Jubiläum in Blumenthal Bandonion-Verein feiert 100. Geburtstag

Blumenthal. Von der Entziehung der Rechtsfähigkeit und von der Aufforderung an etwaige Gläubiger, sich mit dem Liquidator in Verbindung zu setzen, war vor kurzem in den 'Amtlichen Bekanntmachungen' im Zusammenhang mit dem Nordbremer Bandonion-Verein 'Harmonie' zu lesen. Das Ende einer hundertjährigen Ära? Mitnichten. Der Verein ist nicht im Gefahr, sagt der zweite Vorsitzende Jürgen Teßmann.
09.02.2010, 05:22
Lesedauer: 3 Min
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Von Christina Denker

Blumenthal. Von der Entziehung der Rechtsfähigkeit und von der Aufforderung an etwaige Gläubiger, sich mit dem Liquidator in Verbindung zu setzen, war vor kurzem in den 'Amtlichen Bekanntmachungen' im Zusammenhang mit dem Nordbremer Bandonion-Verein 'Harmonie' zu lesen. Das Ende einer hundertjährigen Ära? Mitnichten. Der Verein ist nicht im Gefahr, sagt der zweite Vorsitzende Jürgen Teßmann.

Mit diesem Antrag an das Bremer Amtsgericht verfolgt der Verein lediglich das Ziel, seine bis dato aufwändige Verwaltungsarbeit zu vereinfachen. Ein rein bürokratischer Vorgang also, mit dem der Verein von einer Körperschaft in einen freien Verein umgewandelt werde, so Teßmann. Freunde der Bandoneon-Spieler können aufatmen: Der hundertste Geburtstag am 10. Oktober dieses Jahres wird selbstverständlich gefeiert. Und zwar, mit allem, was dazu gehört: Einem Empfang, eine Bandonion-Schau und musikalischen Einlagen. Darüber hinaus haben die Blumenthaler Musikanten die 'Promusika'-Plakette beim Bundespräsidenten beantragt. Diese Auszeichnung wird an Laienmusikgruppen verliehen, die ein Jahrhundert Vereinsgeschichte vorweisen können. Ein Jahrhundert Musikgeschichte ganz besonderer Art: Arbeiter aus dem Bremer Norden trafen sich im einstigen Kaiser- und Kolonialreich mit dem Bandoneon, dem 'Klavier des kleinen Mannes', im Gepäck in ihren Vereinslokalen.

Zunächst war der am 10. Oktober 1910 gegründete Verein 'Harmonie' ein Lernverein, erst 1011 gab es die ersten Konzerte. Nach dem ersten Weltkrieg jedoch maustere er sich zu einer beliebten Tanzkapelle der Arbeiterschaft. Musiziert wurde in erster Linie auf Vereinsfesten in den alten Gaststätten Blumenthals. Später dann, wegen des großen Interesse aus der Bevölkerung, etablierten sich öffentliche Tanzveranstaltungen, zum Beispiel im Dillener Hof, im Hotel Union und im Lüssumer Grund.

Im Laufe der 20er Jahre gab es im Norden Bremens bereits um die zehn Vereine, in denen sich Bandoneonisten tummelten und sich gegenseitig Konkurrenz machten. Das Musikinstrument, das anders als zu Beginn heute lediglich als Tangoinstrument wahrgenommen wird, war in der Arbeiterschaft sehr beliebt, die Bürgerschicht soll sich eher unbeeindruckt gezeigt haben.

Nicht nur die Geschichte des Vereins selbst, sondern auch die des Bandonions dokumentiert Jürgen Teßmann zu Hause in seinem Vereinsarchiv. Um 1900 zeigte sich die Bevölkerung von den ungewöhnlichen Tönen dieses Handzuginstruments begeistert, seine Blütezeit erlebte das Bandoneon in den 20-er Jahren, als Meisterspieler und Virtuosen auf sich aufmerksam machten - und sogar im Radio zu hören waren. Trotzdem, so Teßmann, blieb die Anerkennung der Fachwelt aus. 'Die professionellen Musiker verweigerten die übliche Griffschrift des Bandonions und für das Lernen nach herkömmlichen Noten war ihnen das Bandonion viel zu kompliziert. Also lehnten sie es als untauglich ab'. Die Arbeiterschaft soll damit keine Probleme gehabt haben.

Das ist schon lange, lange her, aber die Mitglieder von 'Harmonia' halten dem Bandonion und ihren Verein die Treue. In den hundert Jahren entlockten insgesamt 275 Vereinsmitglieder dem Instrument die ihm typischen Töne. Immer noch treffen sich die Mitglieder wöchentlich zu den Proben, jeden Dienstag von 10 bis 12 Uhr im Gasthaus 'Lagune' in Schwanewede. Wie Teßmann mitteilt, bemühe sich der neue Vorstand weiter um eine Anpassung an die Aufgaben der Gegenwart und eine Öffnung des Vereins zu Freunden des Bandoneons. Schon in den 50-er Jahren vollzog sich im Verein eine Öffnung nach außen: Ab 1955 galt 'Harmonia' nicht mehr als reiner Arbeiter-Musikverein. Gleichzeitig wurden auch andere Instrumente zugelassen: Die große Bandoneon-Begeisterung ruhte nach dem zweiten Weltkrieg, denn die Nachkriegszeit brachte Musik aus den USA nach Deutschland, Diskotheken liefen den Tanzveranstaltungen den Rang ab, Live-Kapellen wurden zu teuer. 'Die Vereine hatten in punkto Tanzmusik ausgespielt', so Teßmann.

Also sammelten sich die übrig gebliebene Schar von Bandoneonisten aus Bremen; hauptsächlich Rentner, die das Bandonion-Spiel im Ruhestand wieder aufnehmen wollten. 1980 dann erhöhte sich die Zahl der Spieler wieder, der Musikverein strukturierte wieder zum reinen Bandonion-Verein um. Ab 1987 mit Kontrabassspielern zu einer reinen Bandoneongruppe mit acht Bandoneonisten und einen Kontrabass Diese Formation hat bis 2009 bestanden. Altersbedingt wurde der Verein nun kleiner und konzertiert heute nicht mehr in der Öffentlichkeit. 'Er beschränkt sich auf vereinsinterne Traditionsfeste und wurde so zu einem Traditionsverein zur Pflege des kulturellen Erbes mit einem internen Jahresprogramm.

Wer aber an einem dieser Fest teilnehmen möchte, kann sich über die Vereinsmitglieder eine Einladung besorgen oder unter Telefon 04209 / 914417 anrufen.

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