Pilotprojekt läuft an drei Bremer Oberschulen

Babybesuch im Klassenzimmer

Ein Baby im Klassenzimmer kann langfristig das Schulklima verbessern: Das ist die zentrale Idee hinter dem 1996 in Kanada gestarteten Programm "Roots of Empathy" (Wurzeln des Mitgefühls). Jetzt ist dieses Projekt auch in Deutschland angelaufen: Neun Säuglinge und ihre Mütter sind ab sofort an drei Bremer Oberschulen im Einsatz. Mittelfristig will das Bildungsressort das Programm ausbauen.
07.01.2013, 05:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Anne Gerling
Babybesuch im Klassenzimmer

Im Programm "Roots of Empathy" besucht Jana Wolff aus dem Peterswerder mit ihrem Sohn Onno eine fünfte Klasse im Westend.

Roland Scheitz

Ein Baby im Klassenzimmer kann langfristig das Schulklima verbessern: Das ist die zentrale Idee hinter dem 1996 in Kanada gestarteten Programm "Roots of Empathy" (Wurzeln des Mitgefühls). Jetzt ist dieses Projekt auch in Deutschland angelaufen: Neun Säuglinge und ihre Mütter sind ab sofort an drei Bremer Oberschulen im Einsatz. Mittelfristig will das Bildungsressort das Programm ausbauen.

Westend·Peterswerder. Die Klasse 5a der Oberschule an der Helgolander Straße hat seit dieser Woche einen neuen Lehrer: Onno, einen Säugling. Sein Fachgebiet: Soziales Miteinander, Aggressionsabbau und emotionale und soziale Kompetenz. Kurz Empathie, die Fähigkeit, sich in andere Menschen hineinzudenken und sie zu verstehen. Auf diese Weise soll das Schulklima verbessert und zum Beispiel Mobbing vorgebeugt werden.

Neunmal wird Onno im Laufe des Schuljahres gemeinsam mit seiner Mutter Janna Wolff für jeweils 30 Minuten die Klasse besuchen. Die Schüler können dann miterleben, wie wichtig die Beziehung zwischen Mutter und Kind ist, welche Dinge für Onnos Entwicklung nötig sind und wie die Kommunikation zwischen Menschen funktioniert. Ein Trainer hilft den Kindern, Onnos Entwicklung zu beobachten und seine Gefühle zu benennen. Bei diesem Erfahrungslernen ist das Baby gleichzeitig "Lehrer" und eine Art Hebel, mit dem der Trainer den Kindern hilft, Gefühle bei sich selbst und anderen zu identifizieren und sie zu reflektieren.

"Roots of Empathy" heißt das Programm, das von Mary Gordon 1996 in Kanada entwickelt wurde und nun erstmals auch in Deutschland umgesetzt wird. Insgesamt neun Babys sind an drei Bremer Schulen im Einsatz – und zwar an der Oberschule an der Helgolander Straße in Walle, der Oberschule Lehmhorster Straße in Blumenthal und an der Wilhelm-Focke-Oberschule in Horn-Lehe – ermöglicht von Stifterin Imme Adler (API Kinder- und Jugendstiftung). Drei Jahre lang hat sie es gemeinsam mit der Mary Gordon "Roots of Empathy" zu einem Pilotprojekt für den deutschen Sprachraum gemacht.

Herzen der Kinder gehen auf

"Seit meinem ersten Besuch in einem ,Roots of Empathy’-Klassenzimmer war mir klar, dass Deutschland dieses Programm braucht", sagt Imme Adler. "Warum? Weil ich gespürt habe, wie die Herzen der Kinder während einer Unterrichtsstunde aufgehen, wie sie sich verändern und wie sie miteinander wachsen. Schon nach wenigen Wochen nehmen die Kinder die Gefühle und Empfindungen ihrer Freunde wahr, gehen achtsamer miteinander und mit den Gefühlen der anderen um."

Engagierte Mitstreiter fand Imme Adler in Bremen, in der Bildungsbehörde und im Sozialressort. "Was keiner von dem Programm erwartet, ist, da kommt ein Baby, und nachher sind sie alle besser in Mathe. Aber wir erwarten eine andere Haltung und ein anderes Selbstbewusstsein, und dass die Verantwortung der Kinder für das soziale Miteinander dadurch steigt", sagt Cornelia von Ilsemann, Abteilungsleiterin Bildung. "Wir haben in der Schulbehörde und in der Jugendbehörde ein hohes Interesse daran, dass das Programm sich nachhaltig verbreitet und weiter entwickelt." Das Pilotprojekt ist für drei Jahre konzipiert. "Interessierte Schulen sollten sich schleunigst melden", rät von Ilsemann. Für den Programmstart seien drei Schulen angefragt worden, "die auch schon in anderen Programmen gezeigt haben, dass sie sehr verantwortungsvoll mit der Schulentwicklung umgehen."

"So eine Gelegenheit kommt nicht alle Tage", freut sich Thomas Bendlin, Leiter der Oberschule an der Helgolander Straße, dem die Begeisterung für Baby Onno deutlich anzumerken ist. "Wir sind auch stolz, dass wir eine Mutter gefunden haben", sagt er und meint Janna Wolff aus dem Peterswerder. Sie fühlt sich in dem Programm sehr wohl. "Ich habe nicht das Gefühl, dass ich da in die ’Höhle des Löwen‘ gehe", sagt Onnos Mutter. "Beim Training war es ruhig und kein Druck dabei." Es gebe eine grüne Decke, die die Schüler als Onnos Bereich respektieren. Außerdem finde sie als Buddhistin in dem Programm vieles wieder, das ihrer Philosophie entspreche. Und sie ist außerdem überzeugt davon, dass auch ihr kleiner Sohn viele gute Erfahrungen macht.

Ob denn das Programm nicht ein Tropfen auf den heißen Stein sei in einer Welt, in der Gewalt allgegenwärtig sei, wollte ein Zuhörer bei der Präsentation von "Roots of Empathy" wissen. "Wer wirklich etwas verändern will, muss bei sich anfangen, sonst überlässt man dem Negativen das Feld", antwortete Janna Wolff.

Mehr auf www.rootsofempathy.org.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+