Die Dokumentation "Bazar der Geschlechter" von Sudabeh Mortezai beleuchtet die Zeitehe im Iran Außerehelicher Sex mit geistlichem Segen

Ostertor. Vier junge Frauen sitzen in einem Restaurant und kichern. Der Mann am Nachbartisch hat ihre Aufmerksamkeit erregt und sie machen sich über ihn lustig. Das könnte eine Szene aus jedem Lokal fast überall auf der Welt sein. Zu sehen ist sie in dem Dokumentarfilm "Bazar der Geschlechter" von Sudabeh Mortezai über Zeitehen im Iran. Die Filmemacherin war bei der ersten Aufführung im Cinema im Ostertor dabei.
15.08.2011, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Liane Janz

Ostertor. Vier junge Frauen sitzen in einem Restaurant und kichern. Der Mann am Nachbartisch hat ihre Aufmerksamkeit erregt und sie machen sich über ihn lustig. Das könnte eine Szene aus jedem Lokal fast überall auf der Welt sein. Zu sehen ist sie in dem Dokumentarfilm "Bazar der Geschlechter" von Sudabeh Mortezai über Zeitehen im Iran. Die Filmemacherin war bei der ersten Aufführung im Cinema im Ostertor dabei.

Der Mann am Nachbartisch ist ein Geistlicher. Die Frauen zeigen keinerlei Unterwürfigkeit. Der Film der iranischen Filmemacherin, die seit ihrem zwölften Lebensjahr in Österreich lebt, zeigt dem Zuschauer zwei Gesichter des Iran: Zum einen gehen vor allem geschiedene oder verwitwete Frauen und alleinstehende Männer mittleren Alters mit der Zeitehe einer archaischen Tradition nach. Andererseits treten die Frauen selbstbewusst auf und haben mehr mit den westlichen Frauen gemeinsam als mit den iranischen Frauen, wie sie noch im Roman "Nicht ohne meine Tochter" beschrieben wurden.

Die Szene im Restaurant ist die Schlussszene des Films. Sie soll den Bogen zur Anfangsszene spannen, in der erklärt wird, wie die Zeitehe entstand. Vor mehr als 1400 Jahren gestattete Mohammed seinen Soldaten die Ehe auf Zeit mit Frauen, die sie auf ihren Kriegszügen kennenlernten, einzugehen. Sie durften mit den Frauen zusammen sein, wenn sie ihnen ihre Leistungen gebührend bezahlten. Im Prinzip soll diese Eheform also sexuelle Kontakte außerhalb der "richtigen" Ehe legitimieren.

Im "Bazar der Geschlechter" kommen verschiedene Mullahs und ein Ayatollah zu Wort. Damit eine Zeitehe rechtskräftig ist, muss sie von einem von ihnen bewilligt werden. Wenn ein Mann eine Zeitehe mit einer Frau eingehen will, muss er dafür bezahlen. Der Betrag und die Dauer der Ehe werden zuvor von beiden festgelegt.

Für die Geistlichen ist diese Form der Ehe eine Möglichkeit, der Prostitution entgegen zu wirken, obwohl letztendlich genau das stattfindet. Sie sind überzeugt von der Zeitehe, auch weil sie den Partnern die Möglichkeit gibt, für die richtige Ehe zu "üben".

Geht ein Mann allerdings eine Zeitehe mit einer Jungfrau ein, muss sie auch danach noch unberührt sein. "Penetration darf nicht stattfinden", sagt ein Mullah im Film. Überhaupt sprechen gerade die Geistlichen sehr offen und scheinbar weltgewandt über Sexualität. Für sie scheint sie der einzige Grund für eine Zeitehe zu sein. In der Realität hat die Zeitehe mit sexueller Freiheit wenig zu tun. Ein Taxifahrer, den die Filmcrew begleitet, schildert Probleme bei der Wohnungssuche, weil er alleinstehend ist. Die Vermieter wollen immer erst eine Heiratsurkunde sehen, auch wenn sie eine Zeitehe bescheinigt.

Vor allem Frauen gehen eine Zeitehe aus ökonomischen Gründen ein. Mit dem Geld des Zeitehemanns können sie beispielsweise die Miete zahlen. Sudabeh Mortezai porträtiert solche Frauen. Sie sind nicht sehr gebildet und arbeitslos. Es gibt zwar Wohlfahrtsverbände, bei denen sie Hilfe finden könnten. Doch der Mullah, bei dem sie im Film deswegen vorstellig werden, will sie einigen Männern auf dem Bazar anbieten. "Im Grunde ist er ein Zuhälter", kommentierte die Filmemacherin. Ein Dilemma, in dem sich gebildete, berufstätige Frauen nicht befinden. Sie verdienen eigenes Geld und sind unabhängig.

Drei Jahre hat die Filmemacherin Mortezai an ihrem Dokumentarfilm gearbeitet, allein ein Jahr benötigte sie, um die Protagonisten zu finden. "Die Menschen geben nicht gern zu, dass sie Zeitehen eingehen. Die Familie und die Nachbarn könnten sie schneiden, weil die Zeitehe gesellschaftlich tabuisiert ist", fährt sie fort. Eine Protagonistin sagt im Film auch, dass außer ihrer Tochter niemand wissen darf, dass sie in einer Zeitehe lebt.

"Ich habe sie dann gefragt, ob ich sie aus dem Film herausschneiden soll. Aber alle Frauen standen auch, als die Kamera aus war, zu dem, was sie gesagt haben", erzählte Sudabeh Mortezai. Für die Frauen schien es eine Art der Befreiung gewesen zu sein, sich öffentlich zu äußern, auch wenn es unwahrscheinlich ist, dass der Film im Iran gezeigt wird.

Auch wenn sie sich auf die Zeitehe einlassen, stehen alle porträtierten Frauen ihr kritisch gegenüber. "Polygamie und Zeitehe sind auch die einzigen beiden Dinge, die alle feministischen Bewegungen im Iran geschlossen ablehnen", sagte Sudabeh Mortezai im Cinema Ostertor.

Sie wollte einen Film mit greifbaren Protagonisten machen, keinen reinen Interviewstreifen. Und sie wollte einen Film über Geschlechterpolitik produzieren, der die Doppelmoral und die Heuchelei der Zeitehe zeigt. Und das ist ihr gelungen.

Den Film "Bazar der Geschlechter" zeigt das Cinema Ostertor, Ostertorsteinweg 105, noch einmal am Dienstag, 16. August, um 17 Uhr. Weitere Vorführungen können unter Telefon 700914 erfragt werden.

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