal von einer Erweiterung und Investitionen von insgesamt 100 Millionen Euro die Rede . . .

Wir sprechen jetzt über den ersten Bauabschnitt. Wenn wir gut sind und beweisen, dass wir das Geld verantwortungsbewusst und im Sinne des Erfolgs für die Öffentlichkeit ausgegeben haben, gibt es – so es die Kassenlage denn zulässt – hoffentlich mehr. So sehe ich das.

Das Gespräch führte Silke Hellwig

Zur Person: Professorin Sunhild Kleingärtner (40) hat Vor- und Frühgeschichte, Kunstgeschichte und Klassische Archäologie in Kiel studiert. Seit 2013 ist sie Direktorin des Schiffahrtsmuseums, zuvor war sie am Institut für historische Küstenforschung beschäftigt.

Das Geburtstagsprogramm:

Anlässlich seines 40-jährigen Bestehens lädt das Schifffahrtsmuseum zum Feiern ein: Am Sonnabend, 5. September, ist ab 19 Uhr die Sonderausstellung zu besichtigen, es gibt Live-Musik, Speisen, Getränke und ab etwa 21.30 Uhr ein Feuerwerk. Am Sonntag, 6. September, ist von 10 bis 18 Uhr Familientag, mit Zauber-Show, Bastelstation, Piratenhüpfburg und anderen altersgerechten Belustigungen, bei freiem Eintritt.

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