Ausstellung Baumwolle unter der Lupe

Was haben Trabi-Türen und Geldscheine mit Baumwolle zu tun? Dieser Frage geht eine Sonderausstellung im Bremer Überseemuseum nach und wirft einen Blick auf die Kulturgeschichte der Pflanze und ihrer Fasern.
29.09.2022, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Baumwolle unter der Lupe
Von Lucas Brüggemann

Schon der erste Raum fällt auf: Knallrote Wände und Schaukästen in der gleichen Farbe empfangen den Besucher der Ausstellung "100% Baumwolle" im Bremer Überseemuseum. Die monochrome Gestaltung des Raumes habe schon fast ein wenig Clubcharakter, findet Kuratorin Ina Schenker. "Wir brechen hier mit der klassischen Ästhetik einer Ausstellung", sagt sie. Auch die Wände in den anderen Räumen knallen mit ihrem leuchtenden Gelb und einem kräftigen Indigoblau. Das Rot und Gelb sei an den Farben der Baumwollblüte, das Blau an die Farbe, mit der Baumwollstoffe früher gefärbt wurden, angelehnt, erklärt Schenker.

Die Ausstellung im Überseemuseum schlägt einen Bogen über die 5000 Jahre alte Kulturgeschichte der Baumwolle. Circa 50 Ausstellungsstücke stammen aus dem eigenen Bestand. Bereits die roten Schaukästen zeigen, in welchen Dingen Baumwolle enthalten ist. Neben Tampons, sind auch Exponate zu sehen, die auf den ersten Blick nicht viel mit Baumwolle zu tun zu haben scheinen. So ist auch eine Tür eines Trabant, des kultigen DDR-Autos, zu sehen, denn das Auto wurde aus einer Mischung aus Kunstharz und Baumwolle hergestellt. "Da war die DDR ganz weit vorn in der Forschung", erklärt die Ausstellungskuratorin.

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Aber auch Geldscheine werden ausgestellt. Würden Banknoten nur auf Papier gedruckt, würden sie sich schneller abnutzen, sagt Schenker. Deshalb werden sie auf ein Baumwollgemisch gedruckt. "Die Europäische Union ist bei den Euro-Scheinen sehr hinterher, dass nur Bio-Baumwolle und -reste benutzt werden." Das Thema der Ausstellung findet sich auch in der Gestaltung des Infomaterials wieder. So seien die Begleittexte auf speziellem Papier aus Trocknerflusen gedruckt. "Jede Rolle sieht anders aus, abhängig von den getrockneten Kleidungsstücken", erklärt Schenker. Außerdem werden CT-Scans von Baumwollfasern als Projektionen an die Wände geworfen.

Die Ausstellung soll einen ganzheitlichen Blick auf das Thema Baumwolle werfen und nicht nur die Problematik der Modebranche in den Fokus rücken. "Was die problembehafteten Themen wie Wasserverbrauch und Arbeitsbedingungen angeht, wollen wir zeigen, dass Menschen an Lösungen arbeiten", erläutert Schenker. Deshalb stehe man auch in Kontakt zu einem israelischen Forscher, der ein spezielles Bewässerungsverfahren entwickelt habe, damit im heißen Mittelmeerstaat Baumwolle möglichst wassersparend angebaut werden könne. "Etwa 20 Liter reichen, um ein Saatkorn bis zur Blüte zu bewässern."

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"100% Baumwolle" nimmt außerdem auch Bremens Verbindung zur Pflanze und seinen Fasern in den Blick. Anlass sei das 150-jährige Bestehen der Bremer Baumwollbörse, die über großes Wissen auf diesem Gebiet verfüge. "Die Kooperation war sehr hilfreich", sagt Kuratorin Schenker. Man wolle sich dem Thema aber auch kritisch nähern, auch die dunklen Kapitel ansprechen. "Bremens Reichtum aus der Baumwolle stammt aus dem Sklavensystem", macht Schenker klar. Die Schau im Überseemuseum solle auch ein Bewusstsein schaffen, dass beispielsweise der strukturelle Rassismus, den es noch heute in den USA gebe, seine Wurzeln in der Baumwollindustrie habe.

Zur Sache

36. "International Cotton Conferenz" am 29. und 30. September

Unter dem Motto "Cotton Decoded" - also "Baumwolle aufgeschlüsselt" - treffen sich am 29. und 30. September die Teilnehmer der 36. "International Cotton Conferenz" in Bremen. Organisatoren sind die Bremer Baumwollbörse und das Faserinstitut Bremen. Im Zentrum der Tagung stehen Fragen nach Methoden der Rückverfolgbarkeit und Lieferkettentransparenz sowie die Möglichkeiten der Qualitätsbeurteilung von Baumwollfasern. Hintergrund ist, dass die Europäische Union durch das geplante Lieferkettengesetzt Textilunternehmen in die Pflicht nehmen will, was ein Umdenken im Lieferkettenmanagement erfordere, wie die Baumwollbörse in einer Pressemitteilung schreibt. Zudem stellten "Fast Fashion", frühere Zykluszeiten der Bekleidungs- und Textilindustrie und die Forderungen nach Transparenz und mehr Nachhaltigkeit weitere Herausforderungen dar. 

Die Konferenz bildet einen Teil der Jubiläumsfeiern zum 150-jährigen Bestehen der Bremer Baumwollbörse, die durch ihre Expertise seit 1872 eine Rolle im weltweiten Baumwollhandel spielt.

Info

Die Ausstellung "100% Baumwolle" ist vom 1. Oktober bis zum 11. April 2023 im Bremer Überseemuseum zu sehen.

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