Sabine Lewandowski präsentiert in Tobias-Schule Fotografien ihrer Schwester – mit provokanten Texten anbei

Ausstellung mit Kontroversen

Sabine Lewandowski hat einen besonderen Ort für die Ausstellung ihrer Bachelor-Arbeit mit dem Titel „Hundertdreiundvierzig Zentimeter“ gewählt. Es ist die Tobias-Schule in Oberneuland, eine heilpädagogische Einrichtung. Nachhaltigen Eindruck machten die Fotografien, die sie von ihrer Schwester gemacht hat. Marina, hundertdreiundvierzig Zentimeter groß, hat das Downsyndrom. Entstanden ist eine Ausstellung, die zum Nachdenken anregt – weniger der Bilder wegen, als vielmehr wegen der Texttafeln.
23.10.2014, 00:00
Lesedauer: 2 Min
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Von Christiane Tietjen

Sabine Lewandowski hat einen besonderen Ort für die Ausstellung ihrer Bachelor-Arbeit mit dem Titel „Hundertdreiundvierzig Zentimeter“ gewählt. Es ist die Tobias-Schule in Oberneuland, eine heilpädagogische Einrichtung. Nachhaltigen Eindruck machten die Fotografien, die sie von ihrer Schwester gemacht hat. Marina, hundertdreiundvierzig Zentimeter groß, hat das Downsyndrom. Entstanden ist eine Ausstellung, die zum Nachdenken anregt – weniger der Bilder wegen, als vielmehr wegen der Texttafeln.

Zärtlichkeit strahlen die schwarz-weißen Fotos von Sabine Lewandowski aus. Der Charme, den ihre Schwester Marina hat, ist von ganz besonderer Art. Sie scheint immer ganz bei sich zu sein, im Moment, ob sie sich schminkt, telefoniert oder, von oben betrachtet, im Bett sich an ein Paar Männerwaden schmiegt, die langen, glatten Haare auf dem Kissen ausgebreitet.

Es ist völlig klar: Sabine Lewandowski mag jeden dieser hundertdreiundvierzig Zentimeter, die ihre Schwester misst. Wenn da nicht diese Tafeln mit Text wären, auf denen Zitate stehen wie: „Ich hasse Menschen mit Trisomie 21. Die sehen alle gleich aus und sind nicht lebensfähig.“ Oder das eines Arztes: „Treib es ab und versuch es noch mal. Es wäre unmoralisch, es in die Welt zu setzen, wenn du eine Wahl hast.“ Diese Aussagen charakterisieren kontroverse Meinungen in einer Gesellschaft, in der es sehr einfach geworden ist, nach einer vorgeburtlichen Diagnose den Schwangerschaftsabbruch durchzuführen. Lewandowski plädiert mit ihren Bildern eindeutig für die Annahme geistig behinderten Lebens. So, wie man von der eigenen Schönheit, die von ihnen ausgeht, berührt ist, so hart und unmenschlich wirken die Statements auf den Texttafeln, die die Bilder ergänzen. Ganz bewusst hat die Fotografin beides gegeneinandergesetzt. Das führt auch zu manchen Gesprächen unter den Ausstellungsbesuchern, einige von ihnen haben ebenfalls Kinder mit Downsyndrom Der Grundton der Aussagen der Besucher war positiv, das war deutlich herauszuhören.

Kunst, die Stellung bezieht

Sabine Lewandowski hat ihre Prüfung bestanden, wie ihr die Kommission der Hochschule für Künste vor der Ausstellungseröffnung bestätigte. Einen schöneren Ort als die Orangerie der Tobias-Schule hätte man sich nicht vorstellen können. Mit ihren großen Glasflächen, an denen buntes Herbstlaub emporrankte, gab es Weite und Luftigkeit, um dieses schwere Thema auf sich wirken zu lassen.

Dieter von Glahn, Schulleiter der Tobias-Schule, war sofort bereit, den Raum für die Ausstellung zur Verfügung zu stellen, leider war das nur für wenige Tage möglich. Zu sehen war Kunst, die Stellung bezieht und doch den Betrachter frei ließ, sich eine eigene Meinung zu bilden.

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