Pilotprojekt an drei Bremer Schulen gestartet / Schüler erleben wichtige Beziehungsarbeit mit

Babybesuch im Klassenzimmer

Ein Baby im Klassenzimmer kann langfristig das Schulklima verbessern: Das ist die zentrale Idee hinter dem 1996 in Kanada gestarteten Programm "Roots of Empathy" (übersetzt: Wurzeln der Empathie). Jetzt ist dieses Projekt auch in Deutschland angelaufen: Neun Säuglinge und ihre Mütter sind ab sofort an drei Bremer Oberschulen im Einsatz. Mittelfristig will das Bildungsressort das Programm ausbauen.
08.11.2012, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Anne Gerling
Babybesuch im Klassenzimmer

Cornelia von Ilsemann aus dem Bildungsressort wirbt für das Pilotprojekt: "Wir erwarten eine andere Haltung und dass die Verantwortung für das soziale Miteinander steigt."

Fotos: Gerbracht

Ein Baby im Klassenzimmer kann langfristig das Schulklima verbessern: Das ist die zentrale Idee hinter dem 1996 in Kanada gestarteten Programm "Roots of Empathy" (übersetzt: Wurzeln der Empathie). Jetzt ist dieses Projekt auch in Deutschland angelaufen: Neun Säuglinge und ihre Mütter sind ab sofort an drei Bremer Oberschulen im Einsatz. Mittelfristig will das Bildungsressort das Programm ausbauen.

Westend. Die Klasse 5a der Oberschule an der Helgolander Straße hat seit dieser Woche einen neuen Lehrer: Onno, vier Monate alt. Das Fachgebiet des Säuglings: Soziales Miteinander, Aggressionsabbau und emotionale und soziale Kompetenz. Kurz Empathie, die Fähigkeit, sich in andere Menschen hineinzudenken und sie zu verstehen. Auf diese Weise soll das Schulklima verbessert und zum Beispiel Mobbing vorgebeugt werden.

Neunmal wird Onno im Laufe des Schuljahres gemeinsam mit seiner Mutter Janna Wolff für jeweils 30 Minuten die Klasse besuchen. Die Schüler können dann miterleben, wie wichtig die Beziehung zwischen Mutter und Kind ist, welche Dinge für Onnos Entwicklung nötig sind und wie die Kommunikation zwischen Menschen funktioniert. Ein Trainer hilft den Kindern, Onnos Entwicklung zu beobachten und seine Gefühle zu benennen. Bei diesem Erfahrungslernen ist das Baby gleichzeitig "Lehrer" und eine Art Hebel, mit dem der Trainer den Kindern hilft, Gefühle bei sich selbst und anderen zu identifizieren und sie zu reflektieren.

"Roots of Empathy" (übersetzt: Wurzeln der Empathie) heißt das Programm, das 1996 in Kanada entwickelt wurde und seitdem dort und in anderen englischsprachigen Ländern erfolgreich läuft. Nun wird es erstmalig auch in Deutschland umgesetzt.

Insgesamt neun Babys sind dafür ab sofort an drei Bremer Schulen im Einsatz – und zwar an der Oberschule an der Helgolander Straße in Walle, der Oberschule Lehmhorster Straße in Blumenthal und an der Wilhelm-Focke-Oberschule in Horn-Lehe. Das ermöglicht Stifterin Imme Adler von der in Hamburg ansässigen API Kinder- und Jugendstiftung. Drei Jahre lang hat sie gemeinsam mit der kanadischen Lehrerin Mary Gordon, die das Programm 1996 ins Leben gerufen hat, daran gearbeitet, "Roots of Empathy" zu einem Pilotprojekt für den deutschen Sprachraum umzustricken.

"Seit meinem ersten Besuch in einem ’Roots of Empathy’-Klassenzimmer war mir klar, dass Deutschland dieses Programm braucht", sagt Imme Adler. "Warum? Weil ich gespürt habe, wie die Herzen der Kinder während einer Unterrichtsstunde aufgehen, wie sie sich verändern und wie sie miteinander wachsen. Schon nach wenigen Wochen nehmen die Kinder die Gefühle und Empfindungen ihrer Freunde wahr, gehen achtsamer miteinander und mit den Gefühlen der anderen um."

Engagierte Mitstreiter fand Imme Adler in Bremen, in der Bildungsbehörde und im Sozialressort. "Was keiner von dem Programm erwartet, ist, da kommt ein Baby, und nachher sind sie alle besser in Mathe. Aber wir erwarten eine andere Haltung und ein anderes Selbstbewusstsein, und dass die Verantwortung der Kinder für das soziale Miteinander dadurch steigt", sagt Cornelia von Ilsemann, Abteilungsleiterin Bildung. "Wir haben in der Schulbehörde und in der Jugendbehörde ein hohes Interesse daran, dass das Programm sich nachhaltig verbreitet und weiter entwickelt."

Wichtige Beziehungsarbeit

Das Pilotprojekt ist für drei Jahre konzipiert. "Interessierte Schulen sollten sich schleunigst melden", rät von Ilsemann. Für den Programmstart seien drei Schulen angefragt worden, "die auch schon in anderen Programmen gezeigt haben, dass sie sehr verantwortungsvoll mit der Schulentwicklung umgehen."

"So eine Gelegenheit kommt nicht alle Tage", freut sich Thomas Bendlin, Leiter der Oberschule an der Helgolander Straße, dem die Begeisterung für "sein" Baby Onno deutlich anzumerken ist. "Wir sind auch stolz, dass wir eine Mutter gefunden haben", betont er. Schließlich kann sich sicherlich nicht jede Mutter vorstellen, sich mit ihrem Baby in einen Raum voller quirliger Fünftklässler zu begeben.

"Ich fühle mich bei dem Programm sehr beschützt und habe nicht das Gefühl, dass ich da in die ’Höhle des Löwen‘ gehe", erzählt Onnos Mutter Janna Wolff aus dem Peterswerder. "Beim Training war es ruhig und kein Druck dabei." Während des Klassenbesuchs gebe es eine grüne Decke, die die Schüler als Onnos Bereich respektierten. Zudem finde sie als Buddhistin in dem Programm vieles wieder, das ihrer Philosophie entspreche, sagt Wolff. Und die Mutter ist außerdem überzeugt davon, dass auch ihr kleiner Sohn viele positive Erfahrungen aus dem Projekt mitnehmen wird.

"Empathie ist als Samen in jedem angelegt – ich interpretiere die "Wurzeln" so, dass wir als Eltern, Pädagogen oder Lehrer aufgerufen sind, diese Wurzeln zu pflegen – insofern passt die grüne Decke", meint Sonderpädagoge Steffen Gentsch. Er begleitet das Projekt an der Lehmhorster Straße als Trainer.

Ob denn das Programm nicht ein Tropfen auf den heißen Stein sei in einer Welt, in der im Fernsehen und in anderen Medien Gewalt geradezu allgegenwärtig sei?, wollte bei der offiziellen Präsentation von "Roots of Empathy" ein Zuhörer wissen. "Ich bin in unterschiedlichen Projekten ehrenamtlich tätig und davon überzeugt, dass es mindestens so viel Positives wie Negatives auf der Welt gibt. Wer wirklich etwas verändern will, muss bei sich anfangen, sonst überlässt man dem Negativen das Feld", antwortete Janna Wolff.

Informationen zu dem Projekt finden Interessierte online unter www.rootsofempathy.org.

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