Heinz Ratz präsentiert seine fabelhafte „Autorevue“ / Am Freitag Premiere im Schuppen Eins

Autos sind auch nur Menschen

Überseestadt. Im Schuppen Eins bereitet man sich gerade auf ein schwergewichtiges Bühnenensemble vor. In wenigen Tagen ist Premiere.
14.09.2015, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Anke Velten
Autos sind auch nur Menschen

Organisator Heinz Ratz mit seiner „ Lady in Red“, ein Pontiac Firebird, der in der ersten Auto-Theater-Revue ab 18. September im Schuppen Eins eine zentrale Rolle spielt.

Walter Gerbracht

Im Schuppen Eins bereitet man sich gerade auf ein schwergewichtiges Bühnenensemble vor. In wenigen Tagen ist Premiere. Das Stück heißt „Die Kieler Blechmusikanten“. Hauptdarsteller sind 13 ausgewachsene Autos. Eine „Auto-Theater-Revue“ – so etwas hat es noch nie gegeben. Die Aufführungen werden spektakulär, wundersam und sehr lustig, versprechen die Organisatoren. Aber sie haben auch einen tieferen Sinn – wie alles, was der Autor und künstlerische Tausendsassa Heinz Ratz produziert. Das Engagement gegen Ausgrenzung und für mehr Menschlichkeit ist das Lebensthema des 47-jährigen Schriftstellers, Musikers und Aktivisten, den manche einen Weltverbesserer nennen.

Die Gastgeber im Schuppen Eins kennen solche Reaktionen: Besucher und Besucherinnen im Zustand völliger Entrückung vor dem einen oder anderen Fahrzeugmodell sind dort überhaupt nichts Ungewöhnliches. Es gibt dort ja auch immer viel zu bewundern: Oldtimer aus allen Dekaden der Automobilgeschichte, Raritäten, Traumautos. Wer sich zu den Leuten zählt, die ihr Auto hegen und pflegen, dekorieren oder ihm sogar einen Namen geben, der weiß: Es muss Liebe sein. Für viele Menschen sind Autos mehr als nur Fortbewegungsmittel. Sie können Emotionen wecken, sind verbunden mit persönlichen Erinnerungen – echte Weggefährten, sozusagen. Und sie sind nicht zuletzt auch Spiegelbilder ihrer Zeit und ihrer Besitzer, sagt Heinz Ratz. Er beschloss, dieses Phänomen als künstlerische Inspiration zu betrachten, und machte Autos selbst zu Helden eines Theaterstückes. Und er verlieh ihnen dafür menschliche Züge.

Die Namensähnlichkeit ist nicht zufällig: Genau wie im Märchen von den Bremer Stadtmusikanten sind seine vierrädrigen Protagonisten Außenseiter der Gesellschaft, die sich mit ihrem Schicksal nicht abfinden wollen. Dabei geht es um ein Quartett altgedienter Autos, die gemeinsam Reißaus nehmen, um nicht auf dem Schrottplatz zu landen. Und weil der Autor im Laufe der Zeit zum Sammler ausrangierter Autos wurde, hatte er das Personal für sein Theaterstück bald zusammen: Der cognacfarbene Honda Prelude, Baujahr 1981, der fabrikneu 35 Jahre lang in der Garage gestanden hatte, weil sein Besitzer verstorben war, bekam die Rolle des klugen Onkel Pelle. Aus dem kanariengelben Fiat 126 wurde der Gigolo und Gernegroß Giacomo. Der Porsche 928 bekam eine Midlife-Crisis verpasst, der Pontiac Firebird wurde zur „Lady in Red“, die den maskulinen Typen die Köpfe verdreht. Insgesamt 13 alte Autos – darunter auch ein ehemaliges Polizeiauto – werden ihre Rolle spielen.

Auf Motorengeräusche und Abgaswolken muss sich das Publikum nicht einstellen, sondern auf eine Mischung aus Schauspiel und Lesung mit viel Musik und Lichteffekten. Für so etwas eine passende Bühne zu finden, ist offensichtlich nicht leicht. Im Schuppen Eins habe er die „perfekte Location“ für die Uraufführung gefunden, lobt Ratz. Anschließend fahren die „Kieler Blechmusikanten“ ins Automuseum Melle und dann ins Gut Bossee in Schleswig-Holstein.

Das klingt wie ein sehr unterhaltsames Spektakel. Das soll es auch sein, und hat doch eine sozialkritische Moral. „Vor einigen Jahren wollte ich mich von meinem Gebrauchtwagen trennen – einem soliden, fahrbereiten Volvo“, erzählt Ratz. „Ich wollte ihn verschenken. Aber niemand wollte ihn haben.“ Thema des Stückes ist einerseits, wie schnell Dinge in der wohlhabenden Wegwerfgesellschaft an Wert und Wertschätzung verlieren. Andererseits handelt das Stück auch von der ganz menschlichen Erfahrung, auf dem alten Eisen zu landen, nicht mehr dazuzugehören und als nutzlos verachtet zu werden.

Denn solche gesellschaftlichen Fragen ziehen sich wie ein Leitmotiv durch das Leben und die künstlerische Biografie von Heinz Ratz, die selbst die Geschichte einer Wanderschaft sind. Der Sohn eines deutschen Arztes und einer Mutter mit peruanisch-indianischen Wurzeln wuchs in Spanien, Peru, Saudi-Arabien, Jordanien und der Schweiz auf, brach die Schule ab, lebte auf der Straße, zog weiter nach Argentinien und Großbritannien, und ist nach ungefähr 50 Umzügen schließlich in Kiel sesshaft geworden. Als Schriftsteller veröffentlichte er Gedichte, Kurzgeschichten, Satiren und mehr als ein Dutzend Theaterstücke. Als Musiker ist Ratz seit 13 Jahren mit der Band „Strom und Wasser“ unterwegs, und zwar so gut, dass der Kollege Konstantin Wecker mit den Worten zitiert wird: Seit er Ratz entdeckt habe, sei es ihm um die Zukunft deutscher Liedermacher nicht mehr bang.

Als Aktivist setzt sich Ratz seit Jahren für Umwelt und Menschen ein, gab Benefizkonzerte für Obdachlose und engagierte sich für Flüchtlinge – schon lange, bevor die breite Gesellschaft auf sie aufmerksam wurde. Medial Furore machte Heinz Ratz mit seinem „Moralischen Triathlon“: Im Jahr 2008 setzte er mit einem 1000 Kilometer-Fußmarsch ein Zeichen gegen die soziale Kälte, 2009 schwamm er mehr als 800 Kilometer durch deutsche Flüsse, um für Wasser- und Artenschutzpolitik zu plädieren. 2011 schließlich legte er 7000 Fahrrad-Kilometer zurück und besuchte dabei Flüchtlingsheime in 70 deutschen Städten. 2012 bekam Heinz Ratz für sein herausragendes persönliches Engagement die Integrationsmedaille der Bundesregierung. Und ein bisschen von alledem steckt auch in seinen lustigen Blechmusikanten.

Premiere für die Autorevue „Die Kieler Blechmusikanten“ ist am Freitag, 18. September, 19.30 Uhr (Einlass 19 Uhr) im Schuppen Eins, Konsul-Smidt-Straße 20-26. Anschließend gibt es bis Sonntag, 27. September, täglich weitere Aufführungen (außer Freitag, 25. September). Eintrittskarten kosten 15, ermäßigt zehn Euro und sind im Café Hafenbrise im Schuppen Eins erhältlich. Reservierungen und weitere Informationen im Internet: www.kieler-blech.de.

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