Umzug des DB-Instandhaltungswerks Weichenstellung für den Bahnstandort Bremen

Bremen soll Standort eines Kompetenzzentrums der Deutschen Bahn für alternative Antriebe werden. Diese Zusage der DB-Spitze will die Gewerkschaft EVG mit Leben erfüllt sehen. Sie macht jetzt eigene Vorschläge.
27.12.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Weichenstellung für den Bahnstandort Bremen
Von Jürgen Theiner

Die Hansestadt könnte zu einem führenden Standort für umweltfreundliche Bahntechnik mit Hunderten neuer Arbeitsplätze aufsteigen. Die Chancen dafür stehen nach Einschätzung der Bahngewerkschaft EVG gut, im zweiten Quartal 2021 sollen sie sich bei einem Arbeitstreffen mit Vertretern der Konzernspitze der Deutsche Bahn AG konkretisieren. Kern der Überlegungen ist eine Verlagerung der Fahrzeuginstandhaltung (FZI) aus Sebaldsbrück ins Umfeld des Hauptbahnhofs oder in den Bereich des Rangierbahnhofs Walle.

Die Instandhaltung am Standort Bremen galt in den vergangenen Jahren eher als Sorgenkind. Nach der Entscheidung der DB, die Lokhalle in Sebaldsbrück zu schließen, kam es dort zu einem massiven Abbau von Arbeitsplätzen, zuletzt wanderten einige Arbeitsbereiche nach Cottbus ab. Nur gut 300 Stellen gibt es derzeit noch in dem traditionsreichen Werk, in dem zur Jahrtausendwende rund 1000 Menschen beschäftigt waren. Die verbliebenen Techniker warten und reparieren Dieselmotoren von Lokomotiven.

Alternative Antriebstechnik

Allerdings wären auch diese Arbeitsplätze langfristig bedroht, schließlich setzt die Bahn verstärkt auf umweltfreundliche Antriebe. Neue Technologien wie Wasserstoffaggregate sind in der Entwicklung, auf der Strecke Bremervörde-Cuxhaven setzt die kleine Privatbahn EVB bereits ein solches Experimentalfahrzeug im Regelbetrieb ein. Von diesem Trend möchte auch die Sebaldsbrücker Belegschaft profitieren. Dass sie das im Grundsatz auch soll, wurde 2019 in einer Interessenausgleichsvereinbarung durch den DB-Konzern und den Gesamtbetriebsrat festgeschrieben. Darin steht, dass Sebaldsbrück zum Kompetenzzentrum für alternative Antriebstechnik weiterentwickelt werden soll.

Nun soll es also darum gehen, diesen Plan mit Leben zu erfüllen. Die Bremer EVG-Gewerkschafter haben dazu ein Positionspapier entwickelt. Federführend war dabei Peter Nowack, in früheren Jahren Betriebsratsvorsitzender in Sebaldsbrück. Nach einigen Jahren als Blumenthaler Ortsamtsleiter kehrte der politisch gut vernetzte Nowack 2020 in beratender Funktion zur DB zurück. Sein Ziel ist es, „seinem“ Sebaldsbrücker Bahnwerk eine Zukunftsperspektive zu verschaffen. Am jetzigen Standort wäre es dafür nach Einschätzung der EVG zu eng. Den Bahngewerkschaftern schwebt nämlich vor, diverse Bereiche der Bahn-Betriebstechnik sowie Verwaltungs- und Ausbildungskapazitäten des Konzerns an einem integrierten Standort zu bündeln und zukunftsträchtig aufzustellen.

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Kern eines solchen Komplexes wäre ein Fertigungs- und Instandhaltungswerk für klimafreundliche Antriebskomponenten, ergänzt um Zukunftstechnologien wie 3-D-Druck, die auch in der Bahntechnik Einzug halten. An einem solchen Standort könne „ein ähnlich imageprägender Technologiestandort entstehen, wie ihn Bremen bereits mit dem Automobilbau sowie der Luft- und Raumfahrt hat“, heißt es im EVG-Positionspapier. An diesen Komplex sollen nach dem Willen der Gewerkschafter auch die Ausbildungskapazitäten der DB in der Region angedockt werden. „Die müssen ohnehin deutlich erhöht werden, wenn der Konzern seine Zielzahlen erreichen will“, ist der Vorsitzende des EVG-Landesverbandes Andreas Weitz überzeugt.

Werkstatt für Züge im Expresskreuz

Integrierbar wäre aus Sicht der Gewerkschafter auch eine geplante Instandsetzungshalle für den künftigen Bahn-Regionalverkehr im Nordwesten, die im Bereich Oslebshausen entstehen soll. Hierbei handelt es sich um kein DB-Projekt, sondern um ein Vorhaben der Landesnahverkehrsgesellschaft Niedersachsen (LNVG). Die LNVG hatte vor einigen Monaten eine Ausschreibung für das sogenannte Bahn-Expresskreuz zwischen Osnabrück, Hannover und der Küste gestartet. Gegenwärtig wird es noch von der DB betrieben, sie lässt ihre roten Doppelstockzüge in einer konzerneigenen Halle nahe der Parkallee warten. Ab Ende 2024 soll der Gewinner der Ausschreibung 33 neue Züge im Nordwesten rollen lassen. Mehrere Ausschreibungsteilnehmer favorisieren nach Informationen des WESER-KURIER eine gegenwärtig ungenutzte Gleisanlage in Oslebshausen für Bau und Betrieb einer Instandhaltungshalle, in der die künftigen Expresskreuz-Züge in Schuss gehalten werden sollen.

An diesem Punkt überschneiden sich die Interessen der Bahngewerkschafter und der Bürgerinitiative Oslebshausen. Beide halten nichts von diesem Standort. Die Bürgerinitiative nicht, weil sie eine Lärmbelastung für angrenzende Wohnstraßen befürchtet; die EVG nicht, weil sie eine Einbindung dieser Wartungskapazitäten in den von ihr geforderten Technologiekomplex der DB für sinnvoller hält. Geeignete Standorte gibt es aus Sicht der Gewerkschafter unter anderem im Bereich der sogenannten Oldenburger Kurve, also in einem Gleisbogen in der Nähe des Nordwestknotens, sowie auf den Waller Rangiergleisen.

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Bei der LNVG sieht man allerdings kaum Chancen auf eine Integration ihres Projektes in einen möglichen neuen DB-Technologiestandort. „Die Vorgaben, die wir für das Angebot gemacht haben, sind fix und aus rechtlichen Gründen nicht mehr zu verändern“, sagt LNVG-Sprecher Dirk Altwig. Die gegenwärtigen Planungen der Ausschreibungsteilnehmer liefen auf eine Technikhalle im Bereich Oslebshausen hinaus.

Dem Optimismus der Bahngewerkschafter tut das keinen Abbruch. Sie setzen auf die Bereitschaft des DB-Vorstandes, seine Zusagen aus dem Jahr 2019 mit Leben zu erfüllen. Konkrete Ergebnisse erhoffen sie sich von einem Arbeitstreffen, zu dem Bahn-Infrastrukturvorstand Ronald Pofalla im zweiten Quartal 2021 in Bremen erwartet wird. Danach soll zumindest in Umrissen erkennbar sein, wie die Zukunft des Bahntechnik-Standortes in der Hansestadt aussieht.

Info

Zur Sache

DB-Werk Sebaldsbrück

Die Bahn-Instandhaltung in Sebaldsbrück hat eine mehr als 100-jährige Geschichte. Im April 1914 wurde auf einem Gelände an der Bahnstrecke Bremen-Wunstorf ein „Reichsbahn-­Ausbesserungswerk“ eröffnet, in dem zunächst Dampfloks und anderes rollendes Material gewartet und repariert wurden. 1962 erfolgte eine Spezialisierung auf Dieselloks. Nach der Jahrtausendwende ging es mit dem Standort bergab, die Zahl der Arbeitsplätze sank stetig. Nach 2019 verblieb aus dem früher sehr viel umfangreicheren Aufgabenspektrum nur noch die Aufarbeitung von Diesel-­Antriebsaggregaten.

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