Profiling-Experte beim WESER-Strand

Axel Petermann: „Kein Mensch ist von Natur aus ausschließlich böse“

Auch nach seiner Zeit bei der Bremer Kripo ermittelt Profiler Axel Petermann einfach weiter. Warum verbringt man seinen Ruhestand mit Toten? Beim WESER-Strand spricht Petermann über die Faszination des Bösen.
08.06.2019, 16:31
Lesedauer: 4 Min
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Axel Petermann: „Kein Mensch ist von Natur aus ausschließlich böse“
Von Nico Schnurr
Axel Petermann: „Kein Mensch ist von Natur aus ausschließlich böse“

Querdenker mit Konzept: Axel Petermann.

Frank Thomas Koch

Das Gespräch ist fast vorbei, als es plötzlich persönlich wird. Eine Stunde hat Profiler Axel Petermann so ruhig und nüchtern über Morde und Motive gesprochen wie andere über den Wocheneinkauf. Jetzt aber soll es nicht mehr um den Tod der anderen gehen, sondern um seinen eigenen. Bärbel Schäfer, Moderatorin des WESER-Strand, will wissen: Wie denkt einer, der in seinem Leben den Tod von mehr als tausend Menschen untersucht hat, über die eigene Endlichkeit?

Freitagabend, kurz vor 22.30 Uhr. Im Halbdunkel spiegeln sich die Lichter des Café Sand auf der Weser. Drinnen sitzt Axel Petermann, 66, mit überschlagenen Beinen auf einem Ledersessel, streicht über seine nackenlangen Haare, zupft an seinem weißen Schnäuzer. Er seufzt. Setzt eine kurze Kunstpause. Vielleicht hat ihn die Frage überrascht. Vielleicht sucht er in dieser Sekunde wirklich nach den richtigen Worten. Vielleicht ahnt dieser kühle Analytiker aber auch einfach nur, dass er gleich die Pointe dieses Abends setzen wird.

Und dann sagt Petermann, dieser notorisch neugierige Mann, der auch im Ruhestand einfach weiterermittelt: „Mit dem Sterben möchte ich eigentlich gar nichts zu tun haben, nur beruflich. Den eigenen Tod versucht man ja vielleicht doch ein bisschen auszublenden.“ Und natürlich wäre Petermann nicht Petermann, wenn er nicht sofort etwas sehr Sachliches hinterherschieben würde. „Das ist sehr blauäugig, das ist mir schon klar.“ Blauäugig. Der Mann, der erst einmal gar nichts glaubt und alles hinterfragt, wenn es um den Tod anderer geht, denkt blauäugig über sein eigenes Ende. Der schönste Widerspruch dieses Abends mit einem Typen, der nicht aufhören kann, Widersprüche aufzuklären.

Vier Jahrzehnte arbeitete Petermann bei der Bremer Kripo, eine Zeit lang leitete er die Mordkommission. Unter den nach außen eher schweigsamen Beamten galt er schon damals als Exot. Petermann haben die Kameras nie gestört. Er hat die Öffentlichkeit gesucht, und die Öffentlichkeit hat einen wie ihn gesucht, der bereit ist, von seiner Arbeit an Abgründen zu berichten. Petermann ist immer schon beides gewesen: Ermittler und Erzähler.

Irgendwann wurden seine Fälle dann tatsächlich zu Geschichten und der Kriminalist zum Krimiautoren. True Crime nennt man das heute, wahrer Kern, dramaturgisches Drumherum. Bestsellermaterial, auch die Lesungen laufen. Petermann hat den Stoff und die Stimme, tief, ein bisschen kratzig und rau, aber nicht zu sehr, Marke Märchenerzähler. Im vergangenen Jahr ist nach einer Reihe von Sachbüchern sein erster Roman erschienen. Während andere Kollegen die Sache mit dem Ruhestand wörtlich nehmen, arbeitet Petermann einfach weiter daran, einer der eigenwilligsten Ermittler zu sein, die man so kennt.

Petermann ist ein strukturierter Wirrkopf, ein Querdenker mit Konzept. Manchmal fragt man sich auch beim WESER-Strand, wie er es schafft, sich auf die Frage, wie gut er nachts schläft, in einem wilden Monolog über die Petermann-Uniform, Kaschmirpullover also, bevorzugt in Beige, und die Nachteile von Winterkleidung im Sommer zu verlieren. „Vielleicht bin ich einfach ein bisschen verrückt“, sagt Petermann, als er gefragt wird, warum er keine Angst an Tatorten hat. Wahrscheinlich hätte der Satz aber auch als Antwort auf so ziemlich alle anderen Fragen funktioniert.

„Ich bin da eine Ausnahme“

Ermittler sind auf ein Team angewiesen, sie können keine Einzelgänger sein. Es sei denn, sie heißen Axel Petermann. „Ich bin da eine Ausnahme“, sagt er, „ich bin gerne für mich und mache mir meine eigenen Gedanken.“ Vielleicht auch deshalb, weil er sich als Pionier im Profiling anfangs profilieren musste. Petermann wurde nicht wirklich ernstgenommen, als er in den 1990er-Jahren die operative Fallanalyse nach Deutschland brachte. Bis dahin hatten sie vor allem beim FBI versucht, das Verhalten eines Täters zu deuten. Sich in einen Mörder hineinzuversetzen, das hielt man in Deutschland dagegen lange für pseudowissenschaftlichen Unsinn. Profiling klang nach Kitsch und Krimiklischee, nach Hollywood, nach „Sherlock Holmes“ und „Das Schweigen der Lämmer“. Jedenfalls nicht wie etwas, das zum bürokratischen Behördenalltag passte. Petermann beharrte trotzdem darauf, und der Erfolg gab ihm Recht. Inzwischen findet man Fallanalytiker bei jedem Landeskriminalamt.

Profiling heißt bei Petermann: zurück an den Tatort. Selbst wenn der Mord schon zehn Jahre zurückliegt. Egal, Hauptsache hin. Er spielt nach, was passiert ist. Oder passiert sein könnte. Und wenn zum Tatzeitpunkt Blumen auf dem Küchentisch standen, dann stellt er eben frische Blumen auf. Man kann das esoterisch finden, aber Petermann hat mal gesagt, dass es darum geht, die Stimmung zu verstehen, die an einem Tatort geherrscht hat. Wer die Sache so angeht, darf dann auch die Blumen nicht vergessen.

„Bei der Tat trifft der Täter ständig Entscheidungen. Jede sagt etwas über ihn aus“, sagt Petermann. Beim WESER-Strand erklärt er das Prinzip Profiling so: „Normalerweise ermittelt man auf der Spur. Profiler suchen die Spur hinter der Spur.“ Petermann glaubt, es braucht mehr als eine DNA-Analyse, um einen Mord aufzuklären. Er will sich nicht auf die Spuren verlassen, sondern selber beobachten. Details wahrnehmen, daraus eine Ereigniskette konstruieren. Den Täter verstehen, seine Gedanken und Motive entschlüsseln. „Kein Mensch ist von Natur aus ausschließlich böse“, sagt Petermann, „das Böse liegt immer in der Tat.“

„Grausamkeiten faszinieren mich nicht“

Als junger Polizist wurde Petermann einmal am Unfallort ohnmächtig. Er konnte kein Blut sehen. Inzwischen geht es. Aber er macht das alles immer noch nicht, weil ihn Brutalität in den Bann ziehen würde. „Grausamkeiten faszinieren mich nicht.“ Wenn Petermann ermittelt, versucht er, das Leid der Opfer auszublenden, „dann ist Tunnelblick“.

Warum verbringt man seinen Ruhestand mit Toten? Axel Petermann sagt, die Morde interessieren ihn nicht wirklich. Er liebt das Rätsel dahinter.

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