Kommentar über neue Kaufanreize

Immunabwehr der Autokonzerne

Staatliche Anreize zum Kauf neuer Autos können der deutschen Industrie helfen, ihre Innovationsfähigkeit zu bewahren. Doch Prämien alleine reichen nicht, meint Philipp Jaklin.
05.05.2020, 20:03
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Immunabwehr der Autokonzerne
Von Philipp Jaklin
Immunabwehr der Autokonzerne

Am Band mit Maske: Im Stuttgarter Motorenwerk von Mercedes-Benz lief die Produktion Ende April wieder an.

Mercedes-Benz AG/dpa

Die Produktion ist schon wieder angelaufen. Nach wochenlanger Unterbrechung werden bei Daimler in Bremen, in Sindelfingen oder Rastatt wieder Autos gebaut. Doch von Normalität ist die Autoindustrie – wie weite Teile der Wirtschaft – nach wie vor weit entfernt. Und zwar nicht nur, weil Mitarbeiter nun Masken tragen und Abstand halten müssen.

Die Pandemie hat die Fahrzeugproduktion in Europa und den USA um 50 bis 70 Prozent einbrechen lassen. Es sind längst nicht nur die Produktionsausfälle, Schwierigkeiten in der Komponenten-Versorgung und die Hürden strenger Hygienevorschriften in den Fabriken, die den Herstellern zu schaffen machen. Der weltweite Automarkt steckt in einer schweren Krise. Wenn eine Rezession die Wirtschaft erfasst, kaufen die Menschen seltener neue Autos, weil sie vielleicht um ihren Arbeitsplatz bangen. Wenn Urlaubsreisen ausfallen und Beschäftigte von zu Hause aus arbeiten, belastet das die Industrie.

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So manche Autokonzerne sind deutlich besser für diese Krise gewappnet als viele Unternehmen aus anderen Branchen. Trotz erheblicher Investitionen in die Elektromobilität verfügen BMW, Daimler und Co. über vergleichsweise komfortable Liquiditätspolster, mit denen sie einige Zeit überbrücken können. Doch wie lange reichen die Reserven? Manche Experten glauben, dass es spätestens zum Jahresende für viele Hersteller vor allem aus der Zuliefererbranche eng werden könnte, wenn die Nachfrage nicht bald wieder kräftig anzieht. Bei einigen ist die Lage heute schon kritisch.

Deswegen haben mehrere Konzerne Kaufprämien für Neuwagen gefordert – was sich die „Autoländer“ Niedersachsen, Bayern und Baden-Württemberg schnell zu eigen machten. Die Idee ist, möglichst schnell den Absatz anzukurbeln. Der Vorstoß hat alte Gräben wieder aufgerissen: den Konflikt zwischen industrie- und standortpolitischen Interessen auf der einen, verkehrs- und klimapolitischen Zielen auf der anderen Seite. Das alles in einer Branche, die mitten in einer gewaltigen technologischen Transformation steckt.

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Die Abwrackprämie des Jahres 2009 taugt tatsächlich wenig als Vorbild. Viele Verbraucher zogen ihre ohnehin geplanten Neuwagen-Käufe einfach nur vor. Der Anreiz zur Anschaffung besonders emissionsarmer Fahrzeuge war bei dieser Prämie eher gering. Größte Profiteure waren möglicherweise asiatische Konzerne. Doch auch Vorschläge, jetzt lieber Mobilitätsprämien etwa auch für den Kauf einer Monatskarte oder eines Fahrrads auszuzahlen, führen in die Irre. Schließlich geht es um die Frage, wie sich massive Stellenverluste in einer deutschen Schlüsselbranche verhindern lassen.

Und es geht um den Erhalt von technologischem Know-how und Spitzentechnologie am Standort Deutschland. Die Umbrüche in der Automobilbranche sind gerade so gewaltig, dass es unverantwortlich wäre, nicht gegen eine Schwächung der Industrie anzugehen. Die Bundesregierung ist dazu grundsätzlich bereit, wohl auch mit Kaufanreizen. Wobei nun alles auf die Details ankommen wird; denn sinnvoll sind nur solche Anreize, die nicht zu schnell verpuffenden Mitnahmeeffekten führen und gleichzeitig der Industrie dabei helfen, die Entwicklung zukunftsträchtiger und global wettbewerbsfähiger Produkte voranzutreiben.

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Deswegen wird sich jede Kaufprämie daran messen lassen müssen, wie stark diese innovationsfördernde Wirkung ist. Noch zu zaghaft wirkt da der Vorschlag der „Autoländer“, der Staat solle 3000 Euro zahlen für besonders saubere Dieselautos und 4000 Euro für Elektrofahrzeuge, Hybride oder Wasserstoffautos. E-Autos sind bislang ein Nischenmarkt, die Verkaufszahlen mager. Doch langfristig sind die Autohersteller darauf angewiesen, dass ein Durchbruch dieses Geschäfts gelingt. Enorme Anstrengungen haben sie zuletzt schon unternommen, um neue Modelle zu entwickeln und die Produktion anzuschieben. Zugleich muss mehr passieren beim Aufbau und der Förderung von Ladeinfrastruktur. Auch die Pandemie ändert daran nichts: Das Schicksal der Industrie ist eng mit dem Erfolg des E-Autos verknüpft.

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