Erkrankte und ihre Angehörigen können im Bamberger-Haus künstlerisch arbeiten Auszeit von der Demenz

Altstadt. Im Bamberger-Haus treffen sich jeden Monat Demenzerkrankte und ihre Angehörigen, um mit Ute Duwensee, einer Kunsttherapeutin der Heimstiftung, und der Künstlerin Ulrike Schulte gemeinsam zu zeichnen und zu malen. In solchen Stunden heben sich die Rollen der Betroffenen und der Angehörigen auf. Niemand muss sich für andere verantwortlich fühlen. Alle können eine Darstellungsform wählen und ihr nachgehen, sich konzentrieren oder auch an anderen orientieren.
16.05.2011, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Edwin Platt

Altstadt. Im Bamberger-Haus treffen sich jeden Monat Demenzerkrankte und ihre Angehörigen, um mit Ute Duwensee, einer Kunsttherapeutin der Heimstiftung, und der Künstlerin Ulrike Schulte gemeinsam zu zeichnen und zu malen. In solchen Stunden heben sich die Rollen der Betroffenen und der Angehörigen auf. Niemand muss sich für andere verantwortlich fühlen. Alle können eine Darstellungsform wählen und ihr nachgehen, sich konzentrieren oder auch an anderen orientieren.

Die Stimmung ist gut. Das liegt auch an dem Gefühl der Freiheit, das sich einstellt, wenn die Demenz sozusagen mit der Garderobe abgegeben worden ist. Die Krankheit ist in dieser Runde nicht wichtig, in dem Kursus "Die Kunst zu leben", der zur Reihe "Aktiv mit Demenz" gehört.

Freiräume für Angehörige

Wo an Demenz Erkrankte mit Angehörigen zusammenleben, entsteht ein starkes Abhängigkeitsverhältnis und eine hohe Verantwortlichkeit. Daher häufen sich Konflikte, die die Dementen nicht lösen können, weil ihre Wahrnehmung eingeschränkt ist und weil sie einige andere Fähigkeiten eingebüßt haben. In den Stunden im Bamberger-Haus sollen die Angehörigen Freiräume und die Erkrankten Lebensqualität gewinnen.

Wera N. sitzt vor ihrem Blatt, auf dem sie mit Aquarellfarben ein Stillleben aus Früchten gemalt hat, ähnlich der Anordnung auf dem Tisch. Sie malt das erste Mal mit Aquarellfarben und probiert die Eigenschaften der Farben aus. Wera N. ist nicht recht zufrieden mit den verschwimmenden Konturen.

Die studierte Modegrafikerin, Germanistin und Lehrerin ist vom Modezeichnen her die "harte Linie" gewohnt und findet Früchte und Stillleben etwas leblos. Wera N., Jahrgang 1933, lebt in der Stiftungsresidenz in Schwachhausen. Sie hatte zwei Schlaganfälle, gab daraufhin ihren Führerschein ab und zog in die Nähe ihres Sohnes. Ihre Einschränkungen sind nicht stark ausgeprägt. Sie liest, interessiert sich für Politik und hat viel Freude an der Geselligkeit im Kursus. Ilse H. hat das Stillleben mit Früchten, das Thema des heutigen Tages, mit Bleistiften besonders detailreich und blattfüllend auf den DIN A3-Bogen gebracht. Zu Hause malt sie mit Acryl und hat sich Malkenntnisse in der VHS und der Kunsthalle angeeignet. Sie wohnt mit ihrem Mann in der Heimstiftung bei der Feuerwache in Gröpelingen.

Ihr Mann Rolf H. hat seit seiner frühen Jugend nicht mehr gemalt und hat nun mit Wachskreiden rote und gelbe Tulpen zu Papier gebracht. "Die Gelben sind frisch" und gerade, "die Roten sind etwas welk", sagt er, sie neigen ihre Blüte. Rolf H. hat Demenz. Eine kelchige Vase, ein eckiger Tisch, eine weitere Vase am Boden und ein Bild an der Wand sind in dem von ihm dargestellten Zimmer zu sehen. Nach und nach hat er zu den Tulpen etwas dazu gemalt. "Jetzt bin ich fertig", sagt er, und auf die Frage hin, ob er einen Garten hatte, strahlt er. "Das ist zu viel Arbeit jetzt." So einen eckigen Tisch hat er zu Hause. Zu dem Bild an der Wand wurde er von einer Postkarte inspiriert, die auf dem Maltisch steht. Die Darstellung einer Frau von Paula Modersohn-Becker. Die Frisur wollte nicht gelingen, da hat er einen Hut daraus gemacht und dem Gesicht einen Bart verpasst.

Führungen durch die Ausstellung in der Böttcherstraße werden ergänzend zum Malkursus in dem Programm "Aktiv mit Demenz" angeboten. Ilse und Rolf H. malen an ihren Bildern. Beide sind auf ihre Arbeit konzentriert, in ihr versunken, manchmal schauen sie sich an, was die anderen machen, und sie haben Freude an dem, was sie selbst tun.

Jutta S. hatte nicht gesprochen, als sie das erste Mal dabei war. Sie kommt mit ihrer Schwester zusammen zum Kursus. Und die berichtet, dass Jutta zu Hause ihre Malsachen hervorgeholt hat. Heute sitzt Jutta S. vor ihrem Blatt und experimentiert mit Farben: gelbe und rote Tropfen, unregelmäßig aufgebracht, mal dichter, mal verstreut. Ute Duwensee und Ulrike Schulte schauen ihr zu oder setzen sich zu ihr. Diesmal spricht Jutta S. mit ihnen einige Worte. Während ihre Schwester sich intensiv bemüht, die Schattierungen eines weißen Eierbechers mit einem Ei darin, möglichst originalgetreu nachzuempfinden. Jetzt war es wieder zu viel Blau. Ein Mann, dessen Beeinträchtigung unübersehbar ist, hat sich des Themas auf seine sehr eigene Art angenommen. Er schneidet den Apfel kurzerhand in Hälften, isst die eine und malt die andere mit Buntstiften. Erst waren es ihm zu viele Früchte. Später ergänzt er den halben Apfel auf seinem Blatt mit anderen Früchten oder Kugeln und setzt dahinter etwas, das

wie ein Zaun wirkt. Vielleicht hatte auch er einmal einen Garten? Seine Begleitung kommt am Ende des Kurses und hat die Gelegenheit zu einem Bummel durch die Stadt genutzt. Auch das ist drin.

Mit dem Kursus "Die Kunst zu leben" gibt es die Möglichkeit, aus dem Alltag auszuscheren, neue Erfahrungen zu machen, sich zu erinnern, Vergessenes neu zu entdecken, Liebgewonnenes hervorzukramen, kreativ zu sein, Rollen zu verlassen, sich über den Prozess auszutauschen und Anerkennung zu erfahren. Im Kursmittelpunkt steht der Schaffensprozess jedes Einzelnen. Die Demenz darf schweigen. Das wird erfahrbar, wenn man sich in der Runde einfindet. Und es wirkt anhaltend, wenn zu Hause die Malstifte wieder auftauchen oder sich Vorfreude einstellt. Ute Duwensee und Ulrike Schulte haben das Kurskonzept bewusst angenommen, sie möchten den Schaffensprozess begleiten, auf allen Stufen des Könnens.

"Die Kunst zu leben" - Atelierkursus für Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen. Die nächsten Mittwochstermine: 25. Mai und 22. Juni, 14.30 bis 16.30 Uhr, im Bamberger-Haus, Faulenstraße 69, im Atelier der Volkshochschule, Ebene drei, Raum 310. Nähere Informationenen unter Telefon 36112345. Führungen durch die Kunstsammlung Paula Modersohn-Becker in der Böttcherstraße 6 gibt es wieder am Mittwoch, 18. Mai und 15. Juni, von 16.30 bis 18 Uhr. Jede einzelne Teilnahme kostet fünf Euro. Anmeldungen bis 16. Mai unter Telefon 3388222. Die Teilnehmerzahl des Malkurses ist begrenzt.

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