Spuren ins Damals Ausgrabungen in Bremen-Huchting

In Huchting graben Archäologen und ihre Helfer Bremens die bislang wohl älteste und größte Siedlung aus.
02.04.2017, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Ausgrabungen in Bremen-Huchting
Von Nico Schnurr

In Huchting graben Archäologen und ihre Helfer Bremens die bislang wohl älteste und größte Siedlung aus.

Wolf Hattermann spricht in seiner Freizeit mit Toten. Am liebsten mit solchen, die schon ein paar Jahrtausende tot sind. Genau genommen, sind es die Toten, die zu ihm sprechen. Zumindest hofft Hattermann das. Deshalb wühlt und kratzt er sich stundenlang durch Sand, Matsch und lehmigen Boden, freiwillig, seit über einer Woche schon. Denn wo Hattermann gräbt, an der Obervielander Straße in Huchting, stehen die Chancen momentan ziemlich gut, „dass die Menschen erzählen, wie es so war, vor knapp 3000 Jahren im heutigen Bremen zu leben“.

„Ich fühle mich ein bisschen wie eine Zeitreisende."

Hattermann braucht dafür nicht wirklich mit den Toten zu sprechen, natürlich nicht. Ihm genügt, was sie hinterlassen haben. Wenn Hattermann durch die Erde pflügt und dabei Knochen und Keramik findet, dann ist das für ihn, „als wenn da Menschen aus ihrer Zeit, aus ihrem Alltag, berichten“. Seit sechs Jahren schon furcht und buddelt Hattermann sich ehrenamtlich für die Landesarchäologie durch Bremens Böden. Er ist es gewohnt, Bremens Geschichte in den Händen zu halten. „Diesmal aber ist das schon etwas Besonderes“, sagt er.

Selten hat die Landesarchäologie in Bremen ältere Funde gemacht. Was sich im Huchtinger Boden verbirgt, stammt teilweise aus dem achten Jahrhundert vor Christus, ist rund 2800 Jahre alt. Dabei ist es nicht nur ihr Alter, sondern auch die Art der Funde, die sie so besonders macht. Die Archäologen und ihre Helfer haben in den vergangenen Tagen Grundrisse von Häusern ausgegraben, aber auch Holzbrunnen und Bewässerungsgräben, Tierknochen und -Gebisse, Scherben von Krügen und Werkzeugen. Eine so alte und große Siedlung war in Bremen bislang nicht bekannt. Über tausend Jahre lang dürfte das Areal bewohnt gewesen sein – von der späten Bronzezeit bis zur Völkerwanderungszeit, 450 bis 500 Jahre nach Christus.

„In Huchting war mal richtig was los“, sagt Dieter Bischop. Der Archäologe glaubt, dass der Stadtteil „eines der Zentren der Region“ gewesen sein könnte. Also dort, wo heute Bremens Innenstadt liegt, bloß einige wenige Höfe standen, pulsierte in Huchting bereits das Leben in weitaus größerer Gemeinschaft. Zeitweise dürften bis zu mehrere hundert Menschen entlang der Obervielander Straße gelebt haben, glaubt Bischop. Schon Ende der 1970er Jahre waren Archäologen unweit der aktuellen Ausgrabungen auf vorgeschichtliche Grabgefäße gestoßen, die einen Jahrtausende alten Friedhof vermuten lassen. „Was wir jetzt finden, bestätigt viele der bisherigen Vermutungen“, sagt Bischop.

Wenn der Forscher über das Huchting von vor knapp 3000 Jahren spricht, dann zeichnet er das Bild eines florierenden Ortes, durchzogen von kleinen Nebenflüssen der Weser, so etwas wie die Lebensader der Siedlung. „Das Land war fruchtbar, der Ackerbau ertragreich, und mit ihren Bewässerungssystemen und Brunnen wussten die Menschen das zu nutzen.“ Bischop glaubt, das Volk der Sachsen, die damals in Huchting lebten, sei zu einem gewissen Wohlstand gekommen. „Huchting war alles andere als ein armer Ort“, sagt der Archäologe. „Große, repräsentative Bauten“ hätten die Siedlung geschmückt. Dabei lebten die Sachsen weitgehend autark in einer Art dörflichen Gemeinschaft. Eliten hätten sich herausgebildet, die Huchtinger Gesellschaft sei hierarchisch strukturiert gewesen.

„Das waren keine verrückten Kannibalen“, sagt Bischop. „Die Menschen haben auch schon vor knapp 3000 Jahren miteinander gelebt.“ Die Sachsen betrieben Landwirtschaft, hielten Schweine, Rinder und Pferde, waren aber auch begabte Handwerker, sponnen ihre Kleidung und trieben Handel in Huchting. All das belegen die aktuellen Funde, mehr noch: Sie dokumentieren auch den späteren Untergang der Siedlung. Sie geben einen Einblick in die Zeit vor rund 1500 Jahren, als der Grundwasserspiegel der Weser stieg, das Land zu feucht und der Ackerbau unmöglich wurde. Als die Sachsen in Hungersnot gerieten und aus Huchting flohen, viele von ihnen nach Großbritannien.

„Als wenn da Menschen aus ihrer Zeit, aus ihrem Alltag, berichten.“

Wenn Wolf Hattermann nun in diesen Tagen durch den Sand kriecht und sich stundenlang durch die Huchtinger Erde schaufelt, um ab und an mal eine Scherbe aus dem Boden zu schälen, dann kann er sich „sehr stark reinsteigern in die Zeit damals“. Für manche Menschen seien das bloß staubige Scherben, alter, bedeutungsloser Dreck. Für ihn aber sei so eine Scherbe „wie eine Zeitkapsel aus dem Damals“. Manchmal, wenn er vom vielen Graben in einen fast meditativen Zustand gleitet und die Gedanken schweifen lässt, denkt sich Hattermann: „Wie gerne würde ich mal in diese Zeit verschwinden.“

Huchting ist nicht Luxor, klar, „ein bisschen wie eine Zeitreisende“ fühlt sich Else Wichmann-Borchert trotzdem. Die Bremerin hat Ägyptologie studiert, später hat sie ihren Job in der Tourismusbranche mit dem Hobby verbunden. Immer wieder reiste sie zu Ausgrabungen nach Ägypten. Sie half, Felsengräber und die Sphinx-Allee zwischen Luxor und Karnak freizuschaufeln. Seit inzwischen neun Jahren buddelt sie auch in Bremen, genau wie Hattermann macht sie das ehrenamtlich.

Sie sei gerne „Entdeckerin“, sagt Wichmann-Borchert. Für die Ausgrabungen in Huchting hat sie sich durch mehrere Jahrtausende Bremer Geschichte gewälzt. „Ich möchte doch vorbereitet sein, wenn ich meine eigene Geschichte so nah miterleben kann“, erklärt die Bremerin. Sie wisse diese Möglichkeit sehr zu schätzen – „denn das ist eine einmalige Chance, ein einmaliger Blick zurück“.

Wichmann-Borchert meint das durchaus wörtlich. Nur noch ein paar letzte Tage bleiben der Landesarchäologie an der Obervielanderstraße. Die Bauarbeiten für das Übergangswohnheim für Geflüchtete nebenan müssen weitergehen. „Wir sammeln momentan die letzten historischen Informationen von diesem Fleck in Bremen“, sagt Archäologe Bischop. „Nach der Bebauung ist das Gedächtnis des Bodens gelöscht, die Spuren ins Damals für immer verwischt.“ Vergessen aber werden sie sicher nicht, die Spuren ins Damals. Dafür werden Else Wichmann-Borchert und Wolf Hattermann schon sorgen. Die Toten haben ihnen ja berichtet.

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