Sympathische Schilderung der Integration polnischer Arbeiter Autorin Tami Oelfken fast vergessen

VON ULF FIEDLER
03.09.2011, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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VON ULF FIEDLER

Blumenthal. Auf dem evangelisch-reformierten Friedhof zu Blumenthal vollzieht sich 1957 ein eher unauffälliges Ereignis. Angestellte eines Bestattungsinstituts und ein dunkel gekleideter Herr tragen die Urne mit der Asche der Blumenthaler Autorin Tami Oelfken zur letzten Ruhestätte.

Niemand außer einem Neffen begleitet sie auf ihrem letzten Gang - kein Nachbar, kein Freund oder Schriftstellerkollege. Still und ohne dass ihr Heimatort überhaupt Kenntnis davon nimmt wird ihre Urne auf dem Familiengrab beigesetzt.

Marie Wilhelmine Oelfken wird am 25. Juni 1888 in Blumenthal geboren. Ihr Vater als Leitender Angestellter in der Bremer Woll-Kämmerei tätig, zugleich als stellvertretender Bürgermeister, Gemeinderat und Kreisdeputierter ist eine hoch geachtete Persönlichkeit. Die Familie wohnte in der Langen Straße 54/56 - heute Landrat- Christians-Straße - neben dem später erbauten Rathaus. Das Grundstück reichte bis zum Weserufer.

Gymnasium Vegesack besucht

Mit einem Hüftleiden geboren, bestimmte die Familie für Tami die Ausbildung zur Lehrerin, obwohl sie sich dagegen sträubte. Sie besuchte in Vegesack das Gymnasium, studierte dann in Bremen bei Prof. August Kippenberg auf dem Lehrerinnenseminar. Ihre körperliche Behinderung, mehr noch die damit verbundene Abwertung und Fremdbestimmung empfand sie zu Recht als rüde Einschränkung ihre persönlichen Entscheidungsfreiheit. Daraus entwickelte sich ihre lebenslange Oppositionshaltung.

Ihr Aggressivität gegen das Schulsystem, vor allem aber gegen den "Roten Plüsch" ihres Elternhauses entlud sich in Gedichten und Erzählungen. Als ihre ersten Verse in der Sonntagsbeilage der Bremer Nachrichten gedruckt wurden, reagierte der Vater drohend: "Das verbitt ich mir ganz entschieden! Liebesgedichte - schließlich ist es mein guter Name!"

Damit waren nicht nur die Grenzen elterlicher Toleranz klar aufgezeigt. Auch die Illegalität schriftstellerischer Tätigkeit verankerte sich früh in ihrem Bewusstsein. 1908 bestand sie ihr Lehrerinnenexamen und erhielt eine Anstellung in Grohn. Sie mietete sich das Haus eines Grohner Erbfischers unten am Lesumufer um hier ungestört schriftstellerisch tätig zu sein.

Begeistert von reformpädagogischen Ideen, die sie großzügig an ihren Schülern praktizierte, entsetzten die Eltern der Kinder und riefen den Schulrat auf den Plan. Tami Oelfken wurde in ein Moordorf versetzt und kam so in Berührung mit den frühen Worpswedern - vor allem mit Heinrich Vogeler. "Sein Einfluss auf mich war nachhaltiger, als irgend ein anderer.." bekennt sie. Ihre endgültige Kündigung vom Staatsdienst 1918 mag hier ihren entscheidenden Grund haben.

Treffpunkt von Intellektuellen

Auf Vogelers Barkenhoff fanden sich viele Intellektuelle und Künstler ein, die eher dem linken Gedankenspektrum zuneigten. Vogeler etablierte auf seinem Barkenhoff eine idealkommunistische Arbeitsschule. Tami Oelfken diskutierte mit ihm über eine im Sinne Tolstois herzustellende Fibel für diese Arbeitsschule.

Als Vogeler nach Russland aufbrach, verließ auch Tami Oelfken Worpswede. Sie schloss sich dem Spartakusbund an, einer radikalkommunistischen Vereinigung unter Rosa Luxenburg und Karl Liebknecht. 1920 versorgte sie auf den Barrikaden von Gotha während des Kapp-Putsches verwundete Genossen. Um 1930 leitete sie in Berlin-Dahlem eine Reformschule. Solch abenteuerliche politische Eskapaden waren für ihre Blumenthaler Leserschaft inakzeptabel. Sie galt als "Kommunistin" und als Unperson, wobei man sich die Mühe sparte, die Qualität ihrer literarischen Texte auch nur zu prüfen.

Ihre Berliner Schulgemeinschaft "Tami Oelfken" wurde 1933 von den Nazis geschlossen und sie selbst mit lebenslangem Schreibverbot belegt. Die Emigrantin versuchte vergeblich in Paris oder London eine Schule für Emigrantenkinder aufzubauen.

Anerkennung bleibt aus

Unter Pseudonym schlugt sie sich mühsam mit redaktioneller und Lektorenarbeit durch. Das Jahr 1945 erlebte sie in Überlingen am Bodensee. Die erwartete Anerkennung und Breitenwirkung blieb aus. Für Blumenthal wichtig ist ihr Roman "Maddo Clüver".

Als einzige Autorin schildert sie in ihrem gut lesbaren Roman die Problematik der Integration polnischer Arbeiter mit der hiesigen Bevölkerung. Selbst auf der Schattenseite der Gesellschaft stehend, beschreibt sie mit großer Sympathie das Anderssein der Fremden. Hellsichtig und unverblümt weist sie auf die Umweltprobleme infolge der Industrialisierung hin. Eine Heimatkunde besondere Art, deren unterschwellige Mahnungen von erstaunlicher Aktualität sind.

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