Hygiene-Skandal am Klinikum Bremen-Mitte Ausschuss will Diethelm Hansen befragen

Bremen. Die Todesursache der beiden auf der Frühchenstation Klinikum Bremen-Mitte verstorbenen Babys ist weiterhin unklar. Unterdessen will der Untersuchungsausschuss den freigestellten Geno-Geschäftsführer Diethelm Hansen befragen.
02.03.2012, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Ausschuss will Diethelm Hansen befragen
Von Sabine Doll

Bremen. Die Todesursache der beiden Babys, die Anfang der Woche auf der Frühchenstation im Klinikum Bremen-Mitte gestorben waren, ist weiterhin unklar. Die Staatsanwaltschaft Bremen rechnet im Laufe der nächsten Wochen mit Ergebnissen. Unterdessen will der Untersuchungsausschuss den freigestellten Geno-Geschäftsführer Diethelm Hansen befragen.

"Der Ausschuss hat heute beschlossen, die Beweisaufnahme nächste Woche wie geplant fortzusetzen. Als Vorsitzende werde ich mich aber angesichts der aktuellen Ereignisse schriftlich an die zuständigen Stellen wenden und die unverzügliche Übersendung sämtlicher Akten und Untersuchungsergebnisse anfordern." Mit diesen Worten verkündete die Vorsitzende des Untersuchungsausschusses "Krankenhauskeime", Antje Grotheer (SPD), gestern den einstimmigen Beschluss des parlamentarischen Gremiums. Wegen der neuen Entwicklung gebe es ein gesteigertes Interesse der Öffentlichkeit an Aufklärung.

Die neue Entwicklung besteht aus zwei weiteren Todesfällen auf der Frühchen-Intensivstation, auf der bereits im vergangenen Jahr drei Kinder an einem gefährlichen Darmkeim gestorbenen waren. Die Station wurde anschließend geschlossen, umgebaut und unter Aufsicht von Hygiene-Spezialisten umfassend desinfiziert. Allerdings ohne Erfolg: In der vergangenen Woche ist der identische Klebsiella-Keim erneut bei drei Frühchen aufgetaucht. In dieser Woche überschlugen sich dann die Ereignisse: Am Dienstag wurde bekannt, dass eben dieser Keimstamm bereits in einer 2009 entnommenen Probe nachgewiesen werden konnte. Sie war jetzt im Kühlschrank des zuständigen Hygiene-Instituts an dem Klinikum entdeckt worden. Darüber hinaus sind auch Akten - ebenfalls aus dem Jahr 2009 - aufgetaucht, aus denen nach Informationen der Gesundheitsbehörde weitere Keimbefunde auf der Station hervorgehen. Um wie viele Fälle es sich dabei handelt, ist noch unklar.

Der Untersuchungsausschuss will nun aufklären, warum diese Akten mit den Keimbefunden aus dem Jahr 2009 sowie die zufällig entdeckte Probe erst jetzt aufgetaucht sind und untersucht wurden. Ob die Unterlagen absichtlich zurückgehalten wurden, dazu könne man jetzt noch nichts sagen, hieß es gestern. Der zuständige Hygiene-Chef ist inzwischen ebenfalls von seiner Aufgabe freigestellt. "Es macht immer einen schlechten Eindruck, wenn eine Institution Akten zurückhält. Das nährt natürlich Verdachtsmomente", sagte gestern der stellvertretende Ausschuss-Vorsitzende Björn Fecker (Grüne). Die Fülle der Fragen, denen sich Ex-Geno-Chef Hansen am Donnerstag stellen müsse, sei damit noch einmal deutlich gestiegen. Der Grünen-Obmann fordert zudem vom Senat, dass der die Übersendung aller notwendigen Akten in Zukunft gewährleistet.

Vom Wechsel in der Geschäftsführung der Gesundheit Nord erwartet Fecker, "dass sich auch die Unternehmensphilosophie ändert und die Verantwortlichen künftig maßgeblich zur Aufklärung beitragen". Die drei Geschäftsführer des Klinikums Mitte, Brigitte Kuss, Daniela Wendorff und Robert Pfeiffer hatten ihre Aussagen im Ausschuss zu großen Teilen verweigert.

Rainer Bensch von der CDU hat nach eigenen Angaben bereits "weit mehr als 200 Fragen" aufgelistet, die er Hansen in der kommenden Woche stellen will. Ob der ehemalige Geschäftsführer diese beantworten wird, ist aber unklar. Wie die anderen bislang gehörten Geno-Mitarbeiter kann auch er von seinem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch machen. Dass plötzlich Akten über frühere Keimbefunde aufgetaucht sind, die dem Untersuchungsausschuss bislang nicht zur Verfügung standen, bezeichnete Bensch als einen "Skandal im Klinik-Skandal". "Es erschüttert mich zutiefst, dass ein parlamentarisches Gremium von hohem Verfassungsrang schlicht mit Füßen getreten wird", betonte der CDU-Politiker.

Von Gesundheitssenatorin Renate Jürgens-Pieper (SPD), die gleichzeitig Aufsichtsratsvorsitzende des Klinikverbundes ist, forderte er dabei Unterstützung. "Wir erwarten, dass sie in ihrer Rolle dazu beitragen wird, dass alle Zeugen, die wir noch vernehmen werden, mit maximaler Transparenz statt mit maximaler Blockade-Haltung zur Aufklärung beitragen."

Die Linke setzt sich dafür ein, dass auch andere Stationen im Klinikum Mitte in die Untersuchung einbezogen werden. Es müsse davon ausgegangen werden, dass auch außerhalb der Neonatologie Klebsiellen-Befunde zu finden seien, sagte Claudia Bernhard. Die bisherige Zusammenarbeit der Geno mit dem Untersuchungsausschauss bewertet sie als "unterdurchschnittlich". "Man hat überhaupt nicht den Eindruck, dass hier Interesse an Aufklärung gezeigt wird." Dass noch weitere ältere Akten mit früheren Keimbefunden auftauchen, hält sie nicht für ausgeschlossen.

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